Nach Attacke auf Journalisten:Zeuge: Impfgegner wollte auch Minister Holetschek angreifen

Lesezeit: 3 min

Der Staatsschutz der Münchner Polizei ermittelt immer wieder gegen den 23-Jährigen, der am Rande einer Pressekonferenz einen BR-Reporter attackiert hat. Pandemieleugner versuchen derweil, den Angriff zu relativieren.

Von Martin Bernstein

Nach den Schlägen eines radikalen Coronaleugners aus der rechten Szene gegen einen Journalisten des Bayerischen Rundfunks (BR) am Dienstag auf dem Münchner Marienplatz ermittelt der Staatsschutz. Am Donnerstag wurde bekannt, dass der 23 Jahre alte Täter möglicherweise auch Bayerns Gesundheitsminister Klaus Holetschek (CSU) während dessen Pressekonferenz angehen wollte. Das berichtet ein freier Fotograf, der sich dem fanatischen Impfgegner in den Weg stellte und daraufhin selbst in eine körperliche Auseinandersetzung mit dem 23-Jährigen verwickelt wurde.

"Ich bin der Meinung, dass wir einen Angriff auf Minister Holetschek vermieden haben", sagt der erfahrene Fotojournalist, ein langjähriger Beobachter der Szene. Nachdem Beamte dem Mann nach ersten verbalen Attacken einen Platzverweis erteilt hatten, sei der polizeibekannte rechte Störer kurz darauf zurückgekommen und habe versucht, näher heranzukommen, als Holetschek gerade Interviews gab, berichtet der Fotograf. Der Mann wollte den Minister angreifen - das sei sein erster Eindruck gewesen. Daraufhin habe er sich dem mutmaßlichen Angreifer in den Weg gestellt. Der 23-Jährige habe daraufhin zunächst kehrt gemacht.

Als der junge Münchner gesehen habe, dass er von dem Fotoreporter gefilmt wird, habe er versucht, das Mobiltelefon des Fotografen zu fassen zu bekommen. Das alles passierte in unmittelbarer Nähe eines Polizeibeamten, der schließlich eingegriffen habe und den Angreifer erneut wegschickte. Fotos einen anderen Reporters belegen diese Darstellung. Bereits am Mittwoch hatte Holetschek gefordert: "Die genauen Hintergründe müssen jetzt rasch aufgeklärt werden."

Der Angreifer soll der Reichsbürger-Ideologie nahestehen

Der Angreifer, der auch der Reichsbürger-Ideologie nahestehen soll, ging jedoch keineswegs weg, sondern suchte sich ein neues Opfer - den BR-Reporter. Laut Polizei kam der 23-Jährige, der Medienvertreter zu Beginn der Veranstaltung lautstark als "Impfterroristen" und "Volksverräter" beschimpft und gedroht hatte, "ich vernichte euch alle", trotz des Platzverweises erneut auf den Marienplatz zurück und schlug dem 38-jährigen Journalisten mehrmals ins Gesicht. Auf dem Weg zur Polizeiinspektion beleidigte und bedrohte der 23-Jährige außerdem die eingesetzten Beamten. Er beschimpfte sie als "Schande für das deutsche Volk" und drohte, im kommenden "Wutwinter" werde ihnen "das Grinsen schon noch vergehen".

Die Polizei nahm den 23-Jährigen bis zum Abend in Sicherheitsgewahrsam. Der Mann, gegen den wegen Störung des öffentlichen Friedens, Bedrohung sowie Beleidigung ermittelt wird, ist seit Jahren als Aktivist der rechten Szene bekannt. Schon 2018 erregte er Aufsehen, als er - damals noch Mitglied der Jungen Union - auf Twitter den Schusswaffengebrauch gegen "Asyltouristen" forderte und Hitler als "besten Mann" bezeichnete. Zwei Jahre später soll der junge Münchner als Mitglied der AfD-Jugendorganisation eine Hasstirade auf Angela Merkel auf Facebook gepostet und zusammen mit zwei bundesweit bekannten Neonazis bei einer der ersten Münchner Demonstrationen gegen die Corona-Schutzmaßnahmen gewesen sein.

Seit damals haben Kriminalpolizei und Staatsschutz, meist im Zusammenhang mit Corona-Demos, in mehreren Fällen gegen den jungen Mann ermittelt: wegen Widerstands gegen Vollstreckungsbeamte, Volksverhetzung und wegen des Verwendens der Kennzeichen verfassungswidriger und terroristischer Organisationen. Einmal soll er mit einer Schere bewaffnet bei einer Demonstration aufgegriffen worden sein. Am Dienstag hatte der 23-Jährige nach Polizeiangaben keine Waffe dabei.

Pandemieleugner versuchen, den Angriff zu relativieren

Münchner Pandemieleugner versuchen derweil, den Angriff vom Dienstag zu relativieren oder gar zu rechtfertigen. Die größte Münchner Gruppierung schreibt auf Telegram, man distanziere sich "aus tiefster Überzeugung" wie aus taktischen Gründen von Gewalt - auch wenn es "verständlich" sei, dass man "angesichts der Propaganda im Interesse der Globalisten und Oligarchen Zorn empfindet". In der gegenwärtigen Auseinandersetzung sei "leider auch Disziplin" nötig, heißt es wörtlich. In der Kommentarspalte pflichtet ein Account mit dem Namen des Sprechers der Gruppierung, Melchior Ibing, aber einem Mitstreiter bei, der der "Lügenpresse" die "Hauptschuld an der ganzen Misere" zuweisen möchte - "sowohl an Corona als auch am Krieg". Und dann behauptet er: "Die ganze Sache kann natürlich auch false Flag sein."

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