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Jahresrückblick:Max Mannheimer wäre stolz

Im Februar 2019 besuchte der "Volkslehrer" die KZ-Gedenkstätte Dachau, um gegen einen vermeintlichen "Schuldkult" zu filmen.

(Foto: Toni Heigl)

Jugendliche tragen zur Verurteilung des rechtsextremen Videobloggers Nikolai Nerling bei. Vor Gericht enttarnen sie die Aussagen des selbsternannten "Volkslehrers" als Holocaustleugnung.

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Vladimir Feierabend, Eduard Kornfeld, Ernst Sillem - die drei Holocaust-Überlebenden und ehemaligen Häftlinge des KZ Dachau sind 2020 in hohem Alter gestorben. Sie sind nur Beispiele. Je weiter die NS-Verbrechen zurückliegen, desto weniger Zeitzeugen leben noch, die davon erzählen können. Umso bedeutender wird daher jedes Jahr der Satz, den der berühmte Schoah-Überlebende Max Mannheimer (gestorben 2016) bei seinen vielen Besuchen in Schulen den Jugendlichen immer wieder mit auf dem Weg gab: "Ihr seid nicht verantwortlich für das, was geschah. Aber dass es nicht wieder geschieht, dafür schon."

Vor diesem Hintergrund ging Ende November ein bemerkenswerter Prozess vor dem Landgericht München II über die Bühne. Dieses sprach den Videoblogger Nikolai Nerling, der sich in der rechtsradikalen Szene Deutschlands als der "Volkslehrer" einen Namen gemacht hat, in einer Berufungsverhandlung schuldig, in der KZ-Gedenkstätte Dachau den Holocaust geleugnet zu haben. Nerling kam im Februar 2019 nach Dachau und wollte auf dem Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers ein Video drehen, um damit gegen einen vermeintlichen "Schuldkult" zu protestieren. Doch eine Referentin, die gerade eine Gruppe Neuntklässler des Gymnasiums Kirchseeon durch die Gedenkstätte führte, erkannte den Rechtsextremisten. Sie holte Hilfe, um Nerling und seinen Kameramann des Geländes zu verweisen.

Schüler verteidigen Würde der NS-Opfer

Währenddessen ging Nerling auf die Schüler zu und sagte zu ihnen sinngemäß, dass sie nicht alles glauben sollten, was ihnen in der KZ-Gedenkstätte erzählt werde. Doch die Schüler, damals 14 oder 15 Jahre alt, widersprachen dem selbsternannten "Volkslehrer" und verteidigten damit die Würde der NS-Opfer, als diese angegriffen wurde. Und das an einem Ort, der symbolischer nicht sein könnte. Im KZ Dachau wurden mehr als 41 500 Häftlinge umgebracht.

Fast zwei Jahre später enttarnten sie in ihren Zeugenaussagen vor Gericht Nerlings Aussagen als das, was sie sind: Holocaust-Leugnung und der ewiggestrige Antisemitismus mit modernem Anstrich. Im Prozess fragte der Richter eine 16-Jährige, wie sie Nerlings Äußerungen damals verstanden habe. Sie antwortete, Nerling habe auf die NS-Zeit angespielt. "Ich habe es als Verleumdung des Holocaust interpretiert, auch wenn das Wort Holocaust nie gefallen ist." Aufgrund der Angaben der Jugendlichen, die sich auch von der teils harten Befragung der Verteidiger nicht aus der Ruhe bringen ließen, wurde Nerling wegen Volksverhetzung zu einer Geldstrafe verurteilt. Man kann Max Mannheimer leider nicht mehr fragen. Aber man darf davon ausgehen, dass er auf die Schüler sehr stolz gewesen wäre. Die Jugendlichen, die die Schoah nur aus Geschichtsbüchern kennen, haben sein Vermächtnis fortgesetzt. Nicht die Kranzniederlegungsrituale an Gedenktagen lösen das Versprechen des "Nie wieder" ein, es sind junge mutige Menschen.

© SZ vom 29.12.2020
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