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Impfen:Höchste Zeit für Solidarität mit den Kindern

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Manche Kinder können es sich zuhause in der Hängematte einrichten, anderen fehlt der Platz, das Geld und die Zuwendung der Lehrerinnen und Lehrer.

(Foto: Ute Grabowsky/photothek.net via www.imago-images.de/imago images/photothek)

Die Kleinen leiden am wenigsten unter einer Corona-Infektion, aber am meisten unter der Corona-Politik. Sie haben ein Recht darauf, ihr Leben zurückzubekommen. Die Politik muss nun Prioritäten setzen - nicht nur beim Impfen.

Kommentar von Henrike Roßbach

Eine Bund-Länder-Runde zur Pandemie, in der es hauptsächlich um Kinder und Jugendliche geht: Das klingt geradezu erfrischend, nachdem in den vergangenen Monaten ja immer nur behauptet wurde, die Kleinsten hätten Priorität - während die Alltagserfahrung der Familien eine deutlich andere war.

Doch die Tagesordnung am Donnerstag kam nicht etwa zustande wegen der jüngsten Warnrufe von Kinderärztinnen und Psychologen (die es in eineinhalb Jahren Pandemiebekämpfung übrigens nie geschafft haben, von der Kanzlerin ähnlich ernst genommen zu werden wie die Epidemiologen, Virologen und Mathematiker, von denen sie sich beraten ließ). Nein, es ist die Impfkampagne, die das virtuelle Treffen der Ministerpräsidenten mit der Kanzlerin zu einem Kindergipfel macht.

Vermutlich wird der Biontech-Impfstoff in der EU noch im Mai für Kinder ab zwölf Jahren freigegeben. Das ist die gute Nachricht - vor allem für Kinder mit Vorerkrankungen. Gleichzeitig aber kommt es damit zum ersten Mal überhaupt in der Pandemie zum Schwur, was den Umgang von Politik und Gesellschaft mit den Jüngsten angeht. Und zwar in zweierlei Hinsicht.

Diskreditiert ist jetzt die bloße Simulation einer kindgerechten Pandemiepolitik

Erstens müsste eigentlich, bei nur einem für Kinder freigegebenem Vakzin, genau dieses Vakzin für sie reserviert werden. Im Umkehrschluss fielen diese Dosen des Lieblingsimpfstoffes aller Deutschen für die anderen Altersgruppen weg. Die ersten Experten klagten bereits, das würde die Impfkampagne verlangsamen. An diesem Punkt darf vielleicht kurz daran erinnert werden, wie sich der Widerstand gegen Astra Zeneca in der Gruppe der über 60-Jährigen auf die Impfkampagne ausgewirkt hat. Nun aber wird es zu diesem gesellschaftlicher Test, was die Solidarität der Alten mit den Jungen betrifft, ohnehin nicht kommen. Denn Kinder und Jugendliche, so der Beschluss von Bund und Ländern, sollen sich nach der Aufhebung der Priorisierung schlicht wie alle anderen um einen Impftermin bemühen.

Zweitens hat die Ständige Impfkommission (Stiko) mit ihrer Andeutung, die Impfung gar nicht flächendeckend für alle Kinder zu empfehlen, einen Umstand in den Mittelpunkt gerückt, den die Politik bislang ungestraft verdrängen konnte: dass Kinder und Jugendliche am wenigsten unter einer Covid-Infektion, aber am heftigsten und womöglich nachhaltigsten unter den pandemiebedingten Einschränkungen leiden. Die Stiko nämlich betont, dass Kinder nur sehr selten schwer an Covid-19 erkrankten, weshalb Nutzen und Risiko einer Impfung bei ihnen in einem ungünstigeren Verhältnis stünden als bei Erwachsenen. Das Ziel der Herdenimmunität oder die Tatsache, dass Schule und Kita mit geimpften Kindern einfacher zu organisieren sind, wiegen weniger schwer.

Damit bringen die Impfexperten Bund und Länder in eine ungemütliche Lage. Womöglich wird es nun nichts mit dem flächendeckenden Impfen der Kinder - und damit dem politisch schmerzlosesten Weg raus aus der selbst verschuldeten Schul- und Kita-Misere.

Aussichtslos ist die Lage trotzdem nicht: Impfen um die Kinder herum, Impfungen von Kindern, deren Eltern das wollen, Luftfilter, PCR-Pooltestungen statt mittelprächtig aussagefähiger Popeltests vor dem Unterricht - es gibt Luft nach oben. Diskreditiert aber ist die Simulation einer kindgerechten Pandemiepolitik. "Genesen, geimpft, getestet" kann Erwachsenen den Weg in die Normalität ebnen, Kindern eher nicht. Bund und Länder haben nun aber versprochen, dass Kinder dennoch ihr Leben im Gleichschritt mit den Großen zurückbekommen sollen. Hoffentlich wird das Versprechen dieses Mal eingelöst.

© SZ
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