Wissenschaft und Technik:Eine Million mal mehr Energie als Kohle

Wissenschaft und Technik: Das Cala Lasercenter in Garching, an dem die Firma Marvel Fusion zusammen mit der Ludwig-Maximilians-Universität forschen wird, ist eines der leistungsfähigsten der Welt.

Das Cala Lasercenter in Garching, an dem die Firma Marvel Fusion zusammen mit der Ludwig-Maximilians-Universität forschen wird, ist eines der leistungsfähigsten der Welt.

(Foto: Catherina Hess)

In einer Kooperation wollen die LMU und das Start-up Marvel Fusion die Kernfusion entscheidend voranbringen. Dazu benötigen sie den Hochleistungslaser im Cala-Forschungszentrum auf dem Garchinger Campus.

Von Patrik Stäbler, Garching

Es hat fast etwas von einer Trauung, wie die zwei sichtlich fröhlichen Menschen nebeneinandersitzen, vor ihnen auf dem Tisch ein Blumenbouquet sowie Papier und Stift für die Unterschriften. Wie vor ihnen Fotoapparate und Handys gezückt werden. Und wie später - als wären nun die Trauzeugen dran - zwei weitere Personen Platz nehmen, um ebenfalls zu unterzeichnen. Tatsächlich jedoch wird im Centre for Advanced Laser Applications (Cala) auf dem Forschungscampus Garching keine Ehe geschlossen und auch keine Waschmaschine verkauft, wie Bernd Huber scherzt, während er seine Unterschrift setzt. Vielmehr besiegeln der Präsident der Ludwig-Maximilians-Universität und die anderen Unterzeichner eine Kooperation der LMU mit dem Start-up Marvel Fusion, die künftig in der Laserforschung zusammenarbeiten wollen. Quasi als reicher Onkel tritt dabei der Freistaat Bayern auf, der hierfür 2,5 Millionen Euro spendiert.

Die Kooperation sei für seine Firma ein Meilenstein, sagt Moritz von der Linden, der Geschäftsführer von Marvel Fusion. An dem Hochintensitätslaser des Cala, der zu den leistungsfähigsten der Welt zählt, plane das Start-up "entscheidende Experimente", um seinem großen Ziel näherzukommen - nämlich der Energiegewinnung durch laserbasierte Kernfusion. Diese könne "ein wichtiger Pfeiler in der Energieversorgung von Europa und der Welt" sein, ist von der Linden überzeugt. Der Chef der 2019 gegründeten Firma kündigt in Garching an, dass Marvel Fusion schon in zehn Jahren erste Kernfusionskraftwerke bauen werde. "Das ist realistisch, und vielleicht schaffen wir es auch etwas schneller."

Wissenschaft und Technik: Marvel-Chef Moritz von der Linden (links) mit Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume am Donnerstag bei der Vertragsunterzeichnung in Garching.

Marvel-Chef Moritz von der Linden (links) mit Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume am Donnerstag bei der Vertragsunterzeichnung in Garching.

(Foto: Catherina Hess)

Angesichts von so viel Zuversicht drängt sich der Gedanke an ein bei Atomphysikern beliebtes Bonmot auf. Es lautet: Die Kernfusion ist nur 20 Jahre von der Marktreife entfernt - und das schon seit 60 Jahren. Tatsächlich ist die Idee, nach dem Prinzip der Sonne zwei Atomkerne zu verschmelzen und daraus Energie zu gewinnen, alles andere als neu. So spricht auch Bayerns Wissenschaftsminister Markus Blume (CSU) in Garching von der Kernfusion als "Dauerversprechen zur Lösung der großen Energiefragen". Doch leider, so Blume, "war der Fortschritt eher auf der Zeitachse zu sehen". Dies habe sich aber geändert: "Die Energiegewinnung mit Kernfusion war ein abstrakter Traum, jetzt kann sie langsam konkrete Hoffnung werden", sagt Blume. Ihm zufolge gibt es weltweit circa 35 Projekte mit neuen Ansätzen, die meisten davon in den USA - "aber auch eines in Deutschland".

Spätestens in zehn Jahren will das Start-up die ersten Kernfusionsreaktoren bauen

Gemeint ist die Münchner Firma Marvel Fusion, die der laserbasierten Kernfusion zum Durchbruch verhelfen will. Anders als die meisten Konkurrenten setzt das Unternehmen dabei auf Wasserstoff und Bor als Treibstoff anstelle von Deuterium und Tritium. Laut Moritz von der Linden fällt dadurch kein radioaktiver Abfall an; zudem sei die Energiedichte extrem hoch - "wir holen aus unserem Treibstoff eine Million Mal mehr Energie als aus Kohle". Auch in Garching schwärmt der Firmenchef von einer "sicheren, CO₂-freien und nahezu unbegrenzten Energieversorgung". Worauf er freilich nicht eingeht, sind die vielen Rückschläge und Enttäuschungen beim Thema Kernfusion in der Vergangenheit. So ist die Technologie trotz jahrzehntelanger Forschung bis heute nicht für die Energieproduktion nutzbar. Und viele Expertinnen und Experten gehen davon aus, dass sich daran vor 2050 auch nichts ändern wird.

Moritz von der Linden ist dagegen zuversichtlich, dass sein Start-up dies weitaus früher schaffen wird - und nicht nur er. So hat Marvel Fusion 35 Millionen Euro an Risikokapital gesammelt und kooperiert mit Firmen wie Siemens und Trumpf. Um die grundlegenden Prozesse für die laserbasierte Kernfusion zu erforschen, werde es circa eine Milliarde Euro brauchen, schätzt der Firmenchef. Der Prototyp eines Kraftwerks werde dann mit vier bis fünf Milliarden Euro zu Buche schlagen. All das ist aber noch Zukunftsmusik. Vorerst steht weitere Forschungsarbeit an - ab sofort also auch im Cala. Dessen Hochleistungslaser werde im Zuge der Kooperation, die auf fünf Jahre angelegt ist, "an entscheidenden Stellen verbessert", kündigt LMU-Physiker Jörg Schreiber an. Zudem werde man mit dem Geld von Freistaat und Marvel Fusion weitere Experimentierkammern schaffen.

Im Zentrum der Forschung am Cala steht Atlas, eines der leistungsstärksten Lasersysteme der Welt. Mit seiner Hilfe betreiben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler in Garching nicht nur Grundlagenforschung in der Physik, sondern arbeiten auch an medizinischen Anwendungen - etwa im Bereich der Früherkennung und Therapie von Krebstumoren mittels lasergenerierter Strahlung.

Wissenschaft und Technik: Bereits nächstes Jahr sollen die ersten Ergebnisse der Versuche präsentiert werden.

Bereits nächstes Jahr sollen die ersten Ergebnisse der Versuche präsentiert werden.

(Foto: Catherina Hess)

Marvel Fusion wiederum benötigt den leistungsfähigen Laserimpuls von Atlas, um die Fusionsreaktion in Gang zu bringen. Schon nächstes Jahr werde man erste Ergebnisse aus den Experimenten im Cala präsentieren können, kündigt Moritz von der Linden an. In zwei bis drei Jahren, so sein Plan, sollen dann die genauen Parameter für ein Kraftwerkskonzept vorliegen. "Und das", sagt der Firmenchef, "ist dann der Startschuss für die Entwicklung eines Prototypen."

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