Prozessauftakt in München:Mitangeklagter belastet Schuhbeck schwer

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Prozessauftakt in München: Alfons Schuhbeck, Gastwirt und Sternekoch, steht in München vor Gericht.

Alfons Schuhbeck, Gastwirt und Sternekoch, steht in München vor Gericht.

(Foto: Christof Stache/AFP)

Starkoch Alfons Schuhbeck steht von heute an in München vor Gericht. Er soll Steuern in Millionenhöhe hinterzogen haben. Am ersten Prozesstag lässt er seinen Anwalt für sich sprechen.

Von Susi Wimmer

Alfons Schuhbeck fixiert die gold-gesprenkelten Ornamente unter der Decke des Gerichtssaals, dann gleitet sein Blick ins Leere. Der 73-Jährige wirkt wie die Hülle seiner selbst, das Gesicht fahl, ausgehöhlt, um den Küchenjargon zu bemühen. "Eine Haft würde ihn ruinieren", sagen seine Anwälte. Doch genau das droht dem 73-jährigen Küchen-Mogul, der seit Mittwoch vor dem Landgericht München I angeklagt ist: Die Staatsanwaltschaft wirft Schuhbeck Steuerhinterziehung in Millionenhöhe vor. Seine Verteidiger pochen auf etliche "Zweifel und Ungereimtheiten", doch der einstige IT-Spezialist von Schuhbeck belastet seinen ehemaligen Chef am ersten Verhandlungstag schwer.

Im prunkvollen Justizpalast hat die Justiz den Prozessauftakt in Sachen Schuhbeck für den Ansturm durchchoreografiert. Gut zwei Dutzend Medienvertreter warten in Saal 134, doch nur eine Handvoll Zuschauer. Um 8.57 Uhr erscheint Schuhbeck, Kameras klicken. Zwölf Minuten, ungewöhnlich lange, muss er im Blitzlicht verharren, ehe die 6. Strafkammer den Saal betritt. Drei Berufsrichterinnen und zwei Schöffen werden über Schuhbeck - und den mitangeklagten IT-Fachmann Jürgen W. - richten.

Prozessauftakt in München: Lässt seine Anwälte sprechen: Alfons Schuhbeck (Mitte), Koch und Unternehmer, wird von Sascha König (links) und Markus Gotzens vor Gericht vertreten.

Lässt seine Anwälte sprechen: Alfons Schuhbeck (Mitte), Koch und Unternehmer, wird von Sascha König (links) und Markus Gotzens vor Gericht vertreten.

(Foto: Sven Hoppe/dpa)

Auf zehn Seiten wirft Staatsanwältin Susanne Gehrke-Haibl dem einstigen Starkoch Steuerhinterziehung in 32 Fällen vor, in den Jahren 2009 bis 2016 soll er den Fiskus um knapp 2,4 Millionen Euro geprellt haben. De facto geht es um sein ehemaliges Restaurant Orlando, um die Südtiroler Stuben am Platzl, und um die Schuhbeck's Holding, bei der die Umsätze aus den Firmen versteuert wurden. Am Platzl soll Schuhbeck in den Jahren 2010 bis 2014 gezielt einzelne Rechnungen aus dem verwendeten Kassensystem gelöscht haben, um die Umsätze nach unten zu schrauben. Im Restaurant Orlando soll ihm ein eigens für ihn programmiertes Tool Manipulationen ermöglicht haben.

Anwälte sehen keine Beweise für Schuhbecks Schuld

"Es ist richtig, dass es Ungereimtheiten bei den Abrechnungen gab", sagt Verteidiger Sascha König zum Prozessauftakt. "Aber damit steht nicht fest, dass Herr Schuhbeck manipuliert hat." Zweifel daran seien aber ignoriert worden. Wie hätte sein Mandant manipulieren können, wenn er sich nachweislich an etlichen Tagen nicht in Deutschland aufgehalten habe? Und wo seien die Millionen geblieben, wenn Schuhbeck sogar Insolvenz habe anmelden müssen? "Möglicherweise stellt sich am Ende heraus, dass nicht er Täter, sondern Opfer ist", meint König, "weil nicht nur der Fiskus, sondern zuvorderst er betrogen wurde". Und Verteidiger Markus Gotzens sagt vorab, dass sich Schuhbeck an diesem Tag weder zur Sache noch zur Person äußern werde.

Dafür äußert sich IT-Experte Jürgen W. umso deutlicher. Der gebürtige Münchner schildert, wie er sich bis 2009 eine 40-Mann-Firma aufgebaut habe, wie der Großkunde Deutsche Bank abgesprungen sei, und die Firma "zügig den Bach runterging". Für die Firma hätten er und seine Frau das Haus verpfändet, alle Ersparnisse eingebracht, "am Ende waren wir komplett verschuldet". Bereits 1991 habe er über seine Schwester Alfons Schuhbeck kennengelernt. Der führte damals noch in Waging das Kurhausstüberl. Er habe seiner Schwester Tipps für die Software gegeben und von Schuhbeck den Auftrag erhalten, sich dort "um alles zu kümmern". Das habe er bis 2003 getan. Dann sei Schuhbeck nach München gegangen und "massiv vom FC Bayern unterstützt worden". Der Verein habe dem Koch auch einen System-Administrator gestellt. Er habe nur noch sporadisch für Schuhbeck gearbeitet, aber als die Einführung eines einheitlichen Abrechnungsmodells, an dem eine Fremdfirma beteiligt gewesen sei, gescheitert sei, habe Schuhbeck ihm die Schuld gegeben.

Nach seiner Pleite 2009, so erzählt Jürgen W. weiter, habe Schuhbeck ihm eine Chance gegeben und ihn angestellt. "Er war sehr anspruchsvoll, man musste auch nachts und an den Wochenenden verfügbar sein." Er sei dankbar gewesen, und wirtschaftlich abhängig. Und so habe er für den Koch Programme entwickelt, die etwa verhindert hätten, dass Kellner bei der Abrechnung in die eigene Tasche hätten wirtschaften können. Ein Tool habe dafür gesorgt, dass der Chef habe zugreifen können. "Mir war klar, dass er damit Umsätze löschen und Bargeld-Entnahmen verschleiern konnte", erklärt W. vor Gericht. Schuhbeck habe nur das Programm aufrufen müssen - und wenn er einen eigenen USB-Stick in das Gerät gesteckt habe, sei eine nur für ihn sichtbare Oberfläche erschienen, auf der er mit einfachen Mausklicks auch noch Tage nach den Abrechnungen habe manipulieren können.

Nach der Hausdurchsuchung, sagt der IT-Experte, habe er mit den Behörden kooperiert

Einmal, erzählt Jürgen W., sei 2015 seitens der Behörden bemängelt worden, dass einige Belege nicht auf dem üblichen Thermopapier ausgedruckt worden waren. Schuhbeck habe das damit begründet, dass auf dem Papier die Zahlen nicht so gut lesbar gewesen seien. In Wahrheit soll der Koch neue, manipulierte Bons für die Buchhaltung ausgedruckt haben. Also habe er in einer Nacht- und Nebel-Aktion für das Orlando Thermobons nachgedruckt. 2018 sei die nächste Betriebsprüfung angestanden. "Ich habe an mehreren Wochenenden versucht, die Daten sauber zu kriegen", sagt der Programmierer. Da das nicht gelungen sei, habe er die Daten so abgeliefert und die Ungereimtheiten aufgezeigt. Nach der Hausdurchsuchung im Jahr 2019 habe er sich entschlossen, mit den Behörden zu kooperieren.

Was die Kammer von den bislang dargelegten Argumenten hält, ließ sie in einer Besprechung über eine Verständigung bereits im Juni durchblicken. Die Verteidigung regte damals eine Einstellung des Verfahrens für den Tat-Komplex Südtiroler Stuben an. Bei einem Geständnis Schuhbecks bezüglich des Orlando und einer Schadenswiedergutmachung durch ein Darlehen von Freunden könne man sich eine Bewährungsstrafe vorstellen.

Die Vorsitzende Richterin Andrea Wagner berichtet in der Verhandlung, dass die Kammer damals erklärt habe, die Vorwürfe für das Orlando wögen schon so schwer, dass eine Bewährung fraglich sei. "Und ein Geständnis führt nicht immer zu einer Bewährung." Bei Jürgen W., dem Beihilfe zur Steuerhinterziehung vorgeworfen wird, sei man im bewährungsfähigen Bereich. Staatsanwältin Gehrke-Haibl sprach von "sehr dringendem Tatverdacht", und dass es nicht relevant sei, wo das Geld geblieben sei. Man habe Hinweise, dass Schuhbeck Kontakte nach Liechtenstein und Malta pflege.

Bis zum 22. Dezember hat die Kammer 18 Verhandlungstage angesetzt.

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:Stichwort "Ingwer": Schuhbeck vor Gericht

Es gab Zeiten, da war er allgegenwärtig. Alfons Schuhbecks Name stand auf Eisdielen, Büchern, Mörsern, Gewürzmischungen. Jetzt wirft ihm die Staatsanwaltschaft Steuerhinterziehung in Millionenhöhe vor. Die Küchengeheimnisse eines Mannes, der alles verlieren könnte.

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