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Dachau:Stellenstreit in KZ-Gedenkstätte - Abba Naor schaltet sich ein

An der KZ-Gedenkstätte Dachau gibt es Streit um die Nachbesetzung einer wichtigen Stelle.

(Foto: Toni Heigl)

Wer soll die Bildungsabteilung künftig leiten? Seit dem Herbst wird darüber heftig diskutiert, nun hat sich auch der Holocaust-Überlebende von Israel aus eingeschaltet. Die zerstrittenen Parteien signalisieren Gesprächsbereitschaft.

Von Thomas Radlmaier, Dachau

Abba Naor reicht's. Der 92-Jährige wollte sich raushalten aus dem Streit um die Nachbesetzung einer wichtigen Stelle an der KZ-Gedenkstätte. Doch er beobachtete von Israel aus, wie sich der Clinch in den vergangenen Tagen hochgeschaukelt hat. Wie in diesem Streit einige Beteiligte "unangemessen scharfe Töne" in die Auseinandersetzung hineingebracht hätten, "die das Ansehen der Gedenkstätte schädigen könnten", schreibt Abba Naor in einer zweiseitigen Stellungnahme. Er habe gezögert, sich einzumischen. "Dieser Konflikt hat jedoch ein Ausmaß angenommen, das mich zwingt, als Holocaust-Überlebender und Sprecher der Vereinigung der Überlebenden der KZ-Außenlager Kaufering/Landsberg nun auch meine Stimme zu erheben."

Abba Naor überlebte als Jugendlicher das Ghetto Kaunas, mehrere Konzentrationslager und einen Todesmarsch kurz vor Kriegsende. Unzähligen Schülern erzählte er seine Geschichte, um damit eine Generation, die die NS-Verbrechen nur aus Geschichtsbüchern kennt, gegen den Antisemitismus zu impfen. Jetzt schreibt er: "Es empört mich, wie in dem Streit um diese Stellenbesetzung die jüdische Perspektive auf die NS-Verbrechen ausgerechnet in Dachau mit leichter Hand vom Tisch gefegt wird."

Abba Naor verweist darauf, dass sich täglich in Deutschland antisemitische Übergriffe ereignen würden. "Sollte nicht auch eine Gedenkstätte als Lern- und Erinnerungsort dagegen Stellung beziehen? Und gerade dazu wäre eben auch eine Stimme einer Nachfahrin von Holocaust-Opfern unverzichtbar."

Der Holocaust-Überlebende Abba Naor vermisst im Dachauer Stellestreit die jüdische Perspektive.

(Foto: Fotos: Niels P. Jørgensen/Toni Heigl)

Der Dachauer Stellenstreit dreht sich um die Nachbesetzung der Leitung der Bildungsabteilung an der KZ-Gedenkstätte. Die Stelle, seit Herbst 2020 vakant, war bis November ausgeschrieben. Nachdem alle Bewerber aber weder den Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Karl Freller, noch Gedenkstättenleiterin Gabriele Hammermann überzeugten, wollte Freller seine Büroleiterin Erika Tesar zur neuen Chefin der Bildungsabteilung machen. Der Personalrat und ein großer Teil der Belegschaft protestieren gegen die Personalentscheidung. Sie verlangen von Freller, zum offiziellen Verfahren zurückzukehren. In der Folge äußerte sich eine ganze Reihe von Personen und Verbänden, die in der Erinnerungsarbeit aktiv sind.

Nachdem tagelang die Fetzen flogen zwischen beiden Seiten, scheint nun Bewegung in die Sache zu kommen. "Wir möchten das Thema befrieden", sagte Karl Freller. Der Stiftungsdirektor hielt Rücksprache mit Kultusminister Michael Piazolo (Freie Wähler). Dieser ist Vorsitzender des Stiftungsrates. Das Gremium hat weitreichende Befugnisse in Personalangelegenheiten an den KZ-Gedenkstätten in Dachau und Flossenbürg. Freller sagte, man wolle in den nächsten Tagen die Wogen glätten.

Das sei auch der Wunsch des Stiftungsratsvorsitzenden. Um eine Lösung innerhalb der nächsten Woche zu finden, sollen alle "wichtigen Akteure" eingebunden werden. Dadurch solle Schaden von Personen und der Gedenkstätte abgewendet werden, so Freller. "Das Ziel muss sein, das Ansehen der Gedenkstätte zu wahren." Ob seine Wunschkandidatin Teil dieser möglichen Lösung sein wird, ließ Freller offen.

Der Personalrat der Gedenkstätte teilte am Mittwoch mit, weiterhin "zu ergebnisoffenen und konstruktiven Gesprächen" bereit zu sein. Gleichwohl könne nur durch eine Neuausschreibung der Stelle in einem "ordentlichen Bewerbungsverfahren das beschädigte Vertrauen in die Stiftungsleitung und in die Entscheidungen über die Besetzungen von Stellen an der Gedenkstätte" wiederhergestellt werden. Weder das Kultusministerium noch Gedenkstättenleiterin Hammermann wollten sich auf Anfrage konkret äußern.

Viele ungeklärte Fragen im Dachauer Stellenstreit

Es gibt viele ungeklärte Fragen im Dachauer Stellenstreit. Einige davon betreffen die arbeitsrechtliche Dimension: Hätte Freller den Stiftungsrat und den Personalrat bei seiner Entscheidung mehr einbinden müssen? Und ist das Bewerbungsverfahren formal überhaupt abgeschlossen worden? Damit beschäftigen sich aktuell mehrere Juristen.

Eine weitere Frage, die im Raum steht: Wer soll an einem Lern- und Erinnerungsort wie Dachau authentisch das Vermächtnis der Zeitzeugen fortführen, von denen bald niemand mehr am Leben sein wird? Freller hält seine Büroleiterin auch wegen ihrer Familiengeschichte für gut geeignet für die Stelle. Erika Tesars Urgroßvater und zwei seiner Brüder wurden in Konzentrationslagern ermordet, weil sie Juden waren. Tesar ist promovierte Politikwissenschaftlerin, gleichwohl fehlt ihr für die Stelle eine pädagogische Qualifikation.

Abba Naor stärkt Karl Freller den Rücken

Freller fühlt sich an einen Beschluss des Stiftungsrates aus dem Jahr 2019 gebunden, wonach die Nachkommen von NS-Opfern besser in den Stiftungsrat eingebunden werden sollten. Doch dieses Vorgehen ist aus Sicht des Personalrates unzulässig. "Dass Menschen, die keine Verfolgten in der Familie haben, somit für eine Führungsposition in der Bildungsarbeit einer Gedenkstätte, weniger geeignet sein sollen, entwertet die jahrelange, fundierte und wissenschaftliche Arbeit der Menschen, die sich engagiert in der Gedenkstätte Dachau einbringen", so der Personalrat.

In diesem Streitpunkt stärkt nun Abba Naor dem Stiftungsdirektor den Rücken. Dem Beschluss im Stiftungsrat war damals ein Antrag von Naor und dem Holocaust-Überlebenden Jack Terry vorausgegangen. Der Antrag meine nicht nur, dass Nachkommen der Überlebenden im Stiftungsrat einen Sitz erben sollten, so Naor. "Sondern dass die Nachfahren eine Unterstützung erhalten sollen, um die Zeitzeugengespräche an den Schulen fortsetzen zu können, wenn wir einmal nicht mehr sind." Die Bildungsabteilung in Dachau stelle "ein wichtiges Bindeglied" zwischen Zeitzeugen und Schulen dar. Ganz so unverständlich sei es also nicht, wenn die Stiftung Erika Tesar als Leiterin einsetzen möchte.

Natürlich sei nicht jeder Nachkomme für so eine Stelle geeignet. "Aber auf alle, wirklich alle, sind die Traumata ihrer Eltern, Großeltern, die den Holocaust überlebten, übergegangen." Abba Naor fragt: "Und diejenigen, die sich damit auseinandersetzen und daraus ihr Engagement für das Erinnern und die Aufklärung über die NS-Verbrechen schöpfen, sollen an einem Gedenk- und Erinnerungsort wie Dachau nicht qualifiziert genug sein?"

© SZ vom 04.03.2021/infu
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