Derblecken:Gratwanderung in hitzigen Zeiten

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Derblecken: Michael Müller gibt beim wohl bekanntesten Starkbieranstich des Landkreises in Taufkirchen traditionell den Ritter Blech. Statt nur draufzuhauen, will der Redner die Taufkirchner "zusammenbringen".

Michael Müller gibt beim wohl bekanntesten Starkbieranstich des Landkreises in Taufkirchen traditionell den Ritter Blech. Statt nur draufzuhauen, will der Redner die Taufkirchner "zusammenbringen".

(Foto: Claus Schunk)

Mitten im Kommunalwahlkampf startet die Starkbiersaison, und manchem Politiker dürfte bereits der Angstschweiß auf der Stirn stehen. Die Redner interessieren sich vor allem für lokale Besonderheiten und bereiten sich akribisch auf ihre Einsätze vor.

Von Bernhard Lohr

Entlarvende Wahrheiten, Spott und Häme: Das kann ein Politiker schon in normalen Zeiten nicht unbedingt gebrauchen. Deshalb fällt bei den Ministern, Abgeordneten und Bürgermeistern das Lächeln oft recht gequält aus, wenn sich nach einer treffenden Pointe des Krügelredners der ganze Saal vor Lachen biegt und brüllend auf die Schenkel klopft. Mit blankem Angstschweiß dürfte daher mancher Volksvertreter, der am Aschermittwoch beginnenden Starkbierzeit entgegensehen. Nur wenige Tage vor der Kommunalwahl stehen etliche Starkbierfeste an. Die Redner feilen schon an ihren Texten. Den Auftakt macht Michael Müller alias Ritter Blech in Taufkirchen an diesem Samstag, 29. Februar.

Das Spektrum der Veranstaltungen ist breit gefächert, und jeder Besucher sollte sich vorher bewusst machen, auf was für einen Spaß er sich da einlässt. Denn viele Starkbierfeste richten die Parteien selber aus, was natürlich für die Veranstalter den wunderbaren Effekt hat, dass vor allem der politische Gegner sein Fett abbekommen dürfte. Auch wenn sie anderes behaupten, wie etwa die CSU in Unterföhring, die am Samstag, 7. März, ihr Starkbierfest mit der Zusage anpreist, dass "quer durch alle Parteien" die Politiker derbleckt werden.

Ähnlich dürfte es in Haar bei der SPD sein, die ein besonderes Format gefunden hat: Am Aschermittwoch tritt die Zweite Bürgermeisterin Katharina Dworzak als "Prof. Dr. psych. neuro. KaDe" auf, um unter dem Slogan "Einfach irre?" die Kommunalpolitik aufs Korn zu nehmen. Gerade in der Gemeinde mit der größten psychiatrischen Klinik in Bayern eine Gratwanderung mit der roten Parteibrille auf der Nase, die Dworzak aber vergangenes Jahr ganz ordentlich hingekriegt hat.

Allzu kräftiges Draufhauen verbietet sich

Da ist der Anspruch bei Michael Müller in Taufkirchen ein anderer. Er gibt den Ritter Blech von Hilprandingen beim vielleicht prominentesten Starkbierfest im Landkreis München, zu dem sich regelmäßig auch höhere politische Chargen der Region wie Landrat Christoph Göbel und auch Abgeordnete einfinden. Veranstalter sind die Gemeinde und der Heimatverein. Müller sagt, sein Auftrag sei, "die Taufkirchner zusammenzubringen und zusammenzuführen". Allzu deutliche Parteinahme, allzu kräftiges Draufhauen auf einen verbietet sich da von selbst. Es gehe mehr um einen "Querschnitt", sagt Müller, der aber auch betont, ein paar Spitzen setzen zu wollen. Ihm sei es ein Anliegen, den Parteien den Spiegel vorhalten, sagt er. Über Jahre hinweg sei von ihnen eigentlich wenig zu hören - und jetzt vor der anstehenden Kommunalwahl hätten sie oft nur leere Slogans statt Inhalte zu bieten.

An Stoff freilich fehlt es den Krügelrednern gerade jetzt nicht. Die zahlreichen Podiumsdiskussionen mit Bürgermeisterkandidaten in den vergangenen Tagen und Wochen haben viele Steilvorlagen geliefert. So zum Beispiel die Aussage des Bürgermeisterkandidaten der Freien Wähler in Taufkirchen, Michael Lilienthal, der im Stil seines Parteichefs Hubert Aiwanger befand, dass die Arbeit eines Bürgermeisters "kein Hexenwerk" sei. So etwas zu toppen, sei schwierig, sagt Müller alias Ritter Blech: "Das ist eigentlich Kabarett pur."

Für den Krügelredner bedeutete das viel Arbeit

Ein Profi der anspruchsvollen, politisch gewürzten Unterhaltung ist Jürgen Kirner, der in Haar im Auftrag des Bezirks Oberbayern seit vier Jahren auf dem Starkbierfest im Kleinen Theater als Bruder Jürgen die Krügelrede hält. Und Kirner, der nicht in Haar wohnt, weist gleich weit von sich, am Mittwoch, 4. März, irgend jemanden schonen zu wollen. Auch vor Parteinahme scheut er sich nicht, wenn er es für richtig hält. "Ich bin nicht da, von allen geliebt zu werden", sagt Kirner, der sich als Fernsehmoderator, Volkssänger, Kabarettist und Autor, der geradeheraus sagt, was er denkt, überregional einen Namen gemacht hat. "An mir kann man sich gerne reiben", sagt Kirner, "denn ich sage meine Meinung." Wobei die selbstredend qualifiziert sein muss. Für jemanden wie Kirner bedeutet das viel Arbeit. Denn die Welt-, Bundes- und Landespolitik hat jemand wie er natürlich auf dem Schirm.

Mögliche Themen einer gepfefferten Nockherbergrede kann er aus dem Stegreif aufzählen. Aber was die Haarer Politik angeht? Was sich Bürgermeisterin Gabriele Müller (SPD) und der Herausforderer Andreas Bukowski von der CSU an den Kopf werfen? Das muss Kirner selbst auch erst nachlesen. Und das tut er freilich fleißig. Das ganze Jahr über ist der Volkssänger, der im Münchner Westen zu Hause ist, einer der eifrigsten Leser lokaler Nachrichten im Münchner Osten. Und da ist ihm schon mehrmals aufgefallen, dass in der Gemeinde Haar seit Jahren und jetzt wieder äußerst erbittert vor allem zwischen SPD und CSU um die Macht im Rathaus gerungen wird. "Das ist nicht ganz ohne", sagt er. Und er hat auch einen Vergleich. Denn er hält auch in Fürstenfeldbruck eine Krügelrede. Was sich in Haar abspielt, sagt er sei "nicht vergleichbar mit Fürstenfeldbruck". Und: "Da liegen wirklich Welten dazwischen." Sogar Hinweise kriege er aus Haar, was man über den einen oder anderen sagen könnte. Das sei schon außergewöhnlich. Kirner ist übrigens immer noch für Informationen offen. Seine Rede schreibt er erst kurz vor knapp: Es kann ja noch etwas Aktuelles passieren.

Die Ismaninger dürfen sich dafür auf einen Starkbierredner freuen, der jede Gelegenheit nutzt, einen Spruch rauszuhauen, ganz egal wo er auch auftritt. Der Chef der Freien Wähler, Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger kommt am Samstag, 7. März, zum Starkbierfest der Freien Wählergemeinschaft in den Bürgersaal, wo die Freien mit einer großen Sause kurz vor der Wahl ihr 60-jähriges Bestehen feiern und zeigen wollen, dass sie in Ismaning eine Macht sind.

Dass ein Starkbierfest auch die Leute anzieht, wenn es politisch weniger hoch hergeht, zeigt Unterschleißheim. Dort ist die Stadtkapelle, auch am 7. März, Veranstalter der Gaudi mit "Stoaheben" und Wahl der Starkbierkönigin. Die Veranstaltung ist schon ausverkauft.

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