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Gastronomie in München:Eine Branche kämpft ums Überleben

Coronavirus - Bayern

Leere Tische, wohin man schaut: Viele Restaurants und Hotels werden die Corona-Krise nicht überleben

(Foto: dpa)

263 Prozent mehr Arbeitslosigkeit im Gastgewerbe als im Vorjahr: Das ist nur eine Zahl, die zeigt, mit welchen Problemen Lokale und Hotels zu kämpfen haben. Viele werden aufgeben müssen.

Von Franz Kotteder

Hallo, ist da wer?" Die Frage könnte in Zukunft öfter mal auftauchen, wenn man ein Lokal betritt. Nicht nur wegen der Abstandsregeln oder der Sperrstunde, die vielleicht schon angebrochen sein könnte: Draußen muss künftig schon um 20 Uhr Schluss sein, drinnen geht es nur bis 22 Uhr. Es kann ja gut sein, dass manche nicht einmal mehr das schaffen. Weil sie bereits Konkurs gegangen sind oder in den nächsten Monaten Insolvenz anmelden müssen. Mindestens 30 Prozent der gastronomischen Betriebe, schätzt der Münchner Vorsitzende des Hotel- und Gaststättenverbands Dehoga, Christian Schottenhamel, könnten die Corona-Krise nicht überleben: "Spätestens, wenn die gestundeten Pachten, Mieten und Krankenversicherungsbeiträge eingefordert werden, wird es viele treffen."

Man kann dies alleine schon an den Arbeitsmarktzahlen ablesen. Noch im Februar gab es in ganz Deutschland nur 173 Mitarbeiter im Gastgewerbe, die in Kurzarbeit waren. Im März und April waren es mehr als eine Million. Das sind 93,4 Prozent aller sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in der Gastronomie und 87 Prozent in der Hotellerie. Der überwiegende Rest wurde dann wohl arbeitslos. Denn im Vergleich zum Vorjahresmonat stieg die Arbeitslosigkeit im April gleich um 208 Prozent: die höchste Steigerung von allen Branchen in der deutschen Wirtschaft.

In München sieht das sogar noch um einiges schlimmer aus. Die Zahlen der Arbeitsagentur, zu deren Zuständigkeitsbereich neben der Stadt auch der Landkreis München gehört, sind nämlich noch einmal deutlich höher. "Der Anstieg im Vergleich zum Vorjahresmonat April beträgt bei uns 263 Prozent", sagt Pressesprecherin Anne Beck. Im April 2019 hatten sich 430 Beschäftigte aus dem Gastgewerbe arbeitslos gemeldet, in diesem Jahr waren es im selben Monat 1561. Der große Rest der 47 600 sozialversicherungspflichtig Beschäftigten in Hotellerie und Gastronomie ist in Kurzarbeit geschickt worden, Zahlen liegen hier aber noch nicht vor. Nicht erfasst sind dabei alle Mini-Jobber, die in der Gastronomie meist mehr als die Hälfte aller Beschäftigten ausmachen.

Diese Zahlen zeigen deutlich, dass allein in München alles in allem derzeit an die 100 000 Beschäftigte von den Schließungen betroffen sind. Und dass es für viele Wirte, Hoteliers und Restaurantbetreiber noch sehr eng werden kann. Wer vom Tourismus lebt, wie die meisten Hotels und viele Gaststätten, hat so schnell nicht wieder ein volles Haus. Obendrein sprach Ministerpräsident Markus Söder (CSU) von einem "atmendem System", was die Lockerungen angeht, und da kann es leicht sein, das dem einen oder anderen unterwegs der Schnaufer ausgeht.

Die Befürchtungen sind jedenfalls groß unter den Gastronomen der Stadt. Denn die Bedrohungen sind vielfältig. Zwar wurden oft Pachten und Abgaben gestundet - aber was ist, wenn die dann tatsächlich gezahlt werden müssen, was unweigerlich kommen wird? Und was ist mit den Krediten, die man jetzt aufnimmt, wenn die Beschränkungen dann einfach kein wirtschaftliches Arbeiten möglich machen, sondern höchstens 20 bis 50 Prozent des bisherigen Umsatzes ergeben? Wobei manche schon darüber froh wären - die Betreiber von Bars und Clubs nämlich, für die es derzeit noch überhaupt keine Perspektive gibt. Sie bleiben erst mal zu.

Die Soforthilfen von Land und Bund haben manchen geholfen, andere haben auch nach acht Wochen noch keinen Cent gesehen: weil die Bedingungen mehrmals geändert wurden oder die Ämter schlicht vom Ansturm überfordert waren und sind. Eine Umfrage der Münchner Dehoga ergab, dass bisher erst 60 Prozent der Betriebe die Soforthilfe erhalten haben, nur zehn Prozent haben das Kurzarbeitergeld erstattet bekommen. Sie müssen alles aus eigener Tasche vorstrecken.

Andere verzweifeln an den Betriebsschließungsversicherungen, die sie abgeschlossen hatten. Denn die Versicherer zogen sich häufig mit fadenscheinigen Argumenten zurück. Das Virus, hieß es da etwa, sei in den Policen nicht aufgeführt gewesen. Oder aber, im Betrieb sei gar kein Corona-Fall aufgetreten. Wirtschaftsminister Hubert Aiwanger (Freie Wähler) verkaufte es unterdessen als seinen Erfolg, dass die Versicherer sich gnädig bereit erklärten, 15 Prozent der Schadenssumme zu übernehmen. Der Zorn darüber ist groß bei den Gastronomen, einige haben mit den Kabarettisten Helmut Schleich, Luise Kinseher und Wolfgang Krebs ein Musikvideo mit dem Titel "Der Wirt brennt" aufgenommen, ein wütender Spottgesang auf die "VerUNsicherungen". Der Rosenheimer Augustinerwirt und Schauspieler Eric Brodka singt, man erkennt Alfons Schuhbeck und Stefan Grosse vom Blauen Bock am Viktualienmarkt.

Unterdessen bemühen sich Branchenfunktionäre wie Schottenhamel, der Sprecher der Innenstadtwirte Gregor Lemke, Augustiner-Biergartenwirt Christian Vogler und der immer noch recht gut vernetzte ehemalige Wiesnwirtesprecher Toni Roiderer bei der Politik um weitere Zugeständnisse. Am Donnerstag und Freitag dieser Woche gab es dazu schon Videokonferenzen mit der Staatskanzlei.

Unter anderem auch mit der Präsidentin der bayerischen Dehoga, Angela Inselkammer vom Brauereigasthof Aying. Sie wird derzeit nicht müde zu betonen, was die Corona-Krise für ihre Branche bedeutet. Kritik an den Maßnahmen der Staatsregierung äußert sie nur verhalten - sie ist Mitglied in der CSU-Wirtschaftskommission, ihr Landesgeschäftsführer Thomas Geppert kam direkt aus der CSU-Landesleitung. Eine gewisse Regierungsnähe ist also vorhanden, was ein Vorteil, aber auch mal ein Nachteil sein kann. "Bayern hat eh schon viel getan", sagt Inselkammer also und hofft, der von ihr geforderte "Hilfsfonds mit direkten Finanzhilfen für alle Betriebstypen" werde nun bald vom Bundeswirtschaftsministerium aufgelegt. Die Staatskanzlei möchte sie noch überzeugen, die Öffnungszeiten etwas lockerer zu sehen. Bislang darf man ja von 18. Mai an draußen bis 20 Uhr und eine Woche später auch drinnen bis 22 Uhr aufmachen. Könnte schwierig werden, wenn die Draußensitzenden um acht dann alle reinwollen.

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Und was, wenn das alles nichts fruchtet oder die Lokale gar noch einmal geschlossen werden müssen? In diesem Fall sieht Inselkammer im Wortsinne schwarz: "Ein massenhaftes und flächendeckendes Sterben von Hotellerie und Gastronomie" sei dann unvermeidlich die Folge.

Die Initiative "Save our local gastro", abgekürzt Solg, der an die 300 Münchner Gastro-Betriebe angehören, sieht das alles ähnlich. Bis zu 70 Prozent ihrer Mitglieder plagen größte Existenzsorgen, weitere Subventionen seien nötig. Und ein erniedrigter Mehrwertsteuersatz, nicht nur auf Speisen, sondern auch auf Getränke. "Da wurde die Hälfte der Beteiligten vergessen", meint Pressesprecherin Charlotte Höltzig vom Mineralwasserabfüller und Solg-Mitbegründer Aqua Monaco, "für Bars, Clubs und viele Cafés besteht der Umsatz hauptsächlich aus Getränken."

Aber selbst das hilft ja auch nur, wenn man die Frage: "Hallo, ist da wer?" dann noch mit: "Ja!" beantworten kann.

© SZ vom 09.05.2020/lfr
"Sim Simma Bar" in München, 2019

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