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Coronavirus in München:Das System gerät ins Wanken

Jeder Patient sei potenziell ansteckend, sagt Zsolt Zrinyi, der eine Zahnarztpraxis in Schwabing hat.

(Foto: Catherina Hess)
  • Bayernweit schließen immer mehr Arztpraxen, weil sie keine Schutzausrüstung mehr haben oder weil sie einen positiven Fall in der Belegschaft hatten und in Quarantäne gehen mussten.
  • Für die Stadt München soll künftig ein sogenannter Versorungsarzt die Verteilung der Schutzkleidung mitregeln: der Allgemeinmediziner Florian Vorderwülbecke.

Ein Arzt soll Oberbürgermeister Dieter Reiter (SPD) künftig dabei helfen, die Corona-Krise in München zu managen. Am Donnerstag hat Reiter den Allgemeinmediziner Florian Vorderwülbecke zum sogenannten Versorgungsarzt ernannt. Der Notfallplan der bayerischen Staatsregierung erteilt Reiter diese Befugnis. Vorderwülbecke, der eine Praxis in Oberhaching hat, wurde damit eine große Verantwortung übertragen. Er soll gemeinsam mit einem speziellen Arbeitsstab dafür sorgen, dass die ärztliche Versorgung der Bevölkerung sichergestellt ist. Außerdem soll er auch über die Verteilung der Schutzausrüstung verfügen. Reiter hat sich einen krisenerfahrenen Mediziner an seine Seite geholt. Vorderwülbecke hat mehrere Einsätze als Truppenarzt mitgemacht, zum Beispiel im Kosovo oder in Afghanistan. Nun gilt es, München durch die Corona-Krise zu manövrieren.

Auch die Einrichtung sogenannter Schwerpunktpraxen zur Behandlung von Covid-19-Patienten, die nicht ins Krankenhaus müssen, liegt in Vorderwülbeckes Hand. Das soll "in enger Zusammenarbeit mit den Körperschaften der ärztlichen Selbstverwaltung erfolgen", heißt es vom Presseamt der Stadt. Ein erstes Gespräch sei dazu bereits geführt worden. Gesundheitsreferentin Stephanie Jacobs hatte schon Anfang der Woche an die Ärzteschaft appelliert und klar gemacht, dass solche Schwerpunktpraxen aus ihrer Sicht nötig seien, um die Krise zu bewältigen.

Mit Schwerpunktpraxen könne man einerseits die Krankenhäuser entlasten, damit diese sich um die schweren Verläufe kümmern könnten, und andererseits den niedergelassenen Ärzten ermöglichen, Patienten ohne Corona-Verdacht in ihren Praxen weiterhin zu behandeln. "Ein effizientes und starkes ambulantes Versorgungssystem ist das Rückgrat der derzeitigen Krisenbewältigung", so Jacobs.

Über die verschobenen Zuständigkeiten ist ein Streit entbrannt. Wo vorher eine selbstverwaltete Ärzteschaft war, greift nun die bayerische Staatsregierung durch. Die Kassenärztlichen Vereinigungen im Bund und in Bayern haben die starke Hand des Staates, respektive Ministerpräsident Markus Söder (CSU), deutlich kritisiert. Doch die Ausrufung des Katastrophenfalls ermächtigt Bayern, gewohnte Strukturen neu zu organisieren und die Verteilung von Schutzkleidung in die Hand zu nehmen oder über die Arbeit der niedergelassenen Ärzte zu verfügen. Um jeden Preis soll die Coronavirus-Pandemie gestoppt werden.

Denn das ambulante Versorgungssystem gerät bereits ins Wanken. Bayernweit schließen immer mehr Praxen, weil sie keine Schutzausrüstung mehr haben oder weil sie einen positiven Fall in der Belegschaft hatten und in Quarantäne gehen mussten. Momentan seien bereits rund 250 Praxen von insgesamt 18 000 geschlossen, teilt die KVB mit. Hinzu kommen laut der Kassenzahnärztlichen Vereinigung Bayerns (KZVB) etwa 280 geschlossene Zahnarztpraxen von 8000.

Auch in München seien bereits einzelne Praxen geschlossen, so das Referat für Gesundheit um Umwelt. Wie viele und welche könne man nicht sagen. Auch die KVB verfügt nicht über Zahlen aus einzelnen Orten. Jedoch steht fest: Mit jedem weiteren Tag, an dem die Ärzte auf Lieferungen von Schutzkleidung warten, kann die Zahl derer, die gezwungen sind zu schließen, steigen.

Es ist ein Teufelskreis: Personal, das nicht gut genug geschützt ist, kann sich schneller mit Covid-19 infizieren - und mit einem positiven Corona-Fall muss schlimmstenfalls wieder eine Praxis mehr schließen.

Das Lager für Schutzkleidung sei "chronisch ausgehungert"

Es gilt also schnell zu handeln. "Wenn kein Nachschub kommt, sind wir Ende April zu", sagt Zahnarzt Zsolt Zrinyi, der eine Praxis in Schwabing führt. Viele Corona-Infizierte seien ansteckend, bevor sie Symptome haben, viele entwickeln nie welche, sagt Zrinyi. Deshalb müsse er mittlerweile auch als Zahnarzt "jeden Patienten als potenziellen Covid-19-Fall einstufen", um sich, seine Mitarbeiter und auch die anderen Patienten zu schützen. Aber die nötige Schutzausrüstung, die werde immer knapper.

In seiner Not habe er sich am Mittwoch ans Kreisverwaltungsreferat gewandt, erzählt der Zahnarzt. Man verwies ihn an die Feuerwehr. Diese hat die Verteilung von Schutzmaterial innerhalb Münchens zentral übernommen. Von dort erhielt er die Auskunft, er möge warten. Das Lager sei "chronisch ausgehungert", habe man ihm gesagt, erzählt Zrinyi. Von der Pressestelle der Feuerwehr ist zu hören, dass das Material nicht sofort für alle ausreiche, man beschränke sich deshalb auf Teillieferungen und spätere Nachlieferungen.

Da, wo Corona-Fälle bereits bestätigt seien, werde zurzeit etwas mehr hingebracht. Wer Bedarf habe, solle sich an die Feuerwehr wenden. Man verteile aber weiterhin nach einem Verteilschlüssel des bayerischen Innenministeriums. Zahnärzte werden hier nachrangig behandelt, was die KZVB für "inakzeptabel" hält, so der Sprecher.

So wie Zrinyi geht es vielen kleineren Arztpraxen in München, unabhängig von ihrem Fach. Einige beantragen Kurzarbeit und schalten auf Notfälle um oder bieten Video-Sprechstunden an und bitten auf ihren Homepages alle mit Erkältungssymptomen, zu Hause zu bleiben. Einige haben die Möglichkeit, innerhalb ihrer Räumlichkeiten Verdachtsfälle gesondert zu behandeln. So erzählt beispielsweise Allgemeinarzt Christoph Grassl, der eine große Hausarzt-Praxis in Sendling führt und nach eigenen Angaben auch bereits leichte Corona-Fälle behandelt, dass man bei ihm die Patienten bereits am Eingang sortiere.

Wenn sie typische Symptome hätten, würden sie in den ersten Stock geführt. Für den Rest, "der ja nicht weniger wird, nur weil Corona ist", sei der zweite Stock reserviert. So versuche Grassl die Ansteckungsgefahr für alle zu minimieren. Schutzkleidung habe man dank einer Spende vorerst genug, erzählt Grassl. Aber lange gehe es nicht mehr, auch er warte auf die Lieferungen vom Staat. "Eine Woche, dann wären wir auch am Ende."

Nach Auskunft der KVB werden bereits jetzt sechs von sieben Covid-19-Patienten ambulant behandelt. Dies gelinge "derzeit auch ohne Schwerpunktpraxen". Wie lange noch, ist allerdings unklar. Letztendlich entscheidet die Versorgung der Praxen mit Schutzausrüstung darüber - und das liegt ab jetzt in der Hand des neuen Versorgungsarztes.

© SZ vom 03.04.2020/infu
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