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Fußball-WM 2022 in Katar:"Die Fifa muss endlich handeln"

Infantino in Katar

Fifa-Präsident Gianni Infantino bei einem Besuch in Doha im Jahr 2016.

(Foto: dpa)

Fortschritte beim Thema Menschenrechte? Eineinhalb Jahre vor der Fußball-WM in Katar widerspricht Amnesty International dieser vom Fußball gerne bemühten These - und befürchtet neue Rückschläge.

Von Johannes Aumüller

Gianni Infantino tat mal wieder so, als sei alles auf einem wunderbaren Weg. Ende der vergangenen Woche äußerte sich der Präsident des Fußball-Weltverbandes nach der Vorstandssitzung seiner Fifa auch zur umstrittenen WM in Katar; Infantino sparte nicht mit Komplimenten für das Gastgeberland, das wegen seiner permanenten Menschenrechtsverletzungen und vieler anderer Verfehlungen seit langem stark in der Kritik steht. Die WM im November und Dezember 2022 werde "fantastisch", teilte Infantino mit. Das Thema Menschenrechte genieße "Top-Priorität", und es gebe da "Fortschritt". Das sei nicht nur von der Fifa festgestellt worden, sondern auch von internationalen Organisationen.

An diesem Montag nun legt eine der in diesem Bereich wichtigsten internationalen Organisationen eine Bewertung vor - und da liest sich die Lagebeschreibung erheblich anders. "Die Fifa muss endlich handeln" heißt die Überschrift eines offenen Briefes von Amnesty International an den Weltverband: Man rufe die Fifa auf, drohende Menschenrechtsverletzungen im Zusammenhang mit der Fußballweltmeisterschaft 2022 in Katar "zu verhindern, zu beheben und zu mildern". Die Fifa müsse ihren gesamten Einfluss nutzen, um Katar zur Erfüllung seines Reformprogramms zu drängen.

Amnesty konstatiert zwar, dass in dem Emirat in den vergangenen Jahren positive Reformen auf den Weg gebracht worden seien. Diese würden jedoch "allzu häufig nur unzureichend umgesetzt", sodass Tausende Arbeitsmigranten "nach wie vor ausgebeutet und missbraucht werden". Noch frappierender ist, dass die Organisation sogar einen neuerlichen Rückschlag befürchtet. So verweist sie auf die Empfehlungen des katarischen Schura-Rates - einer Art beratenden Versammlung des Emirats -, die dazu führen würden, "einen Großteil der durch die Reformen erzielten Fortschritte wieder zunichtemachen". Dies gelte etwa für die Rechte von Arbeitnehmenden, den Arbeitsplatz zu wechseln oder auch das Land wieder zu verlassen.

Laut "Guardian" starben seit der WM-Vergabe in Katar 6500 Arbeitsmigranten

"Diese Fußballweltmeisterschaft wäre ohne Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigranten schlicht nicht möglich. Nur allzu häufig müssen die Arbeiterinnen und Arbeiter jedoch feststellen, dass ihr Aufenthalt in Katar von Missbrauch und Ausbeutung geprägt ist", sagt Steve Cockburn, Leiter des Bereichs für wirtschaftliche und soziale Menschenrechte bei Amnesty International. Die Organisation würdigt zwar, dass die Fifa verschiedene Schritte unternommen habe. Aber sie fordert den Weltverband nun nachdrücklich auf, seinen internationalen menschenrechtlichen Verpflichtungen nachzukommen und den Druck aufs Emirat zu erhöhen - und verweist dabei insbesondere auf das kleine zeitliche Fenster, das nur noch bleibe, um Veränderungen zu erreichen.

Die Vergabe der WM an das Emirat erfolgte im Dezember 2010 - sie ist von Bestechungsvorwürfen begleitet, die inzwischen auch Teil von Strafermittlungen sind, aber das Verhältnis der Fifa zum Gastgeber nicht beeinträchtigten. In den elf Jahren seit dem Zuschlag ist die Menschenrechtslage ein Dauerthema gewesen. Rund zwei Millionen Arbeitsmigranten leben in Katar. Immer wieder kommt es zu Todesfällen. Nach Recherchen des britischen Guardian starben seit der WM-Vergabe zirka 6500 Gastarbeiter. Das Emirat verweist darauf, dass es sich angesichts der Millionen Gastarbeiter um eine normale Todesrate handele und die Zahlen irreführend seien. Die Fifa hält dagegen, dass es auf Baustellen mit direktem WM-Bezug seit 2014 nur drei Todesfälle gegeben habe.

An diesem Wochenende teilte Katar mit, dass man einen Mindestlohn einführen werde. Dieser solle 230 Euro pro Monat betragen, zudem müsste es vom Arbeitgeber Zulagen von zirka 100 Euro für Essen und Wohnraum geben, falls beides nicht gestellt werde. Menschenrechtler nannten die Summen schon bei einer entsprechenden Ankündigung vor einigen Monaten unzureichend. Amnesty selbst legte im November 2020 einen sogenannten "Reality Check" vor: Die Organisation arbeitete darin heraus, in wie vielen Bereichen es noch gravierende Missstände gibt. Ein Beispiel war der Umgang mit den zirka 200 000 Hausangestellten im Land: Zirka 85 Prozent der Befragten gaben an, dass sie mehr als 14 Stunden pro Tag arbeiten müssten, keine wöchentliche Bezahlung erhielten - und auch ihren Pass abgeben müssten.

Auch der Katar-Partner FC Bayern weist gern auf Verbesserungen hin

Katar hingegen verweist stets auf Verbesserungen. Gleiches tun die Fifa und die anderen Protagonisten der Fußballwelt, die eng mit dem reichen Emirat verbandelt sind, etwa der FC Bayern. Doch zugleich dürften solche Feststellungen wie die aktuelle von Amnesty die Boykott-Debatte verstärken, die ohnehin schon intensiv läuft.

In Norwegen forderten zuletzt mehrere Erstligisten und Fan-Initiativen, dass ihre Nationalelf auch im Fall einer sportlichen Qualifikation der WM 2022 fernbleiben solle; eine Abstimmung vertagte der Verband kürzlich in den Sommer. Auch in Deutschland appellierte die Fan-Organisation "Pro Fans" für einen Boykott. "Es gibt nichts, was es rechtfertigen könnte, die Menschenrechtsverletzungen in Katar hinzunehmen, ja, gar durch die Teilnahme am Turnier wissentlich billigend zu unterstützen. Wir fordern den DFB auf, die Teilnahme an der WM in Katar abzusagen", hieß es in einer Stellungnahme.

In einer repräsentativen, vom Sportinformationsdienst in Auftrag gegebenen Umfrage sprachen sich 90 Prozent der Befragten für einen Boykott aus. Der DFB sagt bisher nur, dass die Vergabe des Turnieres nach Katar eine in vielerlei Hinsicht problematische Entscheidung gewesen sei, die Menschenrechtslage innerhalb des Verbandes intensiv diskutiert werde und man sich für die Menschenrechte in Katar einsetze. Ein Boykott sei aber "nicht sinnvoll".

© SZ/cca/ska
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