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Pop:La Brass Banda bereiten sich auf ihre Tour vor - im Heimstudio

Das Bierzelt ist für La Brass Banda um Frontmann Stefan Dettl (zweiter von links) momentan nur eine schöne Erinnerung.

(Foto: Claus Schunk)

"Danzn" heißt ihr neues Album, das nun mit Verzögerung im Juni erscheint. Die Band ist sich aber sicher: Ihre Tournee wird das Coronavirus nicht stoppen.

Neulich hat Stefan Dettl ein altes Feuerwehrauto zerlegt. Mit der Aktion bekämpfte er nicht etwa die Langeweile in der Corona-Quarantäne, die war damals noch nicht vorstellbar. Es war vielmehr ein kreativer Akt. Das feuerrote Spielmobil, das seiner Band La Brass Banda jahrelang treue Dienste geleistet hatte, war endgültig hinüber. Dettl lässt aber ungern etwas verkommen. Also schnitt er die Karosse mit einer Blechschere in bierettikettengroße Quadrate. Die versprach er als Unikate den Sammler-Boxen des neuen Albums "Danzn" beizulegen.

So war das meistens bei der schnellen Truppe: Für Alben ließ man sich immer Zeit, überlegte sich etwas dazu, mal die Bummelfahrt zur Fußball-WM nach Wien mit Bulldog und Mopeds zum Debüt "Habe die Ehre", mal Kuh-Sammelkarten, als sie "Kiah Royal" in einem Stall aufnahmen, mal eine Weltreise bis Honolulu und Tokio, um nachzuschauen, ob stimmt, was sie sich zuvor auf "Around The World" musikalisch ausgemalt hatten. Wer die Platte "Danzn" rechtzeitig vorbestellte, dem schickten sie exklusive Tickets für eine Dampferfahrt mit Konzert am Chiemsee. Also: Ein Album ist nie nur ein Album bei La Brass Banda, es ist ein Ereignis.

Und ein solches kündigt sich nun wieder an. Allerdings dem gegenwärtigen Ausnahmezustand geschuldet mit Verzug. Man kann sich vorstellen, dass Dettl, der auf Konzerten Wespen in der Socke zu haben scheint, derzeit kaum stillhalten kann. Aber die Band fühle sich von den Behörden gut informiert und sei gut aufgehoben "in so einer Scheißzeit, wo du nicht weißt, was los ist. Wir befolgen alle Anweisungen und freuen uns, dass sich auch die Leute daran halten". Weniger erfreulich ist, dass sich die Veröffentlichung von "Danzn" um zwei Monate auf Mitte Juni verschiebt, "weil auch die Presswerke und der Vertrieb einen Stopp haben", erklärt Dettl.

Dabei ist der studierte Trompeter aus Truchtlaching froh, dass La Brass Banda überhaupt noch ein ganzes Album machen konnten, sich Zeit lassen durften für zwölf Stücke am Stück: "Das ist unsere wildromantische Vorstellung, dass man alle drei Jahre einen Rückblick gibt, was musikalisch so passiert ist für den Hörer, die sich das ganz durchhören: vintage, old school, null up to date."

Die Aufmerksamkeitsspanne in der Musikstreaming-Ära seit "vom Gefühl her" sehr kurz, alle paar Monate wollen die Fans ein neues Stück. Den Hunger stillen die Musiker schon auch, etwa als sie mit der Single "Danzn" schon vor Monaten einen Vorgeschmack ins Netz stellten, als das Stück in der Kinokomödie "Eine ganz heiße Nummer 2.0" Gisela Schneeberger und Stöckelschuh-Tänzer Jorge Gonzales in Wallung brachte. Mit solchen prominenten Kollaborationen wollen sie auch weiterhin Klicks auf sich ziehen.

"Auf solche Leute haben wir wirklich Bock"

Als sie auf einer der letzten Geburtstagsfeiern von Udo Jürgens auftraten, lernten sie Jamie Cullum kennen. Seither seien sie gut befreundet mit dem britischen Jazzpiano-Popstar. Und ebenso mit Joss Stone, die einmal auf Facebook postete: "Hey, Leute, checkt mal Brass Banda aus, ,Autobahn', superlustiger Song." Bei einem Festival in Winterbach spielten sie dann tatsächlich zwei Tage vor der Soul-Sängerin und hinterließen ihr eine Nachricht: "Dear Mrs Stone, wir sind Brass Banda und haben gehört, dass du uns magst, wenn du Lust hast, spielen wir mal zusammen."

Zwei Tage später rief sie an. Für die im Juni erscheinende Platte des Südtiroler Liedermachers Max von Milland haben sie bereits Bläserpartien eingespielt. "Auf solche Leute haben wir wirklich Bock", sagt Dettl, "das ist nicht nur so ein Pop-Ding, sondern fordert uns auch musikalisch heraus und würde uns weiterbringen."

Und doch hängt er an der Langspielplatte. Mit der alten Plattenfirma Sony Music aus München sei das wohl nicht mehr möglich gewesen, sagt Dettl, nach einem Führungswechsel "haben die mit uns nicht mehr so viel anfangen können, und wir mit ihnen auch nicht". Der neue Partner Universal aus Berlin hätte aber auf ein klassisches Album genauso Lust gehabt wie die Band, sagt Dettl dankbar. So konnten sie ausführlich verarbeiten, was sie auf einer weiteren Welttournee 2019 nach Australien, Tasmanien, Kambodscha und Thailand aufgesaugt haben. Allerdings genauso wenig klischeehaft, wie sie ihre bayerische Lebensart barfuß in die Welt hinaustragen.

Als sie etwa in einem Kunstzentrum in der Nähe von Bangkok ein Konzert auf der Tragfläche eines riesigen Flugzeuges spielten, lernten sie eine thailändische Band kennen - eine Reggae-Gruppe. "Meine erste Band in Übersee am Chiemsee war auch eine Ska-Reggae-Band, deswegen habe ich mich sehr heimisch gefühlt", sagt Dettl, "wir waren lustigerweise auf der ganzen Welt den Leuten ziemlich nahe." Die Reggae-Nummer "Oida Mo" auf "Danzn" sei aber nicht direkt von der Begegnung in Bangkok geprägt, sagt Dettl, der Einfluss dieser Reise sei eher ein ideeller: "Nämlich dass sich die Menschen viel näher sind, als sie eigentlich meinen, ob boarisch oder thailändisch, das ist halt oft das Gleiche."

Was hängen blieb, war das Gefühl des "Sines"-Festivals in Portugal: "Die ganze Stadt war lebendig, alle saßen heraußen, die Omas und Opas machten bis Mitternacht Brotzeit, tranken Bier und Wein." Die Erinnerung floß ein in eine traumhafte Trompetenmelodie in einem Stück, das in der ersten Version noch "Türkisch" heißt, am Rande orientalisch klingt, genauso gut "in Istanbul oder in Landshut sein kann" und final wohl "Heiße Nacht" heißen wird.

Was sonst schon zu hören ist, drängt mit dem gewohnten Soul-Druck auf den Tanzboden, etwa die Hommage an alle lässigen Landwirte, der die Barfuß-Band begegnet ist: "Discobauer", wo sie Traktorenknattern und Motorgesäge zu einem pfiffigen Beat verbastelt haben. Oder es feiert mit einem pausenlos stromschnellenschnell rappenden, scattenden, beseelt singenden Dettl die Natur, die Berge und das Leben, wie das majestätische "Indiehö", das ergriffene "Auerhahn" oder "Bach" - das auch eine musikalisch spannende, reduzierte Hommage mit Fieldrecordings und Autotune-Geleier an französische Trap-Hip-Hopper ist.

Es gibt genau das, wonach sich die weggesperrten Menschen gerade sehnen: Menschen, Natur, Ausflippen. Die Never-ending-Tournee zu den Bierzelten Bayerns wie zu den Riesenhallen in Berlin, Hamburg, Frankfurt und München (mit Seiler & Speer am 18. Dezember in der Olympiahalle) wird das Virus nicht stoppen, dessen ist sich Dettl sicher. Der erste Termin ist am 22. Mai in Alling. Und bis dahin haben sie ungewohnt viel Zeit zum Üben. "Jeder probt, spielt kleine Etüden, wir machen Videos, die sich jeder von Heimstudio zu Studio schickt", berichtet Dettl, "so eine gute Vorbereitung wie diesmal werden wir nie gehabt haben."

© SZ vom 02.04.2020/amm
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