Energie-Krise:Keiner will als erster das Licht ausmachen

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Energie-Krise: Um Strom zu sparen, setzen viele Gemeinden schon länger auf LED-Lampen in ihren Straßenlaternen, wie hier am Bahnhof in Aying.

Um Strom zu sparen, setzen viele Gemeinden schon länger auf LED-Lampen in ihren Straßenlaternen, wie hier am Bahnhof in Aying.

(Foto: Claus Schunk)

Augsburg dimmt die Straßenlaternen, Nürnberg will im Winter die Temperatur in Büros senken. In den Rathäusern im Landkreis München hält man wenig von solchen Maßnahmen. Dort wird lieber auf den Ausbau alternativer Energiequellen wie Geothermie und Photovoltaik gesetzt.

Von SZ-Autoren, Landkreis München

Augsburg hat die Beleuchtung seines Wahrzeichens, des Perlachturms, abgedreht, Passau erwägt, Eis-Arena und Saunen zu schließen, und Nürnberg will im Winter die Büros der Stadtverwaltung nur noch auf 18 bis maximal 20 Grad heizen. Wegen der Gasknappheit und der drohenden Energiekrise sehen sich auch die Kommunen zu Sparmaßnahmen gezwungen. Die Stadt München hat immerhin die Wassertemperatur in ihren Schwimmbädern gesenkt. Und wie halten es die Gemeinden vor der Stadt? Die SZ hat in einigen Rathäusern nachgefragt - und erfahren: Viele Gedanken hat man sich dort noch nicht gemacht. Und viele Einsparpotenziale sieht man auch nicht mehr. Ob das reicht, um durch den Herbst und Winter zu kommen?

Brunnthal produziert Strom selbst

Brunnthal schreibt das Energiesparen schon lange groß. Auf Grundschule, Bauhof, Feuerwehr, Kindergarten, Wasserwerk und Vereinsheim sind Photovoltaikanlagen installiert, ebenso hat die Gemeinde meistens Glühlampen und Leuchtstoffröhren durch LED ersetzt. Die Lichtanlagen werden intelligent gesteuert und sparen laut Rathaus pro Jahr bis zu 8300 Kilowattstunden Strom ein. Laut dem Energiemonitor des Netzbetreibers Bayernwerk hat sich die Gemeinde in den vergangenen Tagen zu etwa 70 Prozent mit selbst erzeugter Energie versorgt.

Gräfelfing stockt Sparprogramm auf

Die rasant steigenden Energiekosten sind eine Bestätigung für die Gemeinde Gräfelfing, auf dem richtigen Weg zu sein, meint Bürgermeister Peter Köstler (CSU). Seit Jahren optimiert die Gemeinde Gräfelfing bei ihren Liegenschaften den Energieverbrauch, wo immer es sich anbietet. So werden Gebäude unter anderem mit Photovoltaikanlagen aufgerüstet, zuletzt der Krippenneubau in der Steinkirchner Straße und Schulbauten auf dem Campus. Derzeit wird das Rathaus energetisch saniert. Bei der Straßenbeleuchtung sind bereits 50 Prozent der Lampen auf LED umgerüstet, bei jeder Straßensanierung erfolgt die Umstellung bei weiteren Leuchten, in den Nachtstunden wird längst gedimmt. Aktuell arbeitet die Gemeinde daran, die Heizungen in den gemeindlichen Liegenschaften über einen hydraulischen Abgleich zu optimieren, so dass Wärme gleichmäßiger verteilt wird. Möglicherweise soll auch die Temperatur im Schulschwimmbad in Lochham um ein Grad abgesenkt werden, "das bringt zehn Prozent Ersparnis", sagt Sabine Strack von der Gemeindeverwaltung. Nächste Woche stimmt der Umweltausschuss des Gemeinderats darüber ab, das Budget des Energiespar-Förderprogramms um 100 000 Euro zu erhöhen. Die Nachfrage der Bürger nach Förderung für erneuerbare Energiekonzepte sei überdurchschnittlich gestiegen, heißt es.

Grünwald hat vorgesorgt

Im Grünwalder Rathaus sieht man aktuell keine Notwendigkeit, auf die Schnelle Energiesparmaßnahmen in die Wege zu leiten - und dass nicht etwa, weil die Gemeinde genug Geld hat. Seit 20 Jahren werde Energie gespart, wo es geht, sagt Bürgermeister Jan Neusiedl (CSU). "Mir war vollkommen klar, dass Energie endlich sein kann", so der Rathauschef. Daher habe Grünwald nicht nur als eine der ersten Gemeinden groß in Geothermie investiert, sondern auch schon fast die komplette Straßenbeleuchtung auf stromsparende LED umgestellt. Auch würden sämtliche gemeindlichen Wohnhäuser und ebenso die Schwimmbecken mit Erdwärme beheizt. Außerdem gebe es großzügige Energiesparförderprogramme, unter anderem für Photovoltaik, zählt Neusiedl auf. Und zur Not hat man auch genug Geld in der Gemeindekasse, um sich steigende Energiepreise leisten zu können.

Haar belässt es bei LED-Leuchten

Temperaturempfindliche Badegäste haben es schon gemerkt: Das Wasser im Haarer Freibad erfrischt etwas mehr als sonst. Die Gemeinde hat die Temperatur um ein Grad reduziert. Gefühlt macht das nach Angaben von Bäderleiter Sante Ciavarella etwa ein halbes Grad aus, weil ja die Sonne das Wasser aufwärmt. Nachts werden Abdeckplanen über das Becken gespannt. Der Gasverbrauch der Gemeinde habe sich von Mai auf Juni etwa um die Hälfte reduziert, sagt Rathaussprecherin Ute Dechent. Bürgermeister Andreas Bukowski (CSU) hat den Klimaschutzmanager und die Bautechnik im Rathaus angewiesen, nach weiteren Energieeinsparpotentialen in der Gemeinde zu suchen. Ergebnisse gebe es noch nicht, sagt Dechent. Es sei aber davon auszugehen, dass diese zeitnah vorgelegt würden. Der erst kürzlich präsentierte Klimaschutzbericht sieht in jüngster Zeit wenig Einsparungen auf Seiten der Gemeinde. Am meisten sei durch die Umstellung der Straßenbeleuchtung auf LED-Leuchten erzielt worden, berichtete Uwe Danker vom Beratungsbüro Udeee in Haar.

Ismaning setzt auf Nahwärme

Kurzfristige Aktionen hat die Gemeinde Ismaning nicht geplant. Die Kommune verfolgt aber seit Jahren ein ambitioniertes Klimaschutzprogramm: Nahwärme liefert seit 2012 die gemeindliche Geothermie, das Netz erstreckt sich über mehr als 60 Kilometer und wird auch 2022 weiter ausgebaut. Die Straßenbeleuchtung wurde jüngst auf LED-Lampen umgerüstet; zudem setzt die Gemeinde auf Photovoltaik, Wasserkraft wie auch eine Biogasanlage. Vor 30 Jahren hat Ismaning eines der bundesweit ersten gemeindlichen Energiesparförderprogramme aufgelegt, seit Juli 1992 flossen dadurch knapp 1,6 Millionen Euro an Fördergeldern. Als Grundlage für politische Entscheidungen hat sich der Gemeinderat ökologische Handlungsleitlinien gegeben, beispielsweise für Bauprojekte. 2020 hat die Gemeinde zudem eine Klimaschutzkommission eingeführt. Diese Kommission erarbeitet derzeit gemeinsam mit dem Bayerischen Zentrum für Angewandte Energieforschung (ZAE) in Garching eine Klimaschutzstrategie für Ismaning; ein zentraler Baustein dabei ist die Energiegewinnung aus regenerativen Quellen, insbesondere Solarenergie mittels Photovoltaikanlagen.

Neubiberg bleibt ruhig

Während andere Gemeinden in Bayern wegen der Gaskrise Sparaktionen planen, bleibt man im Neubiberger Rathaus ruhig. "Wir wollen keine Hysterie verbreiten", sagt Bürgermeister Thomas Pardeller (CSU). Die Straßenbeleuchtung zu dimmen, sei nicht notwendig, weil die Gemeinde ohnehin auf LED-Leuchten umrüste. Allerdings, räumt der Rathauschef ein, sei eine solche Umstellung keine Angelegenheit von heute auf morgen. Von der Idee, die Öffnungszeiten öffentlicher Gebäude einzuschränken, hält Pardeller wenig. Im übrigen sieht er die Gemeinde auf einem guten Weg: "Wir wollen als Verwaltung 2030 klimaneutral sein, wir sind eh schon dran, ein Konzept zu erarbeiten." Dabei liege der Fokus darauf, bei der Versorgung gemeindlicher Liegenschaften auf fossile Energieträger zu verzichten und stattdessen auf Photovoltaik, Wärmepumpen und Fernwärme zu setzen - wo es möglich sei.

Energie-Krise: Oberhaching treibt die Geothermie voran.

Oberhaching treibt die Geothermie voran.

(Foto: Angelika Bardehle)

Oberhaching ist schon ohne Gas

In Oberhaching bleibt Bürgermeister Stefan Schelle (CSU) noch recht entspannt. "1300 Häuser sind schon an die Geothermie angeschlossen", sagt er. Vor zwanzig Jahren hat sich die Gemeinde auf den Weg gemacht, ein Nahwärmenetz aufzubauen, erst mit einem Hackschnitzelkraftwerk, dann mit der Geothermie. Die kommunalen Gebäude werden längst alle mit Erdwärme beheizt, "die sind alle weg vom Gas", so Schelle. Privatleute, die lange einen Anschluss an die Geothermie ablehnten, etwa mit dem Argument sich nicht von den Gemeindewerken abhängig machen zu wollen, kämen jetzt zu ihm und sagten: "Wenn wir das gewusst hätten." Der weitere Ausbau werden derzeit aber vor allem wegen fehlender Rohre gebremst, denn die benötigten Leitungen wurden bislang im ukrainischen Mariupol gefertigt. Andere noch vorrätige Rohre haben einen zu geringen Durchmesser. Einsparpotenzial sieht Schelle in Oberhaching kaum noch. Die Straßenbeleuchtung ist längst auf LED umgestellt, dimmen oder ausschalten technisch nicht so einfach. Auch seien alle öffentlichen Gebäude gedämmt worden, Klimaanlagen würden gar keine betrieben. Und das Hallenbad in der Sportschule ist wie die gesamt Einrichtung mit Erdwärme beheizt, "alles regenerativ", sagt Schelle.

Ottobrunn will kein "Aktionismus"

Ottobrunns Bürgermeister Thomas Loderer (CSU) sieht in der aktuellen Diskussion "viel Aktionismus im Spiel". Wenn über das Abschalten einer Ampeln nachgedacht werde, könne man sich auch fragen, ob es die Ampel noch brauche. Loderer setzt lieber auf eine langfristige Strategie. Ein Teil davon ist, möglichst viele gemeindliche Gebäude an die Fernwärme anzubinden, etwa das Feuerwehrhaus. Dadurch werde der Gasverbrauch der Gemeinde um 15 Prozent reduziert. Die Wassertemperatur im gemeindlichen Phönixbad hat die Kommune schon im Mai um bis zu zwei Grad gesenkt. Den Brunnen am Rathausplatz indes, der jährlich 20 000 Kilowattstunden Strom verbraucht, will der Bürgermeister nicht abstellen. "Wenn ich weiß, wie viel Freude der Brunnen den Familien macht und welche Bereicherung er für den öffentlichen Raum ist, ist es mir das wert."

Energie-Krise: Ampeln ausschalten? Dann könne man sie auch gleich abbauen, meint Ottobrunns Bürgermeister Thomas Loderer.

Ampeln ausschalten? Dann könne man sie auch gleich abbauen, meint Ottobrunns Bürgermeister Thomas Loderer.

(Foto: Claus Schunk)

Planegg appelliert an Bürger

In Planegg hält man sich beim Thema Energiesparen erst einmal bedeckt. "Wir planen momentan keine besonderen Maßnahmen", sagt Rathaus-Geschäftsführer Stefan Schaudig auf Anfrage. Man sei sich durchaus bewusst, dass auf die Bürger hohe Nebenkostennachzahlungen zukommen werden, wolle aber erst einmal abwarten, wie sich die Situation entwickelt. Schaudig verweist auf die vielfältigen Sparmaßnahmen, die die Planegger heute schon nutzen könnten: "Wir haben die Bürger aufgefordert, beim Wassersparen mitzuhelfen. Und bei der Temperatur der Heizung kann jeder individuell mithelfen." Die gemeindlichen Einrichtungen und Mietwohnungen werden unterschiedlich beheizt: mit Fernwärme, Blockheizkraftwerken und Pellets. Erdgas spiele aber dennoch eine Rolle, so Schaudig, der ankündigt: "Die höheren Beschaffungspreise werden vermutlich auf die Mieten umgelegt." Interventionen wie etwa in der sächsischen Stadt Dippoldswalde, die in ihren Liegenschaften das warme Wasser auf bestimmte Tageszeiten beschränkt, lehnt Schaudig ab. "An so etwas haben wir nie angedacht. Das ist auch nicht zielführend."

Pullach prüft Energieeffizienz

Die Wassertemperatur im Außenbecken ihres Freizeitbades hat die Gemeinde Pullach schon vor Wochen um zwei Grad heruntergefahren. Inzwischen werden im Rathaus auch Überlegungen für weitere Energiesparmaßnahmen im Schwimmbad angestellt, so etwa den Saunabetrieb vorübergehend auszusetzen. Wenn die Gemeinde Pullach schnell und effektiv Energie einsparen will, dann muss sie aber vor allem Industrie, Handel und Gewerbe stärker einbinden, wie zuletzt im Gemeinderat auch Florian Gehring (Grüne) zu bedenken gab. Immerhin zeichnen diese für 70 Prozent des CO₂-Ausstoßes verantwortlich. Jetzt hat der Gemeinderat an einer weiteren Stellschraube gedreht, indem er neben seiner erfolgreichen Geothermie-Anlage eine weitere regenerative Energieform fördert: die Photovoltaik. Auf den Dächern von 19 kommunalen Liegenschaften sollen laut Beschluss Photovoltaik-Anlagen errichtet werden, die dereinst den Energiebedarf von 300 Drei-Personen-Haushalten decken werden. Aber unabhängig von der gegenwärtigen Situation werde die Gemeinde die Energieeffizienz von allen ihren Einrichtungen auf den Prüfstand stellen, sagt Ismael Leitmannstetter, Klimamanager der Gemeinde. Ein sehr großer Energietreiber seien die Straßenlaternen, die seit geraumer Zeit auf LED umgestellt werden. Nach der kompletten Umrüstung, so rechnet Leitmannstetter, werde die Gemeinde 70 Prozent bei der Straßenbeleuchtung sparen.

Energie-Krise: Unterhaching verzichtet darauf, die Wassertemperatur im Freibad zu senken - die Einsparung lohne sich nicht, heißt es.

Unterhaching verzichtet darauf, die Wassertemperatur im Freibad zu senken - die Einsparung lohne sich nicht, heißt es.

(Foto: Claus Schunk)

Unterhaching ist gegen "Ad-hoc-Maßnahmen"

Die Gemeinde Unterhaching hat das Thema Energiesparen "wirklich schon seit Jahren auf dem Zettel", wie Rathaussprecher Simon Hötzl getont. Deshalb müsse man jetzt auch nicht mit Ad-hoc-Maßnahmen die Bürgerinnen und Bürger weiter belasten. So laufen seit vier Jahren alle Straßenlampen mit maximaler Effizienz auf LED-Basis, eine Dimmung erbrächte laut Hötzl daher nur minimale Einsparungen. Die gemeindlichen Liegenschaften trimme Unterhaching ebenfalls auf Energieeffizienz. Durch die beiden Maßnahmen konnte die Gemeinde laut Hötzl den Stromverbrauch inklusive Straßenbeleuchtung in den vergangenen Jahren um mehr als eine Viertelmillion Kilowattstunden senken. Zuletzt wurde im Gemeinderat die Temperaturreduzierung im Freibad vorgeschlagen, die allerdings abgelehnt wurde, da kaum etwas eingespart werden könnte: Das Bad ist an die Geothermie angeschlossen. An Straßenbeleuchtung und Ampeln will Unterhaching - zumindest aktuell - nicht sparen. "Das sind für uns Sicherheitsthemen", so Hötzl. Die Szenarien würden aber geprüft.

Unterschleißheim sucht nach dem Hebel

Unterschleißheim hat in jüngster Zeit einiges angeschoben, um Energie einzusparen oder regenerative Energiequellen zu erschließen. In der Carl-von-Linde-Straße werden gerade Fernwärmerohre verlegt, auch ein Ausbauprogramm für Photovoltaik wurde aufgelegt, das noch in diesem Jahr Früchte tragen soll und bei der Umstellung auf LED-Technik bei der Straßenbeleuchtung, wo jahrelang wenig bis nichts passierte, will man Gas geben. Den Hebel, wie Gas gespart werden soll, hat man bei der Stadt und bei den Stadtwerken aktuell noch nicht gefunden. Rathaussprecher Steven Ahlrep verweist auf die Stadtwerke und deren Leiter Reinhard Reiter verweist auf die Stadtwerke München als operativen Betreiber der Gasversorgung. Das Gasnetz hat Unterschleißheim zu 51 Prozent seit acht Jahren immerhin selbst in der Hand. Aber damit lasse sich wenig bis nichts ausrichten. Etwa 60 Prozent der Unterschleißheimer Gebäude hingen an diesem Energieträger, sagt Reiter. Einsparpotenzial sieht er aktuell bei der Sauna im Aquariush. Sonst sei gerade wenig möglich.

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