Konzert:Erneuerung in Zeiten der Krise

Das Lumpenpack

Seit 2013 treten Max Kennel und Jonas Frömming gemeinsam als "Das Lumpenpack" auf.

(Foto: a.s.s.concerts)

Das Musik-Comedy-Duo "Das Lumpenpack" hat sich fürs neue Programm "emotions" vergrößert. Es klingt jetzt deutlich härter.

Von Oliver Hochkeppel, Ingolstadt

Ein Plädoyer gegen die Einsamkeit passt gut in diese Zeit. Und letztlich ist das neue Programm "emotions" der Musik-Comedians Das Lumpenpack genau das. Mit langer Vorgeschichte. Lange nämlich waren der Kasseler Jonas Frömming (heute 31) und der Augsburger Max Kennel (29) als Einzelkämpfer unterwegs. Der eine studierte Psychologie in Bamberg, der andere Lehramt für Deutsch und Evangelische Theologie in Landau, beide aber zogen sie nebenbei von Anfang der Zehnerjahre an über die deutschen Poetry-Slam-Bühnen. Recht erfolgreich sogar, Kennel gewann 2012 und 2013 die bayerische Meisterschaft, Frömming 2013 die rheinland-pfälzische. Zu der Zeit waren sie sich bereits begegnet, bei einem Slam in Mannheim. Der eine war gerade von seiner Freundin verlassen worden, der andere hatte Ärger in seiner WG. Also trank man zusammen, befreundete sich und schrieb bald darauf die ersten Songs zusammen. Seit 2013 traten sie dann nur noch gemeinsam auf, als Das Lumpenpack.

Was sich da entwickelt hat, fassen sie schon bald darauf in einem Songtext zusammen: "Wir sind zwei/ was man unschwer erkennt/ Allein zu nix nütze/ zu zweit eine Band/ Wir sind wie Siegfried und Roy/ nur mit weniger Tigern/ wie Modern Talking/ mit besseren Liedern." Zusammen öffnen Kennel und Frömming eine neue Nische: Ihre Texte klingen immer noch nach Poetry Slam; um die Twentysomething-Themen geht es meist, ums Aufwachsen auf dem Dorf, ums Studentenleben, um die ersten bedenklichen Alterserscheinungen, wenn man auf Partys plötzlich Salat und Guacamole mitbringt, Socken in den Sandalen trägt oder sich ein Liegefahrrad zulegt. Verpackt werden die tragikomischen Inhalte aber in punkrockige Songs, die mitunter nach den Ärzten oder den Toten Hosen klingen. Ein Programm, das nicht besonders gut in die gerne eindeutigen Fernsehformate passt. Außer bei "Nightwash" sammeln sie kaum Präsenz. Live aber läuft es dank Mundpropaganda schnell sehr gut, auch die ersten Alben "Steil-Geh-LP" und "Die Zukunft wird groß" erobern mitsamt der Videos eine beachtliche Fan-Gemeinde. Der kommerzielle Durchbruch gelingt 2015 bei der Freiburger Kleinkunstbörse. Ihr 20-minütiger Showcase-Auftritt überzeugt so viele Veranstalter, dass sie für 2016 so gut wie ausgebucht sind. In dem Jahr sind dann auch schon der Publikumspreis beim Prix Pantheon und der Kleinkunstpreis Baden-Württemberg fällig. Erst vor zwei Monaten kam mit dem Deutschen Kleinkunstpreis in der Sparte Musik der wichtigste Branchen-Ritterschlag dazu.

Irgendwann kommt die Zeit, sich politisch zu äußern

Witzig, aber nie böse, kritisch, aber nie explizit politisch, alles von Konfettiregen eingehüllt (ein Markenzeichen ihrer Auftritte) - so hätte das auch nach dem Wunsch ihres Publikums wohl lange weitergehen können. Doch die Zeiten ändern sich, und mit ihnen Kennel und Frömming. Schon vor drei Jahren entsteht mit "Eva P.", dem Song über ein fiktives Date mit der fiktiven Tochter der AfD-Mitgründerin Frauke Petry, ein explizit politischer Text. "Die Zeit verlangt das. Es gibt im Moment keine Entschuldigung, sich nicht politisch zu äußern," sagen sie. Und dann kommt Corona. Und mit ihm der Entschluss, den schon lange angestoßenen Traum von der Band endgültig zu verwirklichen. Bereits beim per Crowdfunding finanzierten "Quarantänekonzert" im März 2020 wird "der neue Rest der Band" vorgestellt: Lola Schrode spielt Bass, Jason Bartsch zweite Gitarre und Synthesizer, Alex Eckert Schlagzeug.

Das Lumpenpack ist seitdem also kein Duo mehr, sondern eine echte Band. Und das hört man auch in den neuen Songs, die aktuell unter dem Titel "emotions" als digitaler Dreiteiler herauskommen, bis Album-Box und Programm fertig sind. Noch härter, weniger im Singer/Songwriter-Schema gefangen klingt das, ob bei der Rockhymne "WZF?!", einer galligen Zusammenfassung des Jahres 2020 für jemanden, der aus dem Koma erwacht, ob beim "Schlaflied für Aufgewachte" mit einem ausgewachsenen Klavierarrangement oder ob bei der neuen Single "Liebe in Zeiten von Amazon Prime", die sich um den Verlust der Geduld auch beim größten aller Gefühle dreht, nach dem Motto: "Es hat nie geklingelt, aber im Briefkasten liegt ein Abholschein." Sehen kann man das neue Format auch. In den Videos, in denen alle fünf gleichberechtigt mitspielen. Und bald endlich auch live, in bayerischen Breiten am Freitag, 16. Juli, auf der Open-Air-Bühne bei der Landesgartenschau in Ingolstadt, und am 2. September in München im Backstage.

© SZ/pop
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