Freie Wähler im Kreis Ebersberg:"Benefit einer Impfung überwiegt um ein Vielfaches"

Hubert Aiwanger

Hubert Aiwanger von den Freien Wählern.

(Foto: dpa)

Dass Minister Aiwanger eine Impfung verweigert ist sein gutes Recht, finden Ebersberger Parteifreunde. Kritik gibt es trotzdem.

Von Johannes Korsche, Ebersberg

Wer es mit den Freien Wählern im Allgemeinen und Hubert Aiwanger im Speziellen hält, für den muss die Maischberger-Sendung am Mittwochabend eine Quälerei gewesen sein. Erst wird der Landes- und Bundesvorsitzende der Freien Wähler von Panelgast Amelie Fried als "Verlierer" bezeichnet - mehrmals innerhalb weniger Minuten übrigens - und dann macht sich Ministerpräsident Markus Söder (CSU) kurz drauf auch noch in einem eingespielten Interviewschnipsel "Sorgen" um seinen Vize. Beides Begriffe, die man als Politiker lieber über andere sagt - und lieber nicht über sich selbst hören mag. Inzwischen führt Aiwangers Ankündigung, sich (noch) nicht impfen zu lassen, nicht nur in Fernsehstudios zu Gegenwind, wo man es noch als Sendungskalkül abtun könnte. Auch bei der Parteibasis im Landkreis Ebersberg wird Kritik laut.

Wilfried Seidelmann, Kreisvorsitzender der Freien Wähler, sieht das Verhalten Aiwangers "sehr, sehr kritisch". Seidelmann ist Arzt, seit 40 Jahren, da stört es ihn besonders, wenn sein Parteivorsitzender über mögliche Nebenwirkungen der Impfung redet und diese zur Begründung nimmt, auf diese zu verzichten. "Man muss eine Abwägung treffen." Ja, es könne zu Nebenwirkungen kommen, aber "der Benefit einer Impfung überwiegt um ein Vielfaches", sagt Seidelmann. Dass Aiwanger nicht der "evaluierten Medizin" vertraue, die bei jeder Spritze - also bereits millionenfach - geringe Komplikationen bewiesen habe, das "kann man ihm vorwerfen".

Ob er Aiwanger im Moment in seinem Parteiamt bestätigen würde? "Das würde ich abhängig davon machen, wie es weitergeht." Die Wahl sei aber geheim. Natürlich. Genauso wie eigentlich auch die Entscheidung, ob man sich nun impfen lasse oder nicht, Privatsache sei, findet Seidelmann. Wie Söder den Impfstatus seines Vizes auf einer Pressekonferenz den Journalisten offenbart und Aiwanger damit vorgeführt habe, "das ist auch ein Skandal". Denn letztlich gebe es keine Impfpflicht. Auch für Aiwanger nicht.

Mit diesem Gedanken beginnt und endet die Argumention des Ebersberger Stadt- und Kreisrates Toni Ried. "Es ist das Recht des Individuums" zu entscheiden, was man mit seinem Körper macht und machen lässt. "Er darf sagen, dass er sich nicht impfen lässt." Jeder habe schließlich auch das Recht auf eine Privatmeinung. Nun befinden sich Politiker, gerade Minister, selten gänzlich im Privaten - noch seltener, wenn Wahlkampf ist.

Und in den Auswirkungen mancher Aiwanger-Aussage sieht Ried auch eine Gefahr. Denn im rechten Milieu sollten die Freien Wähler nicht um Stimmen werben. Aber ob solche Überlegungen derzeit eine Rolle spielen würden, "weiß ich nicht", sagt Ried. Der noch betont, dass er Aiwanger sehr gut kenne - "Wir sind per du" - und ihn als Parteivorsitzenden auch weiterhin unterstütze.

So uneingeschränkt will Günter Scherzl, bis zur bisher letzten Kommunalwahl noch Dritter Bürgermeister in Poing, seine Unterstützung nicht zusichern. Zuerst sollte der bayerische Wirtschaftsminister weiter klare Aussagen zur Impfkampagne treffen und die Unterscheidung zwischen medizinischer und politischer Notwendigkeit einer hohen Impfquote betonen.

Dabei könne er ja die Relevanz der Impffreiheit herausstellen und für sich in Anspruch nehmen. Allerdings: "Es wäre schlüssiger, wenn er sich aufgrund seiner Rolle impfen lassen würde." Schließlich habe Aiwanger als Minister auch eine Vorbildfunktion - und im Übrigen die Maßnahmen während der Corona-Pandemie auch stets mitgetragen. Wie die vergangenen Woche gelaufen sind, darüber ist Scherzl "natürlich unglücklich".

Auch weil Aiwangers Äußerungen dazu führen könnten, die falschen Wähler anzuziehen. Bundestagswahl und Fünf-Prozent-Hürde hin oder her: "Es geht darum, die richtigen Wähler zu erreichen und keine der AfD." Er könne sich ohnehin nicht vorstellen, dass Aiwanger "willentlich an den Rändern fischt". Der Blick müsse nun nach vorne gehen. Da schaut man vielleicht als Freier Wähler gerade lieber hin.

Das zumindest, "wäre ein Grund", wie Georg Reitsberger, stellvertretender Landrat und Altbürgermeister von Vaterstetten, einräumt. Schließlich könnten solche Äußerung dazu führen, dass Menschen sich in ihrer Angst bestätigt fühlen. "Das finde ich ein bisschen riskant." Dabei "ist nichts schöner als die volle Impfung zu haben", findet er. Schließlich sei sie der Weg aus dieser "schrecklichen" Pandemie herauszukommen. Als Wirtschaftsminister habe sich Aiwanger aber sehr verdient gemacht, was gegen einen "übermächtigen Söder" auch nicht einfach ist. Von dem er, siehe besagte Pressekonferenz, auch "bisschen ein Opfer war".

Opfer. Noch so ein Wort, das Politiker nicht gerne über sich hören, was zurück zum Talkabend bei Maischberger führt. Da war Aiwanger schließlich auch zugeschaltet und beeilte sich zu wiederholen, dass er ja immer nur gesagt habe, dass er sich noch nicht impfen lassen will. Er schließe das aber für die Zukunft nicht aus. Aber wenn man täglich danach gefragt werde, werde es am Ende immer schwieriger, sich für die Impfung zu entscheiden.

Vielleicht könnte Parteifreund Seidelmann in einem Gespräch dafür sorgen, dass die Fragen nicht mehr allzu lange auf Aiwanger einprasseln. Der Arzt will noch einen "dringenden Appell" loswerden: "Jeder Erwachsene soll sich impfen lassen." Hubert Aiwanger ist 50 Jahre alt.

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