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Forstwirtschaft:Ebersberg stapelt für die Welt

Die Holzfahrer aus der Region lassen sich für die Österreich-Grenze täglich testen. Zahlkräftige Stammkunden kommen von weit her.

Von Korbinian Eisenberger, Forstinning

An der Grenze hat er diesmal knapp 30 Minuten gewartet. "Nur", sagt der Holzfahrer Hermann Dobler, deswegen hat der 38-Jährige sein Tagwerk zur Hälfte vollbracht.

Es ist Mittwochfrüh um kurz nach neun, Dobler hat eine gut vierstündige Fahrt hinter sich. Zum Sägewerk ins Zillertal und wieder zurück in den Ebersberger Forst, wo er jetzt auf dem gefrorenen Waldboden steht und seine Arbeitshandschuhe ins Staufach des Lasters räumt.

Es rumpelt und knirscht. Fast muss er gegen den Bagger anbrüllen, der die Stämme per Greifarm auf seinen Hänger stapelt. An der Grenze zu Österreich wird er bei jeder Fahrt überprüft, deswegen lässt der Egmatinger sich täglich im Haarer Zentrum testen. Der Bagger senkt den Greifarm, der Laster ist beladen für Runde zwei. Hermann Dobler steigt in seine Fahrerkabine. "Schauma mal, wie gut ich durchkomm'."

Mitte Februar, mitten im Forst. Unweit von Forstinning liegt eines der größten Nasslager Bayerns, eine von Wald umringte Kühlkammer unter freiem Himmel. Seit einem Jahr werden hier 20 000 Festmeter Fichtenstämme gelagert, die vom Sturmtief Sabine Anfang Februar 2020 umgerissen wurden. Damit sie nicht verfaulen, vertrocknen oder von Käfern zerfressen werden, sind die Holzstapel von Sprinkleranlagen umringt. "Wenn die Temperatur über der eines Kühlschranks steigt, müssen wir das Holz befeuchten", sagt Sebastian Klinghardt, der stellvertretende Forstbetriebsleiter. Ein Jahr lang wurden die Stämme auf diese Weise unter acht Grad gelagert und konserviert. Nun steigt der Absatz massiv an. Dank Kundschaft aus Übersee.

Sebastian Klinghardt, der stellvertretene Leiter des Forstbetriebs Wasserburg, am Mittwoch im Ebersberger Forst.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Durch die Unsicherheiten in der Coronakrise war die Nachfrage zwischenzeitlich stark gesunken. Umso wertvoller die 30 Nasslager, die von den Bayerischen Staatsforsten im Freistaat betrieben werden. Auf die Lagerung folgt nun die Zeit des Exports, wie dieser Tage auf der Staatsstraße 2080 durch den Ebersberger Forst gut zu sehen ist. Fuhrunternehmer wie Dobler transportieren das Holz seit Anfang Februar in Ladungen zu je 25 Festmetern nach Österreich. Ein Großteil landet in der Ortschaft Fügen, wo eines der größten Sägewerke des Landes steht. Von dort gehen die verarbeiteten Bäume aus Ebersberg hinaus in die Welt.

Zurück im Forst. Ein Greifarm saust durch die Luft und wuchtet fünf Stämme auf die Tragfläche eines Schleppers. Es rumort solange, bis der Baggerfahrer aus der Kabine steigt. Martin Olenik aus St. Wolfgang im Kreis Erding ist seit 40 Jahren Baggerfahrer, ein Mann mit Mütze und Fleecepulli, seine Augen folgen stets dem Weg des Holzes. In diesen Tagen ist seine Arbeit kompliziert. Weil der Frost die Stämme aneinander gefriert, muss er sie mit dem Greifarm im Stapel lockern, ehe er sie packt und verfrachtet. "Baggern ist ein bisserl wie fischen", sagt er. In dem Fall eher: Eisfischen.

"Der Aufwand ist enorm", sagt Forstmann Klinghardt. Nicht nur wegen der vielen Coronatests für die Fahrer - auch für Wasser, Strom und Personal. Damit das Sturmholz aus Ebersberg verkauft werden kann, hat der Forstbetrieb externe Unternehmen engagiert. Leute wie Baggerfahrer Olenik am Hebel des Greifarms und Holzfahrer Dobler auf dem Weg Richtung Grenze.

Ein Großteil des Holzes geht in die Vereinigten Staaten, wo der Hausbau derzeit Rekordwerte erreicht. In den USA werden Einfamilienhäuser deutlich häufiger in Holzbauweise errichtet als in Mitteleuropa. Bereits vergangenes Jahr stiegen die deutschen Nadelholzexporte in die USA verglichen mit 2019 um 42 Prozent auf 1,63 Millionen Festmeter. Österreich kam 2020 auf einen Anstieg von 48 Prozent auf 319 000 Festmeter. Für die Datacube-Statistik 2021 kommen Tausende Festmeter aus dem Ebersberger Forst hinzu.

Erklären lässt sich der Aufwand wohl auch durch die jüngste Preisentwicklung. Die Ausschläge am US-Nadelschnittholz-Markt sind beachtlich. Von April bis September 2020 legten sie laut dem kanadischen Online-Fachmagazin Madison's Lumber Reporter um 280 Prozent zu. Dem Allzeit-Hoch folgte binnen vier Wochen ein Absturz von 40 Prozent. Seit Mitte November steigt der Preis nun wieder nach oben. So werden die Amerikaner zu gern gesehenen Stammkunden.

Martin Olenik ist zurück in seiner Kabine und wirbelt die Holzstämme wieder bündelweise durch die Luft. Der 59-Jährige lenkt den Bagger und seinen Greifarm wie ein Fahrgeschäft auf dem Volksfest, in das man nur unter Protest einsteigen würde. Mehr als ein Dutzend weitere Doppelhänger muss er bis Nachmittag füllen, noch ist einiges zu tun. Um die 200 Fuhren haben die Holzfahrer bereits in Sägewerken abgeliefert, das Forstinninger Nasslager ist aber noch zu drei Vierteln gefüllt. Bis Ende März sollen die verbleibenden 15 000 Festmeter aus dem Forst transportiert werden, täglich fahren 18 Doppelschlepper von Forstinning bis Ebersberg und dann in den Süden.

Der Vormittag schreitet voran. Hermann Dobler dürfte demnächst die Österreichische Grenze erreicht haben. Seine Fuhre geht zum Sägewerk Binderholz in die Ortschaft Fügen, der größte Abnehmer für die gekühlten Stämme aus dem Ebersberger Forst. Aus Fügen ist zu erfahren, dass Binderholz aus dem Forstinninger Nasslager "qualitativ hochwertiges Fichtenholz" erhalte, das in dem Familienunternehmen geschnitten und weiterverarbeitet wird. "Neben unseren Heimmärkten wie Deutschland, Österreich und der Schweiz exportieren wir weltweit in über 60 Länder, darunter auch in die USA", erklärt die Geschäftsführerin Nathalie Binder. Die Nachfrage sei zuletzt gestiegen, "sowohl in Europa als auch in den USA".

Die Brüder Martin und Josef Lohmair koordinieren das Forstinninger Nasslager.

(Foto: Christian Endt, Fotografie & Lic)

Das Eis in den Fugen der Holzstapel glitzert jetzt im Licht. Um kurz nach zehn steht die Sonne über dem Ebersberger Forst. Fast im Einklang ziehen sich die Brüder Lohmair ihre Kappen nach unten. Sepp den Hut, Martin die Haube. Martin Lohmair, ein Mann mit Meterstab und Zimmermannsbleistift hat in seinem Kalender die Ein- und Ausfahrten nach Uhrzeiten nummeriert. "Fürs Beladen ist die Kälte von Nachteil", sagt er. Der Bagger muss die Holzprügel regelrecht aus dem Stapel herausreißen, das kostet Zeit.

Einmal ging dabei der Greifarm von Baggerfahrer Olenik kaputt und musste repariert werden. Martin Lohmair blinzelt im Licht. Die Sonne lässt das Eis langsam abtauen. Heißt auch: Der Eisfischer im Bagger hat es demnächst ein bisschen leichter.

© SZ vom 20.02.2021/koei
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