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Briefwahl in München:Zählen in besonderen Zeiten

Auszählen der OB-Stichwahl im MOC

1500 Freiwillige zählen am Sonntagabend die Stimmzettel für die Stichwahl um das Amt des Oberbürgermeisters aus. Um das Ansteckungsrisiko so gering wie möglich zu halten, wird jedes Wahlgremium in einem eigenen Raum untergebracht.

(Foto: Florian Peljak)

Es ist eine historische Stichwahl: Wegen der Corona-Krise durften die Münchner zum ersten Mal nur per Brief über ihren künftigen Oberbürgermeister entscheiden.

Von Julian Hans

Lautes Rascheln dringt aus der Wahlkabine, die das Kreisverwaltungsreferat in der Ruppertstraße für Last-Minute-Briefwähler aufgestellt hat. Dann ein unterdrückter Fluch: "Welcher Umschlag soll jetzt in welchen?", sagt eine Stimme zu sich selbst. Da kämpft jemand mit einem Problem, das die meisten Münchner in den vergangenen Tagen zu Hause bewältigen mussten.

Das Abstimmen ist im Unterschied zur Wahl vor zwei Wochen mit den Stimmzetteln in Plakatgröße bei dieser Stichwahl nicht das Problem - nun geht es darum, die Zettel in richtiger Reihenfolge in die Umschläge zu bekommen. Und dann ist der rote Briefwahlumschlag auch noch zu klein und das Fenster für die Adresse, von dem in der Anleitung die Rede ist, sucht man vergebens.

Es ist eine historische Wahl. Wenn schon nicht politisch, so doch wegen der äußeren Umstände: 1,1 Millionen Wahlberechtigten mussten in kurzer Zeit Briefwahlunterlagen zugestellt werden. Und die mussten die Organisatoren dann auch wieder rechtzeitig einsammeln, damit am Sonntag um 18 Uhr die Auszählung beginnen konnte.

Das hatte Ministerpräsident Markus Söder vorvergangene Woche recht kurzfristig angeordnet, um die Ansteckungsgefahr für Wähler und Wahlhelferinnen so gering wie möglich zu halten. So kurzfristig, dass das Wahlamt Schwierigkeiten hatte, 500 000 Briefwahlunterlagen zusätzlich zu beschaffen. Also wurde improvisiert und die Wählerinnen und Wähler müssen beim Falten der Stimmzettel eben auch ein bisschen improvisieren.

Gegen Viren sind die Wahlhelfer, die an diesem Sonntag im Kreisverwaltungsreferat die Unterlagen ausgeben, jedenfalls so gut abgeschirmt wie es nur geht: Sie sitzen an den Informationsschaltern des KVR hinter dicken Glasscheiben und schieben die Papiere durch einen schmalen Schlitz. Gedränge gibt es keines. Zehn Kabinen hat das Wahlamt im "Wartebereich Grün" aufgebaut - für alle Fälle, sollte der Ansturm in letzter Minute groß sein.

Gegen Mittag tröpfeln hier die Bürger eher herein, als dass sie strömen würden. Es gibt keine Staus und keiner kommt in Verlegenheit, den Abstand von anderthalb Metern zum Mitbürger nicht einhalten zu können. Eine Urne steht gleich hinter der weit geöffneten Eingangstür, also fast im Freien: Wer seine Unterlagen zwar bekommen hat, aber sie nicht rechtzeitig bei der Post oder in einen der Sonderbriefkästen einwerfen konnten, zum Beispiel am Rathaus oder an den Feuerwachen, der kann sie jetzt hier schnell vorbeibringen.

Sie habe sich nach ihrem Umzug vom Lehel ins Glockenbachviertel noch nicht umgemeldet, gibt Patricia Hölzle zu. Die 33-Jährige hat deswegen die häusliche Isolation für eine halbe Stunde unterbrochen für einen Abstecher an die Urne. Es gibt aber auch diejenigen, die von allen Änderungen nichts mitbekommen haben. "Die kommen her und denken, das sei ein ganz normales Wahllokal wie immer", sagt eine der Frauen hinter der Glasscheibe. Aber so groß ist der Unterschied dann auch nicht. Die meisten brauchten nur Hilfe beim Einsortieren der Umschläge.

Auszählen der OB-Stichwahl im MOC

Im MOC Veranstaltungszentrum wirkten die vielen Räume mit den Glasfronten wie riesige Aquarien. Immerhin: So waren Transparenz und Infektionsschutz gleichzeitig gewährleistet.

(Foto: Florian Peljak)

Trotz der Umstände und obwohl es bei der Wahl vor zwei Wochen nicht gerade ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen der Herausforderin Kristina Frank (CSU) und dem Amtsinhaber Dieter Reiter (SPD) war, haben sich die Münchner auch bei der Stichwahl erneut rege beteiligt: Bis Sonntagmittag seien mehr als 600 000 ausgefüllte Wahlbriefe eingegangen, teilte das Wahlamt mit. Die Staatsregierung hatte mit der Deutschen Post ausgehandelt, dass die Briefkästen zur Kommunalwahl alle am Samstagabend noch einmal außer Plan geleert werden.

Wer sich bis dahin nicht entscheiden konnte zwischen den Kandidaten oder − wahrscheinlicher − wer es nicht rechtzeitig geschafft hatte, den Brief einzuwerfen, dem blieben noch der Einwurf am Marienplatz oder bei den anderen Sonderbriefkästen. Oder eben der Gang zum KVR in die Ruppertstraße. Insgesamt zeichnete sich schon am Sonntagmittag eine höhere Wahlbeteiligung ab als bei der Kommunalwahl vor zwei Wochen. Es wirkt so, als gehörte der Briefwahl die Zukunft.

Die ausgefüllten Wahlbriefe habe das Wahlamt zwischenzeitlich im "Urnenlager" der Landeshauptstadt aufbewahrt, sagt Johannes Mayer, der Sprecher des Kreisverwaltungsreferats. Dort lagern sonst die Wahlurnen der Stadt, wenn sie gerade nicht gebraucht werden. Wo sich dieses Lager befindet, verrät der Sprecher nicht − das ist geheim.

Mitarbeiter des Wahlamts haben die eingesandten Wahlbriefe dort in die Urnen gefüllt und diese am Sonntag mit gemieteten Kleintransportern an die drei Auszählorte befördert: Ins KVR, in die Städtische Berufsschule für den Einzelhandel an der Lindwurmstraße und ins MOC Veranstaltungscenter in Freimann.

"Hände waschen, Essenspause!", ruft Michaela Hofmann. Es ist gerade viertel vor vier, aber die 29-jährige Biologin und ihre drei Kameradinnen und zwei Kameraden von der Freiwilligen Feuerwehr Stadtmitte sind ein eingespieltes Team. Sie haben schon alle vier Urnen geleert und mehr als 2000 Briefe geöffnet. Jetzt ist Pause, denn mit dem Auszählen der Stimmen dürfen sie erst um 18 Uhr beginnen, wenn die letzten Briefkästen geleert wurden.

Fast könnte man meinen, das MOC sei von Anfang an für die Auszählung einer Wahl in Corona-Zeiten konzipiert worden: Ein kleiner Raum reiht sich an den anderen, alle sind durch eine große Glasfront gut einsehbar. Anders als bei der Kommunalwahl vor zwei Wochen, als in den Messehallen in Riem Hunderte in einem Raum saßen. Auch in den anderen beiden Auszählorten wurde jedem Wahlvorstandsgremium ein eigener Raum zur Verfügung gestellt. Nur in Ausnahmen teilen sich zwei Gremien einen großen Raum. Trotz der Corona-Lage hätten sich innerhalb einer halben Stunde genug Freiwillige gefunden, teilte das Wahlamt mit.

Die Zahl der Wahlhelfer wurde indes reduziert: Vor zwei Wochen wurden 14 000 Helferinnen und Helfer gebraucht. Jetzt sind es nur noch 1500. Das Auszählen ist dieses Mal nicht so aufwendig - es gibt ja pro Wahlzettel jeweils nur eine Stimme zu zählen. Und auch aus Gründen des Infektionsschutzes wurde die Zahl der Helfer in den einzelnen Gremien verkleinert.

Die große Tapete mit den Kandidaten für den Stadtrat habe einige Bürger sichtlich überfordert, erinnert sich Wahlhelferin Michaela Hofmann. "Auf dem Wahlzettel, auf dem man 80 Stimmen vergeben durfte, war unser Rekord 146 Kreuze."

Für ihn und seine Freunde von der Freiwilligen Feuerwehr sei das heute ein schöner Anlass, sich mal wieder zu sehen in Zeiten reduzierter Sozialkontakte, sagt Andreas Graf. "Eigentlich dürfen wir uns derzeit nicht einmal im Gerätehaus treffen". Die Auszählung der Stichwahl ist eine Ausnahme. Sie haben sich Semmeln geschmiert und Musik mitgebracht. Jetzt suchen sie noch jemanden zum Schafkopfen, bis es um 18 Uhr weitergeht.

© SZ vom 30.03.2020/amm
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