SZ-Adventskalender:Zehn Euro am Tag

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Irena P. und ihre Tochter leben am Existenzminimum. Für Sonderausgaben gibt es keinen Spielraum.

Von Alexandra Leuthner, Poing

Irena P. trägt die Jacke einer verstorbenen Freundin. Sie sitzt in einem Café, in dem die Preise moderat sind, und hat sich ein Getränk bestellt. Zehn Euro am Tag hat sie zum Essen zur Verfügung, was sie und ihre Tochter täglich brauchen, holt sie normalerweise bei der Tafel, "Gott sei Dank gibt es so etwas!", sagt sie. Ihre Tochter Vanessa ( Namen von der Redaktion geändert) ist 13, im schönsten Teenageralter also, und ihre Mutter verzieht ein wenig das Gesicht auf die Frage, wie es denn so lief mit ihr während des Lockdowns. Viel lässt die gebürtige Kroatin erst einmal nicht heraus zu dem Thema. "Inzwischen ist sie etwas ruhiger geworden", sagt sie dann, "und in der Schule läuft es."

Vom vergangenen Jahr, als sie mit ihrer pubertierenden Tochter zu Hause saß, von den Streitereien und den ständigen Auseinandersetzungen, von dem Essen, das sie zusätzlich bezahlen musste, weil Vanessa ja nicht wie sonst in der Schule essen konnte, erzählt sie erst später, bruchstückhaft, so wie von allem, was ihr Leben angeht. Und doch, wie die 49-Jährige da sitzt und berichtet, die Stimme voll und dunkel, möchte man gar nicht glauben, dass sie es zulassen würde, vom Schicksal schlecht behandelt zu werden. Fürs Landratsamt arbeitet sie ehrenamtlich als Deutsch-Übersetzerin. Irena P. wirkt wie jemand, der anpackt, eine, die anderen mit Rat- und Tat zur Seite steht. So beschreibt sie auch die Leiterin der Tafel, die Irena P. bittet, für den SZ-Adventskalender von ihrem Leben zu berichten.

Ihre Mutter durfte sie zum 70. Geburtstag nicht besuchen

Einem Leben, in dem von Anfang an einiges schief gelaufen ist. Ihre Kindheit im Heimatland habe sie allein verbracht, ohne ihre Eltern. Die Mutter arbeitete in Deutschland, der Vater habe sich geweigert, die Tochter anzuerkennen. Erst jetzt habe sich das geändert. "Jetzt ist er krank, aber inzwischen haben wir ein gutes Verhältnis", erzählt sie. Ihre Mutter durfte sie zum 70. Geburtstag nicht besuchen, wegen Corona.

Mit 15 sei sie dann nach Deutschland gekommen, habe ihren Hauptschulabschluss gemacht. Die Ausbildung zur Kinderkrankenschwester aber schaffte sie nicht, schulte zur Luftsicherheitskontrollkraft um - ein Zwölfstundenjob. Ihren Mann, den sie später kennenlernte, habe sie nie mehr als eine Stunde am Tag gesehen. Schwanger sei sie ausgerechnet dann geworden, als die Ehe eigentlich schon gescheitert war, "wir wollten uns scheiden lassen." Ihr Mann, ein Kroate, war wegen Irena nach Deutschland gekommen, fühlte sich aber nie hier zu Hause, weigerte sich, deutsch zu lernen, verstand sich nicht mit der Schwiegermutter, wollte hier auch nicht arbeiten, es kam zu Gewalt. Mehr will sie dazu nicht sagen. 2016 ging die Beziehung endgültig auseinander.

Ein Kühlschrank mit Eisfach wäre ein großer Wunsch

Ihren Beruf habe sie dann nicht mehr ausüben können, weil niemand mehr für das Kind da gewesen sei. Sie hielt sich mit kurzzeitigen Jobs über Wasser, als Küchenhilfe in Krankenhäusern oder Hotels. Dann bekam Irena P. Depressionen, eine Gürtelrose, Bluthochdruck, musste eine schwere Unterleibsoperation über sich ergehen lassen, darf nichts Schweres heben, "Küchenhilfe geht also nicht mehr". Ihr Ex-Mann kann sie nicht unterstützen, er ist heimgekehrt, hatte zwei schwere Unfälle und selbst nicht mehr als 400 Euro im Monat zur Verfügung, wolle aber jetzt unbedingt, dass Irena P. die gemeinsame Tochter zu ihm schicke. Aber doch nicht gerade jetzt, sagt sie, wo man nicht wisse, wie das mit Corona weitergehe, und ob Vanessa dann so einfach zurückkommen könne.

"Ich habe mich immer allein durchgeschlagen, seit ich 15 war, da hab ich halt mal Schuhe an, die zu klein oder zu groß sind, das ist mir egal." Ihre Tochter aber, die solle nicht verzichten müssen, sie solle anständige Kleider tragen, bekomme Taschengeld - alles Dinge, die kaum zu bewerkstelligen sind für Irena P., die sich eine neue Herdplatte ebenso wenig leisten kann wie eine neue Brille oder den Kühlschrank mit Eisfach, den sie sich wünscht, damit sie Essen für ihre Tochter einfrieren kann. Und natürlich ein schönes Weihnachtsgeschenk für Vanessa.

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