Festival:Kreative Energie

Lesezeit: 3 min

"Dancefirst", das internationale Festival des zeitgenössischen Tanzes in Fürstenfeldbruck, zeigt neue Arbeiten von Star-Choreografen wie Sharon Eyal oder Edward Clug und gibt spannende Einblicke in die Szene Chinas und Spaniens.

Von Jutta Czeguhn

Festival: Verknotet in den Strukturen von Kirche und Patriarchat: Wie die Frauen in Margaret Atwoods Roman "The Handmaid's Tale" sehen sie aus, die Tänzerinnen der spanischen Compagnie "La Veronal" im Stück "Sonoma".

Verknotet in den Strukturen von Kirche und Patriarchat: Wie die Frauen in Margaret Atwoods Roman "The Handmaid's Tale" sehen sie aus, die Tänzerinnen der spanischen Compagnie "La Veronal" im Stück "Sonoma".

(Foto: Anna Fabrega)

"Russia", "Islandia" oder "Voronja", eine 2000 Meter tiefe Höhle in Georgien - Marcos Morau benennt die Choreografien, die er für sein Ensemble "La Veronal" kreiert, gerne nach den Welten, in die er seine Tänzerinnen und Tänzer eintauchen lässt. Auch "Sonoma", das aktuelle Stück der spanischen Compagnie, könnte an einen realen Ort führen, das Sonoma-Valley in Kalifornien. Die Ureinwohner vom Stamm der Miwok glauben, dass der Mond dort wohnt und sich jede Nacht in die Ebene schmiegt. Ihr Trommeln, Stampfen, Rufen begleitet ihn in den Schlaf. Morau nimmt sich diesen Mythos, überträgt ihn, zerlegt ihn, auch linguistisch. Bedeutet "Soma" im Griechischen nicht "Körper", und "Sonum" im lateinischen nicht "Klang"? Und der Mond, steht er nicht für alles Weibliche? Neun Tänzerinnen lässt der Choreograf in "Sonoma" auf die Bühne gleiten, wie Derwische drehen sie sich in bodenlangen, uniformen Glockenröcken.

Der rigide Katholizismus Spaniens, das archaische Patriarchat, mittelalterliche Riten, das alles mischt Morau mit der surrealen Bildsprache eines Luis Buñuel. Die Frauen tragen wundersame Kopfputze, um die sie Frida Kahlo beneidet hätte, sie schreien, atmen, rezitieren Gedichte. Mit dieser überwältigenden Produktion startet "Dancefirst 2022", das internationale Festival für zeitgenössischen Tanz am 11. Juni, im Veranstaltungsforum Fürstenfeld.

Die pandemiebedingte Zwangspause scheint kreative Energie freigesetzt zu haben, bei den Organisatoren und den Compagnien. Sämtliche Produktionen sind noch nie in Bayern zu sehen gewesen, sogar eine Deutschland-Premiere gibt es. Heiner Brummel, künstlerischer Leiter des Tanzfestivals, und sein Team sind viel herumgefahren, haben gesichtet und sind nun stolz darauf, wen sie da in ihr Veranstaltungsforum auf dem Areal des ehemaligen Zisterzienserklosters, unweit des Fürstenfeldbrucker Bahnhofs, holen können: Compagien aus Spanien, Italien, Deutschland, Kanada und Slowenien, mit Choreografien von Stars der Szene wie Sharon Eyal oder Edward Clug. Mehr als 900 Plätze fasst der große Stadtsaal, da hoffen die Veranstalter auf die Tanzkenner aus der gesamten Region, aber auch auf neues Publikum, das sich einlassen will auf moderne Tanzsprachen jenseits des klassischen Ballettvokabulars.

Körper und Kalligrafie

Festival: Wie ein sanfter, ruhiger Fluss: Das Stück "Timeless", das die chinesische Choreografin Xie Xin für das Hessische Staatsballett kreiert hat.

Wie ein sanfter, ruhiger Fluss: Das Stück "Timeless", das die chinesische Choreografin Xie Xin für das Hessische Staatsballett kreiert hat.

(Foto: Shen Jianzhong)

Eine ganz eigene Handschrift besitzt beispielsweise Xie Xin, eine der derzeit gefragtesten Choreografinnen Ostasiens. Ihre Auftragsarbeit "Timeless", die das Hessische Staatsballett am 21. Juni in Fürstenfeld zeigt, ist inspiriert von der traditionellen chinesischen Kalligrafie, von der Sanftheit und Stille mit Tusche zu Papier gebrachter Landschaften. Fließend sind die Bewegungen ihrer Tänzerinnen und Tänzer, die sich fürsorglich verbinden und wieder auseinander driften. Nichts vergeht, hat die junge Choreografin, die in Shanghai ansässig ist, in einem Interview gesagt, wie der Flug eines Vogels, dessen Spur in Raum und Zeit man, auch wenn er bereits außer Sicht, immer noch wahrnehmen kann. Der Kontrast könnte nicht größer sein zu den Arbeiten von Sharon Eyal, die beim Festival "Promise", ihre dritte Arbeit mit Tanzmainz-Compagnie präsentiert, auch wenn die Tanzkünstlerin aus Israel für dieses Stück, das während des Lockdowns entstand, die Scharfkantigkeit und Daueranspannung etwas abgelegt hat. Die sieben Tänzerinnen und Tänzer bewegen sich als seltsam verklumpte Social Bubble durch den Raum, in blaugrauen Bodies und Socken, zum pulsierenden, nie nachlassenden Rhythmus elektronischer Musik. Mit geöffneten, zu stummen Schreien verzogenen Mündern absolvieren sie im Duett oder als Gruppe unheimliche Bewegungen, die an Rumba oder Walzer erinnern, hochkonzentriert, ohne Pause, eine geniale Zumutung für die Akteure und das Publikum (28. Juni).

Mit "O Fortuna" in den Ring steigen

Festival: Ohne Anfang und Ende: Der Kreis ist für Edward Clug in seiner Tanzfassung von Carl Orffs "Carmina Burana" Symbol für alles Leben.

Ohne Anfang und Ende: Der Kreis ist für Edward Clug in seiner Tanzfassung von Carl Orffs "Carmina Burana" Symbol für alles Leben.

(Foto: Marta Tiberiu)

Aus Vancouver, Kanada, kommt die "Out Innerspace Dance Company", gegründet von den beiden Choreografen David Raymond und Tiffany Tregarthen, die auch für Crystal Pites Compagnie "Kidd Pivot" tanzen. Und das sieht man; Licht, Dunkelheit, Klangkollagen, Stakkato-Gesang, Techno-Gewummer schaffen im Stück "Bygones" ("Vergangene Zeiten") alptraumhafte Räume, Gänge, Wände (3. Juli), durch die sich isolierte Wesen bewegen. Nichts ist hier vertraut, ein dystopischer Kosmos. Zumindest akustisch mehr zuhause fühlen mag man sich da in Edward Clugs Tanzfassung von Carl Orffs "Carmina Burana", die bei "Dancefirst" ihre Deutschland-Premiere hat (14. Juli). Der Ballettdirektor des slowenischen Nationaltheaters Maribor hatte anfangs Skrupel, dieses Projekt überhaupt anzugehen, ist doch Orffs Musik zu populär, vor allem das "O Fortuna". Was könnte langweiliger sein, als diese Partitur mit Tanz zu bebildern? Doch Clug hat seinen ganz eigenen Zugang zu dem Werk gefunden. Und der gigantische Ring, der sich am Ende von der Bühnendecke senkt und der die Techniker in Fürstenfeld vor große Herausforderungen stellt, ist allein schon einen Besuch dieses Ballettabends beim "Dancefirst"-Festival wert.

Dancefirst 2022, 11. Juni bis 28. Juli, Veranstaltungsforum Fürstenfeld, Fürstenfeld 12, in Fürstenfeldbruck, Karten und Infos zum Programm unter www.dancefirst.de, Telefon 08141/6665444

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