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Ankunft in München:Was Flüchtlinge im Gepäck haben

Zahnbürste, Jacke, Smartphone, Papiere ... Geflohene Menschen zeigen, was sie bei ihrer Ankunft in München dabeihatten - und erzählen von ihrem Weg.

Von Elisa Britzelmeier

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Quelle: Stephan Rumpf

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Das Bauhaus, ja, das liebe er, sagt Ibrahim, der Architekt aus Damaskus. Sein Zeugnis hat er dabei, ganz klein gefaltet in einer Plastikhülle, die in seinem Hüftgürtel steckt. Mehr Gepäck hat der 30-Jährige auf seiner Flucht nach München nicht mitgebracht. Zusammen mit seiner Freundin, einer Chemiestudentin, ist er seit drei Jahren unterwegs, wie er sagt, seine Mutter habe er seitdem nicht mehr gesehen. Die vergangenen 14 Tage konnten die beiden nie duschen, mehr als ein oder zwei Stunden Schlaf am Tag waren nicht möglich, entsprechend erschöpft schauen sie aus. Die beiden jungen Syrer hatten wie viele ihrer Landsleute nicht einmal das Nötigste dabei, als sie am Münchner Hauptbahnhof ankamen. Umso schwerer wiegen die Erfahrungen, die sie alle auf der Flucht machen mussten.

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Quelle: Stephan Rumpf

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Zaheerabbas aus Pakistan

Deutschland, hatte er gehört, soll so ein schönes Land sein. "Beautiful country, beautiful people", das hatte sein Cousin ihm erzählt, der seit einem Monat in Penzberg lebt. Nun hat Zaheerabbas es auch geschafft, in dieses schöne Land, mit einem Rucksack auf den Schultern und einer Bauchtasche. Er sei vor den Taliban in Pakistan geflohen, sagt der 37-Jährige. In Ungarn wartete er mehrere Tage am Bahnhof, dann endlich die Möglichkeit, in einen Zug nach München zu steigen. Zuhause arbeitete er als Maler.

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Quelle: Stephan Rumpf

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Was er dabei hat? Was man halt so braucht, sagt er, Handy, T-Shirts, Jeans, Deo, ein Handtuch. Die Zahnbürste und ein Rasierer stecken in der Außentasche des Rucksacks. "Oh, und natürlich meine Unterhosen", sagt Zaheerabbas und lacht etwas verlegen.

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Amin aus Syrien

Eigentlich hatte Amin zwei Taschen dabei. Der 28-Jährige packte vor allem Kleidung ein, als er seine Heimat Syrien verließ. Doch auf dem Weg musste er sein Gepäck zurücklassen. Er floh über die Türkei, stieg in ein Schlauchboot, das ihn nach Griechenland brachte - für die Taschen war da kein Platz. Die Schlepper wollten so viele Menschen wie möglich im Boot unterbringen, sagt Amin. Mitnehmen konnte er nur zwei Dinge: Seine Papiere und sein Smartphone, beides sorgfältig in einen Plastikhandschuh gesteckt, gegen die Wellen, die ins Boot schwappten. Sein Pass liegt jetzt bei den Behörden. In einer Klarsichthülle zusammengefaltet trägt Amin ein Dokument mit sich, das bestätigt, wo er zuerst registriert wurde, und dass er jetzt in der Unterkunft an der Denisstraße schlafen kann.

Amin ist bereits seit einem Monat in Deutschland und bekam schon mehrmals eine neue Unterkunft zugeteilt. München gefällt ihm gut, hier würde er gerne bleiben. "Wenn es irgendwie geht", sagt er. In Syrien hatte Amin gerade sein Jurastudium abgeschlossen. Sein Gesicht will der große Mann lieber nicht fotografieren lassen. Er hat Angst um die Familie zu Hause.

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Jinan aus dem Irak

Ein Ladekabel, ein Tablet, ein paar Papiere: Mehr hat Jinan nicht in ihrer kleinen Umhängetasche. Mit ihren vier Kindern ist die 34-Jährige Irakerin vor zwei Tagen in München angekommen. Jetzt will sie nach Bremen, wo ihr Mann ist.

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Das Tablet hilft ihr, mit ihm Kontakt zu halten. Viele Flüchtlinge haben ein Smartphone. Oft ist es der wichtigste Gegenstand, den sie besitzen - nicht nur um mit Verwandten zu kommunizieren wie Jinan. Sondern auch, um sich unterwegs zu orientieren. Smartphones und Tablets sind meist mit GPS ausgestattet, außerdem erfahren die Menschen auf der Flucht so, wo sie ihre nächste Etappe antreten, wo sie sich mit anderen Flüchtlingen treffen oder wo sie schlafen können. Viele informieren sich online über ihr gewünschtes Zielland, schon bevor sie ihre Heimat verlassen. Jinan sucht gerade den Weg zum Hauptbahnhof, da hinten gehe es zur U-Bahn, hat sie erfahren. Man merkt ihren schweren Schritten an, wie erschöpft sie ist. Die 34-Jährige ist in einer der Messehallen untergekommen, dort bekam sie auch die Spielsachen und die Kleidung, eine große Tasche voll.

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Mustafa aus dem Irak

Zu viert teilen sie sich einen kleinen blauen Koffer, jeder hat noch einen Rucksack auf dem Rücken: Mustafa ist mit seiner Frau, seinem Schwager und seinem Cousin in München angekommen. Einen Monat lang waren sie unterwegs, jeden Tag seien sie mindestens sieben Stunden gelaufen, erzählt der 32-Jährige. Umständlich zieht er den Reißverschluss des Koffers auf, darin: noch ein Rucksack, ein paar T-Shirts, ein Handtuch, eine Plastiktüte, darin ein Tetrapak mit Milch.

Als es ihm noch besser ging, arbeitete Mustafa für eine amerikanische Firma, ursprünglich hat er Kunst studiert. Jetzt will die Gruppe nach Finnland weiter. Dort soll es schön sein, und vor allem: weniger voll. "Hier sind so viele Flüchtlinge angekommen", sagt Mustafa, "wir können hier nicht warten und warten, wir sind zu viele". Was ein Zugticket nach Hamburg kostet, will er wissen. Jemand habe ihm von 260 Euro pro Person erzählt, das kommt ihm viel vor. "Ich weiß nicht, was die Zukunft für uns bringt. Aber ich habe Hoffnung", sagt er.

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Mohammad aus Syrien

Ja, Kleidung hätten sie genug dabei, vielen Dank, sagt Mohammad. Zuhause waren Anziehsachen sein Beruf: Der 31-Jährige hatte in Syrien ein eigenes Bekleidungsgeschäft. Bevor der Familienvater sich auf den Weg machte, konnte er es gerade noch verkaufen, wie er erzählt. In seine zwei Koffer und den großen Rucksack packte er Pullis und Hosen in mehreren Größen, für sich selbst und für seine drei Kinder, außerdem ein paar Spielsachen. Auf dem Weg über die Türkei, Griechenland, Mazedonien, Serbien und Ungarn mussten sie immer wieder auf der Straße schlafen, sagt Mohammad.

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Richtig kalt war es da, darum sei er froh gewesen, dass seine Kinder wenigstens warme Jacken hatten. Jetzt sei alles dreckig. Am schlimmsten ist das Meersalz, das noch an den Hosen klebt, findet Mohammad. Er will jetzt irgendwie weiter nach Berlin, dort hat er einen Freund. Er hält den Info-Flyer eines Mobilfunkanbieters in der Hand. Bisher besitze er noch kein Handy, sagt er, auch kein Smartphone. Die größere seiner beiden Töchter hat sich einen Ball unter den Arm geklemmt, die kleinere turnt auf einem der Koffer herum. "Ich habe so viel zurückgelassen", sagt Mohammad, "aber das Wichtigste habe ich zum Glück bei mir: meine Kinder."

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