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Weltmeisterschaften und Olympia:Sportfürsten werden nie Emire boykottieren

FILE PHOTO: FIFA President Gianni Infantino during a World Health Organization & FIFA Press Conference

Gianni Infantino findet Menschenrechte in Katar sehr wichtig. Wirklich.

(Foto: REUTERS)

Autokraten wie der Fifa-Chef Infantino stellen sich nicht gegen Autokraten wie die in Katar. Es sind die Politiker aus den Demokratien, die die Zeichen setzen müssen.

Kommentar von Claudio Catuogno

Das Thema Menschenrechte genieße "Top-Priorität", hat Gianni Infantino gerade über die Fußball-WM 2022 in Katar gesagt. Was man halt so erzählt als affärengestählter Präsident des Weltverbands Fifa, wenn man jene Themen von der Backe haben will, die bloß das Geschäft stören. Im Fall von Katar wird Infantino jetzt allerdings doch von der Realität belästigt. Erst ermittelte der britische Guardian 6500 tote Gastarbeiter, seit die Fifa ihr WM-Turnier vor gut zehn Jahren in das Emirat vergeben hat. Und nun fordert auch Amnesty International - trotz punktueller Verbesserungen in Katar-, die Fifa müsse "dringend handeln", damit nicht weiter Tausende Arbeitsmigranten "ausgebeutet und missbraucht" werden.

Die Fifa hätte da durchaus Hebel - so wie auch das Internationale Olympische Komitee (IOC), das seine Winterspiele 2022 nach Peking vergeben hat, Hebel hätte. Es sind ihre Großereignisse, sie finden nach verhandelbaren Regeln statt. Weil aber autokratische Sportfürsten wie Infantino oder der IOC-Patron Thomas Bach meist ganz gut auskommen mit den Vertretern autokratischer Gastgeber-Regimes, haben Menschenrechtsfragen am Ende doch wieder nur in Sonntagsreden "Top-Priorität".

"Beobachten." "Mit Sorge." Das sind so die Vokabeln

Aus dem organisierten Sport selbst werden die nötigen Impulse nicht kommen. Insofern verwundert es auch nicht, dass in Deutschland der DFB oder der DOSB, der Olympia-Sportbund, die Zustände in Katar und China zwar immerzu "beobachten", gerne auch "mit Sorge", eines aber kategorisch ausschließen: die Drohung, einfach mal nicht hinzufahren. Die These, dass Boykotte "nichts bringen", trägt der Sport wie ein Mantra vor sich her.

Und tatsächlich hat es ja auch etwas Tröstliches, wenn sich wenigstens noch junge Athleten aus aller Welt im fairen Wettbewerb begegnen, nach universellen Regeln - während ihre Nationen längst keine gemeinsame Gesprächsebene mehr finden. Andererseits: Ein paar rote Linien einzuziehen, wäre schon überfällig. Doch wo verlaufen die? Ist eine Schwimm-EM in Ungarn noch okay, aber eine Eishockey-WM in Belarus nicht mehr? Letztere wurde gerade unter dem Druck der Sponsoren storniert. Was ist mit der Bahnrad-WM demnächst in Turkmenistan? Was mit Olympia in China?

Ein Boykott sollte zumindest erwogen werden

Zumindest in den USA erwägen Politiker, im Winter 2022 kein US-Team nach Peking zu entsenden, wenn das Regime weiter die Demokratiebewegung in Hongkong niederschlägt und Hunderttausende Uiguren interniert. Am Ende dürfte es kaum so kommen - einen Boykott per se auszuschließen, hieße allerdings, die berechtigten Träume von Snowboarderinnen und Bobpiloten wichtiger zu nehmen, als sie sind.

Sport treiben mag unpolitisch sein, der Sport mit seinen Nationalhymnen und -flaggen ist hochpolitisch. Das Mindeste wären also Sanktionen; so wie die EU am Montag erstmals seit 1989 wieder Sanktionen gegen China verhängt hat, wegen des Umgangs mit den Uiguren. Biathletinnen, Skifahrer oder eine deutsche Fußball-Nationalelf zu entsenden, ist das eine - die üblichen Funktionäre und Politiker im Schlepptau indes verbieten sich. Die Politik muss im kritischen Dialog bleiben mit den Autokraten. Gemeinsam mit ihnen auf der Ehrentribüne jubeln muss kein Kanzler oder Bundespräsident. Auch nicht in Katar, sollte die deutsche Elf dort ins Finale kommen.

© SZ/bek
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