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Corona-Krise:Die neue Scham beim Klopapier-Kauf

Coronavirus - Leinfelden-Echterdingen

Wer mit Klopapier entdeckt wird, bekommt neuerdings neidische oder auch argwöhnische Blicke.

(Foto: dpa)

Man will der älteren Nachbarin einfach nur helfen - und ergattert im Supermarkt zusätzliches Klopapier. Nur: Mit zwei Achterpackungen unter dem Arm ist neuerdings der Heimweg nicht mehr so leicht.

Eigentlich zählt man sich nicht zu den Hamsterern und Hortern. Auch nicht in Notfällen. Wer durch ganz Indien gereist ist, noch bevor der Subkontinent zum weltweit führenden Exporteur von Software und IT-Services aufgestiegen war, hat gelernt, wie es auch ohne, sagen wir mal Toilettenpapier geht. Das gab es dort in kleinen Städten, geschweige denn auf dem Land, noch nicht mal zu kaufen. Und das einzige Verbrechen, mit dem man auf seinem monatelangen Trip konfrontiert worden war, war ein Einbruch im benachbarten Hotelzimmer. Die Diebe hatten es aber nicht auf Geld und Kamera abgesehen, das war alles noch da. Das einzige, was sie geklaut hatten, war Klopapier.

Doch im 21. Jahrhundert gibt es Situationen, da kommt man nicht aus. Die nette 74-jährige Nachbarin von oben hat nur noch eine Rolle Klopapier, also halten alle Hausbewohner Ausschau. Die umliegenden großen Geschäfte sind völlig ausverkauft, auch in den Kaufhäusern ist ein hilfreicher Nachbar nicht fündig geworden. Und der Dame zu erklären, wie das damals in Indien so lief, hebt man sich dann doch besser für den absoluten Notfall auf.

Drum entfährt einem schier ein "Huch" in der Edeka-Express-Filiale um die Ecke. In dem sonst eher notdürftig mit Hygieneartikeln ausgestatteten Laden läuft einem ein zufrieden aussehender Mann mit zwei Großpackungen Rollen in der Hand über den Weg. Wo er das denn herhabe? Aha, dort hinten im Gang. Da steht ein Wagerl mit einer ganzen Ladung. Die Verkäufer haben sich nicht mehr die Mühe gemacht, die begehrte Ware in ein Regal zu schichten, lohnt sich bei der Nachfrage gar nicht mehr.

Mit dem glücklichen Gedanken an die Nachbarin greift also auch unsereins beherzt zu. Ein wenig geniert man sich dann doch auf dem Heimweg, verstecken lassen sich die zwei Achterpackungen nur schlecht hinter der kleinen Papiertüte. Und man kann ja nicht jedem grinsend entgegenkommenden Passanten erklären, hey, das ist jetzt nicht für mich, sondern für die Nachbarin.

Der hilfreiche Nachbar hingegen, sonst nie um eine Antwort verlegen, wähnt sich währenddessen auf der sicheren Seite, was anzügliche bis neidische Blicke betrifft. Er ist nämlich mit dem Auto beim Drogeriemarkt, und dort ergattert er ebenfalls noch Klopapier für die Mitbewohnerin. Doch auf dem kurzen Stück zurück zum Parkplatz hört er wie ein älteres Paar im Vorübergehen verächtlich raunzt: "Do schau hi, scho wieda oana mit'm Klopapier." - Hätte er denn erklären sollen, dass die Rollen nicht für ihn sind, sondern für wen anders? "Das glaubt eim doch eh' keiner", erzählt er später beim Klatsch von Terrasse zu Balkon. Mit seiner Lieferung war er jedenfalls einen Tick schneller im oberen Stockwerk, sodass unsereins jetzt auf einem beträchtlichen Vorrat an Samtig-Weichem sitzt.

© SZ vom 01.04.2020/mmo

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