Asylpolitik:Warum Däumchen drehen gewünscht sein könnte

Die Helfer in München kritisieren nicht nur eine fehlende Kommunikation und Transparenz von Seiten des Freistaates, sondern äußern auch Unverständnis darüber, dass sich viele Kommunen an der österreichischen Grenze überfordert fühlen, während in München alles bereit steht, die Kapazitäten und die Strukturen vorhanden sind. "Wir drehen hier Däumchen, während die Helfer in den Kommunen an der Grenze am Rad drehen", sagt eine Helferin in der Richelstraße.

"Es spielen sich dramatische Situationen an den Grenzen ab, die Menschen stehen im Regen, während wir hier weiterhin im Stand-by-Modus sind", sagt Dominik Herold vom Koordinationsteam der Flüchtlingshilfe am Hauptbahnhof. Auch der Chef der Münchner Caritas, Hans Lindenberger, hatte diese Woche gefordert, die Grenzstädte nicht alleine zu lassen und stärker zu unterstützen.

Asylpolitik: Anziehsachen liegen in großen Kisten bereit - bloß kommt niemand, um die gespendeten Kleider anzuziehen.

Anziehsachen liegen in großen Kisten bereit - bloß kommt niemand, um die gespendeten Kleider anzuziehen.

(Foto: Inga Rahmsdorf)

Am Hauptbahnhof organisieren die Freiwilligen ebenfalls weiter einen 24-Stunden-Betrieb. Donnerstagmorgen, acht Uhr: zwei Helfer verteilen Wasser und Decken an einige Ankommende, etwa zehn Flüchtlinge warten auf ihre Registrierung. Täglich versorgen sie hier derzeit etwa 100 Asylsuchende. Die Fernverkehrszüge zwischen München und Österreich sind eingestellt. Laut der Deutschen Bahn noch mindestens bis zum 1. November. Die Zelte für die medizinischen Untersuchungen, die auf der Nordseite des Bahnhofs standen, sind diese Woche abgebaut worden. Der Betrieb gehe weiter, versichert das Gesundheitsreferat, das Screening sei nur in das Gebäude verlegt worden und könne bei Bedarf wieder ausgebaut werden.

"Man muss die Gäste nur hineinlassen"

Auch in der Notunterkunft in Dornach organisieren die Freiwilligen sich weiterhin rund um die Uhr und auch dort sind sie zunehmend enttäuscht von der Politik. "Vor einigen Tagen wurde uns morgens gesagt, dass 900 Flüchtlinge ankommen werden", sagt ein Helfer aus der Notunterkunft in Dornach. "Wir haben Leute zusammengetrommelt, doch dann saßen wir stundenlang hier, bis abends um 23 Uhr der erste Bus eintraf, insgesamt kamen dann 150 Menschen."

Etwa 5000 Münchner haben sich bei der Flüchtlingshilfe am Bahnhof registriert. Die Situation sei demotivierend für die Freiwilligen, sagt Dominik Herold, aber vielleicht sei das ja so gewünscht. Dadurch werde das Bild vermittelt, dass die Kommunen völlig überfordert sind, sagen viele Helfer, während in München Kapazitäten und vorhandenes Engagement nicht genutzt werden. "Wenn wir sehen, was in anderen Städten und an der Grenze los ist, dann können wir nicht nachvollziehen, warum hier alles leer ist", sagt Karim Hamed, der als freiwilliger Dolmetscher in Münchner Unterkünften übersetzt.

In dem Ankunftszentrum in der Richelstraße haben die Helfer einen Raum mit Decken abgetrennt und Teppiche hineingelegt, als Gebetsraum für Muslime. Es gibt eine Halle für Familien, auf einem Tisch liegen Stifte und Papier. Daneben hängen gemalte Bilder, auf denen bunte Blumen ebenso wie Kriegsszenen zu sehen sind. Das Team der Volksküche, die Vokü-Muc, die ehrenamtlich für Menschen kocht, hat sich kurzerhand eine Küche aufgebaut, den Hygienestandards entsprechend, vom Gesundheitsamt abgenommen. Brauereien haben Bierbänke und Kühlschränke gespendet, das THW hat eine Feldküche bereitgestellt.

Anfang September haben sie hier 5500 warme Mahlzeiten an einem Tag gekocht. Jetzt sind es noch täglich etwa 100 bis 150 Essen, die von den Helfern am Busbahnhof, die sich ZOB-Angels nennen, dort an Flüchtlinge verteilen. "Es steht alles bereit in München", sagt Moritz Greil von der Vokü, "man muss die Gäste nur hineinlassen."

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