bedeckt München 11°

Extremsportler:41 Meilen in 40 Stunden: 55-Jähriger will Bodensee durchschwimmen

Frank Clauß

Nach Monaten der Vorbereitung durchschwamm Frank Clauß Mitte August von Norden nach Süden den Starnberger See auf einer Länge von knapp über 20 Kilometern.

(Foto: privat)

Extremschwimmer Frank Clauß hat den 20 Kilometer langen Starnberger See geschafft. Nun hat der Zornedinger neue Pläne.

Von Andreas Junkmann

Nach rund drei Kilometern drohte das ambitionierte Projekt buchstäblich auf dem Grund des Starnberger Sees zu versinken. Es war ungefähr auf jener Höhe, wo König Ludwig II. vor 134 Jahren zu Tode kam und heute noch ein Gedenkkreuz im Wasser an den bayerischen Märchenkönig erinnert, als sich das Klebeband löste, mit dem Frank Clauß seinen Proviant festgezurrt hatte. Powerriegel, Salami-Snacks und Handy verschwanden in der dunklen Tiefe. In diesem Moment hätte Clauß sein Vorhaben abbrechen und ans Ufer zurückkehren können. Aber er tat es nicht. Etwa 17 Kilometer später erreichte der 55-jährige Zornedinger das Südufers des Sees, durch den er zuvor über zehn Stunden lang geschwommen war. Alleine, ohne Hilfe und ohne Proviant.

Frank Clauß liebt es, draußen im Freien zu sein, für ihn ist das der nötige Ausgleich zum Alltagsstress. "Sport in Hallen ist nicht mein Ding", sagt er, "die Natur hat einfach so viel zu bieten." Es war vor rund sieben Jahren, als sich der Zornedinger, der als technischer Grafiker arbeitet, einem Vorhaben gewidmet hat, das ihn die Natur so unmittelbar spüren ließ, wie er es zuvor noch nie erlebt hatte.

Er wollte seine Leidenschaft für das Schwimmen auf eine neue Ebene heben und den Chiemsee auf einer Länge von 13,5 Kilometer durchqueren. Wenige Hundert Meter vor dem Ziel allerdings versagten seine Kräfte. Es war September, erzählt Clauß, und das Wasser mit knapp über 18 Grad schlicht zu kalt für so ein Vorhaben. "Eine solche Temperatur saugt einen aus." Doch auch wenn er damals aufgeben musste, seine Motivation ist an diesem Tag nur umso stärker geworden.

Seither trainiert der Zornedinger von Frühling bis Herbst fast täglich im Riemer See. Sein Ziel in den darauffolgenden Jahren war es, eines der größeren bayerischen Gewässer anzupacken - und in diesem Sommer nun war der Zeitpunkt gekommen. Nach Monaten der Vorbereitung durchschwamm Frank Clauß Mitte August von Norden nach Süden den Starnberger See auf einer Länge von knapp über 20 Kilometern.

Von April an hatte der 55-Jährige intensiv auf diesen Tag hingearbeitet. Seither legte er rund 70 Kilometer im Wasser und 3000 auf dem Fahrrad zurück. Die körperliche Vorbereitung war aber nicht alles. Wie Clauß bereits von seiner Chiemsee-Durchquerung wusste, spielt bei einem solchen Vorhaben auch das Wetter eine entscheidende Rolle. Also wartete er auf die richtigen Bedingungen, auf den optimalen Tag.

Dieser war am 21. August gekommen, das Wetter sei "einfach bombig" gewesen, erinnert sich der Zornedinger. Als ihn seine Kumpels um halb neun Uhr morgens in Starnberg absetzten, habe bereits "eine Bullenhitze" geherrscht. Die Außentemperatur war für Clauß aber nicht entscheidend, ihm kam es auf das Wasser an - und das hatte mit rund 21 Grad die perfekte Wärme. Zudem war es an diesem Tag weitestgehend windstill, auch ein wichtiger Faktor, wie Clauß erklärt: "Bei Kreuzwellen verschluckt man sich schneller mal am Wasser. Optimal ist eine spiegelglatte Oberfläche."

Frank Clauß

Schwimmer und Rocker: Frank Clauß.

(Foto: privat)

Alles rundherum war also angerichtet für den Extremschwimmer, um sein ambitioniertes Vorhaben in die Tat umzusetzen - hätte die Sonne nicht den Klebstoff an seinem Proviant-Säckchen gelöst und den gesamten Vorrat bereits kurz nach dem Start im See versinken lassen. Aber Frank Clauß nimmt's mit Humor: "Der Kini hat jetzt endlich ein Handy", sagt der Zornedinger, der sich auf einen solchen Zwischenfall bewusst vorbereitet hatte.

In den Monaten zuvor hatte er seine Ernährung umgestellt und nimmt seither nur noch abends eine Mahlzeit zu sich. Der Hunger konnte ihm also nichts anhaben und zu trinken hatte er um sich herum ja genug, obwohl sich beim Schwimmen der Durst ohnehin in Grenzen hält, wie Clauß sagt: "Der Körper nimmt von außen so viel Wasser auf. Ich hab' den ganzen Tag über vielleicht zwei kleine Gläser getrunken."

Der Zornedinger war diesmal komplett alleine unterwegs. Auf ein Begleitboot, wie er es noch bei der Chiemsee-Durchquerung an seiner Seite hatte, verzichtete er. "Man empfindet eine große Demut gegenüber der Natur", sagt Clauß. Deswegen wolle er auch nicht an Wettbewerben teilnehmen, ihm gehe es um die persönliche Erfahrung, eins zu sein mit der Umgebung. Das ist freilich nicht völlig ungefährlich. Clauß erzählt von leichten Halluzinationen, die in dieser Extremsituation wie körpereigene Drogen wirken würden. "Da werden dann plötzlich ganz einfache Dinge zu Sehnsüchten." So könne er sich noch erinnern, dass er während des Schwimmens von einem leckeren Stück Bienenstich geträumt habe. Als er am Ufer angekommen war, habe er dann aber doch lieber zu einer Zigarette und einem kühlen Bier gegriffen.

Ganz auf seinen eigenen Körper wollte sich Frank Clauß dann aber doch nicht verlassen. Etwa drei Meter hinter ihm, befestigt an einem Seil, hatte er die zehneinhalb Stunden über einen treuen Begleiter bei sich, der ihm zwischendurch eine große Hilfe war: eine rund 800 Gramm leichte Rettungsboje, wie man sie aus der Baywatch-Serie kennt. Pausen hatte Clauß bei seiner Durchquerung zwar keine eingeplant, nach rund 13 Kilometern musste er aber einen Moment innehalten. "Ich hatte einen Tiefpunkt. Die Nackenmuskeln haben sich zugezogen und der Brustkorb zugezurrt." Clauß ließ sich eine Viertelstunde auf der Boje treiben, so lange bis er ausreichend neue Kraft gesammelt hatte, um die restliche Strecke nach Seeshaupt hinter sich zu bringen.

Dass der 55-jährige Hobbymusiker - der als Bassist unter anderem bei der Münchner AC/DC-Coverband Overdose spielte - neben Skifahren und Wandern vor allem das Schwimmen als seine Leidenschaft nennt, kommt mit Blick auf seine Familiengeschichte nicht ganz überraschend. "Das Wasser liegt mir irgendwie in den Genen", sagt er selbst. Sein Großonkel Robert Clauß war ein deutscher Kapitän, der in seiner Laufbahn insgesamt 35 Mal das unter Seefahrern berüchtigte Kap Hoorn in Südamerika umsegelte. Auch mit seinem Vater war Frank Clauß viel auf dem Wasser unterwegs. Ihn selbst zieht es inzwischen aber mehr direkt in das kühle Nass hinein, anstatt mit einem Boot darüber hinweg zu schippern.

Und so ist es nicht verwunderlich, dass der Zornedinger, nicht lange nachdem er um kurz vor 20 Uhr am Südufer des Starnberger Sees aus dem Wasser gestiegen ist, bereits neue Pläne schmiedete. Sein großes Ziel sei nun der Bodensee, er will ihn der Länge nach durchschwimmen, daran wolle er sich langsam herantasten. Dass dieses Projekt nicht von heute auf morgen umzusetzen sein wird, lässt sich bereits an den nackten Zahlen ablesen: 66,6 Kilometer mit einer anvisierten Zeit von 38 bis 40 Stunden. Der 55-Jährige hätte dann also nicht nur mit den Launen der Natur, sondern auch mit dem eigenen Biorhythmus zu kämpfen. Sollte er sich tatsächlich an diese Herausforderung heranwagen, würde Frank Clauß seinen Proviant-Beutel aber wohl deutlich besser fixieren.

© SZ vom 12.09.2020/koei

Hanf in Grafing
:"Natur lässt sich nicht verbieten"

Der "Gärtner von Grafing" pflanzt inkognito Hanf am Marktplatz oder am Schlittenberg. Die Fotos stellt er ins Internet. Wer ist er? Ein Gespräch.

Interview von Thorsten Rienth

Lesen Sie mehr zum Thema

Zur SZ-Startseite