Expressbusse:Außenherum geht's auch nicht schneller als mittendurch

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Expressbusse: Wer ist schneller am Ziel in Garching-Hochbrück? Die beiden SZ-Praktikanten Yannik Schuster (links) und Lukas Koperek testen die neuen Expressbuslinien im Vergleich zu S- und U-Bahn.

Wer ist schneller am Ziel in Garching-Hochbrück? Die beiden SZ-Praktikanten Yannik Schuster (links) und Lukas Koperek testen die neuen Expressbuslinien im Vergleich zu S- und U-Bahn.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Seit Dezember bilden sieben Expressbuslinien einen Ring um München. Sind sie eine Alternative zu S- und U-Bahn? Ein Praxistest zwischen Oberhaching und Garching-Forschungszentrum zeigt, dass sie dem Anspruch nur teilweise gerecht werden.

Von Lukas Koperek und Yannik Schuster, Landkreis München

Es ist kurz nach Mittag und eine tiefstehende, kalte Dezembersonne bringt den mit Raureif überzogenen Bahnhof Furth zum Glitzern. Die S 3 fährt im 20-Minuten-Takt: erst Richtung Holzkirchen, dann, drei Minuten später, auf dem anderen Gleis Richtung Mammendorf. In der Zwischenzeit ist der Bahnsteig wie leergefegt. Doch nicht an allen Haltestellen im Landkreis - und nicht zu jeder Uhrzeit - geht es derart verschlafen zu. Für viele Pendler bedeutet der Weg zur Arbeit Stress: mehrfaches Umsteigen, von einer überfüllten Bahn in die nächste. Nicht wenige müssen gar den Umweg über die Münchner Innenstadt nehmen, um von einem Ort im Landkreis zu einem anderen zu gelangen. Das kostet nicht nur Zeit, sondern auch Nerven - und funktioniert wegen technischer Probleme und Baustellen besser, mal schlechter und manchmal überhaupt nicht.

Aus diesem Grund hat der Münchner Verkehrsverbund MVV Anfang Dezember eine neue Ringbuslinie an den Start gebracht: Sieben Expressbuslinien, von denen vier im Landkreis fahren, sollen eine zeitsparende und klimafreundliche Alternative zum Pendeln mit dem Auto oder über Umwege durch die Stadt schaffen. Weniger Stopps, kürzere Wege, neue Verbindungen. Abfahrt ist werktags alle 20 Minuten, an Sonn- und Feiertagen im Stundentakt. "Genau so muss öffentlicher Personennahverkehr funktionieren!", freut sich Verkehrsministerin Kerstin Schreyer (CSU), die eine staatliche Mitfinanzierung zugesagt hat. Klingt vielversprechend. Aber wie gut sind die Expressbusse wirklich?

Expressbusse: Yannik Schuster wartet am S-Bahnhof Furth bei Oberhaching auf den Express-Bus X 203 nach Haar.

Yannik Schuster wartet am S-Bahnhof Furth bei Oberhaching auf den Express-Bus X 203 nach Haar.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Zurück am Bahnhof Furth: Es ist 13.58 Uhr, aber vom Bus X 203 (Abfahrt 13.59 Uhr) ist noch nichts zu sehen. Um von hier aus einmal quer durch den Landkreis bis zur Haltstelle Garching-Forschungszentrum zu kommen, braucht man laut Fahrplan gut anderthalb Stunden und zwei Umstiege. Das sind eine halbe Stunde und ein Umstieg mehr als für die Strecke mit S- und U-Bahn.

Mit ein paar Minuten Verspätung fährt der Bus schließlich vor. Aber der Fahrplan scheint hier sowieso keinen zu interessieren: Bis X 203 sich wieder in Bewegung setzt, sind bereits 20 Minuten vergangen. Ohne weitere Fahrgäste rollt er los, über die A 995 und A 8 Richtung Hohenbrunn und weiter über Putzbrunn bis Haar. Dafür benötigt der Bus 33 Minuten. Im Straßenverkehr ist mehr los als auf den Schienen: Ampeln, Verkehr, eine Zivilstreife mit Blaulicht und Martinshorn. Wer den Landkreis kennenlernen möchte, der kommt im Expressbus auf seine Kosten.

Expressbusse: Kollege Lukas Koperek wartet an der Haltestelle Furth bei Oberhaching auf die S-Bahn Richtung München.

Kollege Lukas Koperek wartet an der Haltestelle Furth bei Oberhaching auf die S-Bahn Richtung München.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Nimmt man stattdessen die Bahn, sieht die Strecke folgendermaßen aus: Um 14.13 Uhr, mit einminütiger Verspätung, fährt die S 3 Richtung Mammendorf im Bahnhof Furth ein. Der Bus X 203, der eigentlich schon seit einer Viertelstunde unterwegs sein sollte, steht zu diesem Zeitpunkt noch an der Haltstelle. Mit der S-Bahn dauert es laut Fahrplan 23 Minuten bis zum Marienplatz, aber die eine Minute Verspätung wird irgendwo zwischen den zehn Haltestellen, die bis dahin angefahren werden, wieder wettgemacht, und so bleiben am Marienplatz genau zehn Minuten, um die U 6 Richtung Garching-Forschungszentrum zu erwischen.

Die Anzeige am Gleis macht die Hoffnung auf ein pünktliches Eintreffen in Garching jedoch zunichte: "Wegen Reparaturarbeiten im Bereich Fröttmaning kommt es auf der Linie U 6 derzeit zu einer Streckenunterbrechung." Richtig anzukommen scheint die Ankündigung erst, als die Bahn in Fröttmaning hält und der Fahrer die irritierten Fahrgäste per Durchsage bittet, auszusteigen und den Ersatzzug auf dem Gleis gegenüber zu nehmen: "Er sollte in zehn bis fünfzehn Minuten kommen."

Das Gleis ist voll, offenbar noch Gestrandete von der Bahn vorher. "Schon wieder typisch hier", mokiert sich eine Frau mit zwei vollen Einkaufstaschen. "Mehr kann ich dazu nicht sagen." Unter den Wartenden ist auch ein junger Mann mit lockigem Haar und einer Aktentasche über der Schulter. Er heiße Hendrik, sagt er, und studiere Physik an der Technischen Universität. Die Verzögerung sieht er gelassen: "Die U-Bahn, muss man sagen, fährt eigentlich immer." Mehrmals wöchentlich nehme er die U 6 vom Marienplatz zum Forschungszentrum. Von den neuen Expressbussen habe er zwar gelesen, für diese Strecke böten sie jedoch keine Alternative. "Gelegentlich, wenn es wie heute wieder irgendwelche Probleme gibt, fragt man sich mal: Hm, könnten die das nicht besser organisieren? Aber im Großen und Ganzen brauche ich mich nicht zu laut zu beschweren." Er zuckt die Achseln. "Die Welt ist eine Baustelle."

Expressbusse: Von Oberhaching geht es mit der Linie X 203 zunächst nach Haar, von dort mit der Linie X 202 weiter nach Feldkirchen und über Aschheim und Ismaning nach Garching-Hochbrück.

Von Oberhaching geht es mit der Linie X 203 zunächst nach Haar, von dort mit der Linie X 202 weiter nach Feldkirchen und über Aschheim und Ismaning nach Garching-Hochbrück.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Zurück im Expressbus: Ausstieg am Bahnhof Haar, mit der Buslinie X 202 weiter nach Feldkirchen, Aschheim, Ismaning und, nach insgesamt 42 Minuten, Garching-Hochbrück. Diesmal sind drei Fahrgäste im Bus - immerhin. Sie zeigen sich angetan von den neuen Expressbuslinien. Tara Wiredu aus Garching etwa nutzt den X 202 seit kurzem regelmäßig, um zur Schule nach Haar zu gelangen. Weniger Umstiege seien der entscheidende Faktor. Und trotzdem sind die Haltestellen verwaist, die Sitzreihen leer. Eine Frage drängt sich auf: Wissen die Menschen überhaupt von dem neuen Angebot? Ja, sagt MVV-Pressesprecherin Franziska Hartmann. Das Marketing-Konzept um Online-Werbeanzeigen und Radio-Spots zeige Wirkung.

Die Gespräche mit Fahrgästen nähren jedoch Zweifel an der Kampagne. Christian Ludwig aus Fischerhäuser etwa merkt an, er habe erst unmittelbar vor seinem Zustieg in den X 202 von der Existenz der Expressbusse erfahren. Dennoch ist der erste Eindruck positiv: "Die Linie verkürzt meine Fahrtzeit nach Hochbrück um eine Viertelstunde im Vergleich zur U-Bahn." Ein Fahrgast aus Aschheim, der seinen Namen nicht preisgeben möchte, hat ebenfalls nichts von den neuen Bussen gewusst. Eigentlich habe er auf eine andere Linie gewartet. Er fahre häufiger nach Haar oder Garching, sagt er, da sei der Expressbus durchaus nützlich: "Ich finde das super. Man ist fast so schnell wie mit dem Auto. Der Expressbus ist daher eine echte Alternative."

Drei erkennbare Vorteile bieten die neuen Expressbuslinien: erstens eine Zeitersparnis für kürzere Tangential-Strecken innerhalb des Landkreises, zweitens eine Entlastung des S- und U-Bahn-Netzes im Stadtgebiet, drittens finanzielle Pluspunkte für Pendler im Landkreis. Wer nicht nach München muss, sondern nur gezwungen war, dort umzusteigen, der kann beim Fahrkartenkauf künftig auf die Tarifzone M verzichten und den einen oder anderen Euro sparen.

Kirchheims Bürgermeister Maximilian Böltl (CSU) äußert sich hoffnungsvoll über die Anbindung seiner Gemeinde: "Pendler aus unserer Gemeinde profitieren von kurzen Wegen und schnellen Anschlüssen an die U- und S-Bahn, ohne Umwege über die Münchner Innenstadt nehmen zu müssen." Und auch der MVV zeigt sich mit dem Start zufrieden. Dennoch räumt Pressesprecherin Hartmann ein: "Gerade in der aktuellen Situation mit Einschränkungen durch die Pandemie brauchen neue Linien nicht nur wenige Tage, sondern eher Monate bis Jahre, um sich einzuschwingen."

Auf dem Bahnsteig in Fröttmaning kommt nun endlich der Ersatzzug für die U 6 an. Die Frau mit den Einkaufstaschen und der Physikstudent Hendrik steigen zügig ein. Doch kein Grund zur Eile: Der Zug steht ohnehin eine Weile mit offenen Türen am Bahnsteig. Erst als es drinnen schon genauso kalt ist wie draußen, zuckelt er los, in Minimalgeschwindigkeit bis Garching-Hochbrück - eine Strecke, für die er doppelt so lange braucht wie vorgesehen. Gegen 15.30 Uhr, mit gut 20-minütger Verspätung, kommt der Zug am Garchinger Forschungszentrum an.

Expressbusse: Geschafft: Mit 25 Minuten Verspätung kommt der Expressbus an der Haltestelle Forschungszentrum in Garching an.

Geschafft: Mit 25 Minuten Verspätung kommt der Expressbus an der Haltestelle Forschungszentrum in Garching an.

(Foto: Sebastian Gabriel)

Der Expressbus sollte dem Fahrplan nach sechs Minuten später, um 15.36 Uhr, eintreffen. Doch auch dieses Ziel war zu ambitioniert. Erst nach zwei Stunden Fahrt, mit 25 Minuten Verspätung, geht die Busfahrt vom Bahnhof Furth bis zum Forschungszentrum zu Ende - erneut ohne weitere Fahrgäste. Inzwischen ist es noch kälter geworden und auch dunkler. Langsam setzt die Abenddämmerung ein.

Erschienen in der SZ vom 30. Dezember 2021

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