Erinnern und Gedenken:Das Ende der Gedächtnislücken

Eröffnung NS Dokumentationszentrum

Der weiße Kubus des NS-Dokumentationszentrums ragt in den Himmel.

(Foto: Lukas Barth)

NS-Dokuzentrum, Stolpersteine, Olympia-Gedenkort: Mehr denn je konfrontiert sich München in diesem Jahr mit den unrühmlichen Seiten seiner Geschichte.

Von Kassian Stroh

Manche Lücken werden in dieser Stadt rasch geschlossen, Baulücken zum Beispiel. Bei anderen kann es länger dauern, manchmal sogar Jahrzehnte. Am 30. April, auf den Tag genau 70 Jahre nachdem US-Soldaten in München einmarschierten und der Herrschaft der Nazis ein Ende setzten, hat sich "eine klaffende Lücke in der Münchner Erinnerungslandschaft" geschlossen - so nennt es zumindest Oberbürgermeister Dieter Reiter.

An diesem Tag wird in München das NS-Dokuzentrum eröffnet. Mehr als ein Vierteljahrhundert lang hat die Stadt darüber debattiert. Sie hat sich schwer getan damit, sich mit ihrer speziellen Rolle auseinanderzusetzen, als "Hauptstadt der Bewegung" der Nazis. Sie hat nicht nur in der Zeit unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg Erinnerungslücken gezeigt, sondern auch viel später noch. Aber seit diesem Jahr erhebt sich nun dieser nach außen hin schlichte, weiße Würfel an der Brienner Straße - ein Lückenschluss auch im Wortsinne. Er ist auf einer Brache gebaut worden, auf dem Gelände, wo einst das 1951 abgerissene "Braune Haus" stand, die Parteizentrale der Nazis.

Auf vier Stockwerken informiert die Ausstellung im NS-Dokuzentrum vom Beginn der Nazi-Bewegung in München bis zum Kriegsende, und sie schlägt auch den Bogen in die Gegenwart, thematisiert die Umtriebe von Neonazis ebenso wie die Frage, wie man der Nazi-Opfer würdig gedenkt. Die Schau setzt auf Information, sie emotionalisiert ihr Thema nicht sonderlich, sie erschüttert nicht, aber sie bewegt die Münchner durchaus - innerlich wie auch im Wortsinne: An den ersten Tagen ist das NS-Dokuzentrum übervoll, bis heute haben es mehr als 180 000 Menschen besucht.

Eröffnung des NS-Dokuzentrums

Wie aktuell und drängend der Brückenschlag in die Gegenwart ist, zeigt sich schon während der Eröffnungszeremonie am 30. April: Im Amerikahaus treffen sich die höchsten Repräsentanten der Stadtgesellschaft und überlebende Opfer der Nazi-Gräueltaten. Sie alle beteuern: Niemals dürfe dieses dunkle Kapitel der deutschen und der Münchner Geschichte vergessen werden. Nur 200 Meter weiter steht derweil ein Häuflein Neonazis, ihre Parolen trägt ein Lautsprecher bis zum Amerikahaus herüber. Nur Stunden zuvor hatte der Verwaltungsgerichtshof das von der Stadt verhängte Demonstrationsverbot aufgehoben.

Die Stadtspitze ist empört, auch Ministerpräsident Horst Seehofer hebt während des Festakts zu einer harschen Richterschelte an. Und die wiederholt er fast wortgleich ein halbes Jahr später bei der Eröffnung des neuen israelischen Generalkonsulats. Denn tags zuvor hatten die Richter es zugelassen, dass die Rechtspopulisten von Pegida vor der Feldherrnhalle aufmarschieren, dem Ort des Hitlerputsches. Ausgerechnet am Jahrestag desselben, am 9. November.

Rechte Aufmärsche fast jeden Montag, ein Dokumentationszentrum über die Nazi-Zeit - nicht nur deshalb setzt sich München im Jahr 2015 mehr denn je zuvor mit der eigenen Geschichte auseinander oder sieht sich zumindest mit ihr konfrontiert. Das neue Konsulat ist ebenfalls ein gutes Beispiel dafür, auch wenn das nun wirklich kein Ort ist, der primär der Vergangenheitsbewältigung dienen soll. Aber dass der Staat Israel nun eine Repräsentanz am Karolinenplatz betreibt, direkt neben dem NS-Dokuzentrum, inmitten des alten Parteiviertels der Nazis - das lässt sich schon auch als späten Triumph der Opfer über ihre Mörder werten.

München und die Stolpersteine

Zumal den Israelis ja noch eine weitere Gedenkstätte in München am Herzen liegt, deren Verwirklichung in diesem Jahr ein gutes Stück vorangekommen ist: der sogenannte Gedenkort, der an die Opfer des Olympiaattentats von 1972 erinnern soll. Erbittert hatten sich die Bewohner des Olympiadorfs gegen den auserkorenen Standort gewehrt, der ihnen einen angeblich unverzichtbaren Rodelhügel geraubt hätte. Auch eine zweite Variante hatten sie bekämpft: zu nah an den Wohnhäusern. Daraufhin gibt Kultusminister Ludwig Spaenle im Januar nach und präsentiert weiter weg gelegen den dritten Standort. Der Widerstand ist seitdem weitgehend befriedet, im kommenden Jahr soll gebaut werden.

Mit der Olympia-Gedenkstätte würde ein lang gehegter Wunsch der Angehörigen der Attentatsopfer erfüllt. Ein anderer Wunsch freilich, den viele Hinterbliebene der Opfer der Nazis haben, wird ungehört bleiben: Auch zwölf Jahre nach dem ersten Versuch, sie in München zu verlegen, bleiben Stolpersteine auf öffentlichem Grund verboten. Es ist eine der sachlich tiefgründigsten Debatten, die der Stadtrat in diesem Jahr führt, auch wenn das Thema emotional aufgeladen war und ist in München. Kulturreferent Hans-Georg Küppers will die Steine zulassen; ihre Gegner, allen voran Charlotte Knobloch, die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde, werben für Alternativen - und die beschließt die Mehrheit von SPD und CSU auch.

Wenngleich sie nur bedingt Alternativen sind: Denn mit Gedenktafeln an Hauswänden wird eine Form des Gedenkens erlaubt, die nie verboten war, und mit Stelen auf dem Gehweg eine neue eingeführt, die wegen der hohen Kosten eine Ausnahme bleiben wird.In ganz Deutschland seien Stolpersteine erlaubt, nur in München nicht, ereifern sich ihre Befürworter. "München kann weiter gehen als den Weg des geringsten Widerstandes", hält Knobloch entgegen. In diesem Fall fordert sie quasi den Mut zur Lücke.

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