TV-Kritik zu "Maybrit Illner" Energiewende-Kaffeeklatsch mit Talkshow-Politikern

"Die Annahme, dass der Forst gerettet werden kann, ist eine Illusion", sagt RWE-Chef Rolf Martin Schmitz bei Maybrit Illner.

(Foto: ZDF)

Bei Maybrit Illner bezeichnet der RWE-Chef die Rettung des Hambacher Forsts als "Illusion". Auch Deutschlands engagierteste Braunkohle-Gegnerin ist zu Gast. Die meiste Redezeit bekommen bedauerlicherweise zwei Politiker.

TV-Kritik von Jana Stegemann

Man würde wirklich gerne wissen, wie viele Zuschauerinnen und Zuschauer Maybrit Illner nach Talkshow-Minute 39 verloren hat, weil sie aufgestanden sind und nachgeschaut haben, aus welchem Jahr ihr Kühlschrank ist. Und wie viele dann über die Suche nach Bedienungsanleitung oder Rechnung des Kühlschranks vergessen haben, zum Fernseher zurückzukehren.

Die Empfehlung dazu kam immerhin vom obersten Verbraucherschützer Deutschlands: Klaus Müller, Vorstand des Verbraucherzentrale Bundesverbands. "Viele Menschen haben zu Hause ihren Kühlschrank stehen, wo sie die Abendgetränke für die Talkshow rausgeholt haben. Es lohnt sich aber nicht nur zu gucken, was drin ist, sondern auch, von wann er ist. Ein neuer Kühlschrank kann enorme Strommengen einsparen." Wer für diese Erkenntnis eine ZDF-Talkshow braucht, lässt sich wahrscheinlich zur Sicherheit auch noch mal erklären, dass Regen nass macht.

Dennoch war Müllers Vorschlag noch einer der nachhaltigsten der Sendung. Ansonsten hatte man den Eindruck in einen privaten Kaffeeklatsch von Deutschlands oberstem männlichen Grünen, Anton Hofreiter ("Mensch Peter, du weißt doch, dass es erst ein halbes Jahr her ist, dass wir verhandelt haben und dann sind wir nicht in der Regierung und ihr räumt als Erstes die Klimaschutzziele ab"), und CDU-Wirtschaftsminister Peter Altmaier geraten zu sein ("Wir Deutschen haben zu unseren Wäldern und Bäumen ein ganz besonderes emotionales Verhältnis - ich übrigens auch, ich liebe meinen Garten und jeden einzelnen Baum. Auf der anderen Seite sind wir auch ein Rechtsstaat"). Die beiden Politiker nutzten die Gelegenheit, das zu wiederholen, was sie in der Vergangenheit zum Thema Energiewende schon unzählige Male in Mikrofone und Kameras gesagt hatten. Nun eben in die des ZDF.

"Im Hambacher Forst wird der Wahnsinn der deutschen Energiepolitik deutlich"

"Teurer Strom, billige Ausreden - scheitert die Energiewende?" war das Thema der Sendung, nur einen Tag, nachdem im Hambacher Forst ein junger Blogger in den Tod gestürzt war, der die Räumung des besetzten Waldes im Braunkohlerevier NRW dokumentieren wollte. Daraufhin war die Räumung durch die Behörden vorerst gestoppt worden.

"Unser Freund"

Steffen M. war Blogger, aber auch Teil der Aktivisten im Hambacher Forst. Nach dem tragischen Tod des 27-Jährigen halten die Behörden erst einmal inne. Von Jana Stegemann mehr ...

Illner ging jedoch nur ganz kurz auf den Unfall ein und umriss das viel zu breit gesetzte Thema ihrer Sendung so: "Im Hambacher Forst wird derzeit der Wahnsinn der deutschen Energiepolitik deutlich. Für die Klimaschutzziele der Regierung ist der Abbau der heimischen Braunkohle eine Katastrophe, für Tausende Beschäftigte in strukturschwachen Regionen die einzige Hoffnung." RWE-Chef Rolf Martin Schmitz saß neben Antje Grothus, Deutschlands bekanntester Braunkohlegegnerin im Hambacher Wald. Als langjährige engagierte Bürgerin aus Buir und Umweltaktivistin sitzt Grothus auch in der Kohlekommission. "Leider sind wir mit RWE nie ins Gespräch gekommen", sagte sie mit Seitenblick auf den Vorstandschef des Energiekonzerns. "Aber heute!", freute sich Illner.

"Die Annahme, dass der Forst gerettet werden kann, ist eine Illusion", machte Schmitz die Interessen seines Unternehmens deutlich und wies darauf hin, dass RWE bereits elf Millionen Bäume in der Renaturierung seiner Tagebauten gepflanzt habe. "Im Hambacher Wald stehen noch 43 000 Bäume, teilweise 350 Jahre alt. Dieser Wald ist nicht zu ersetzen, durch keine Rekultivierung der Welt. Man kann nicht einen uralten Wald abholzen und anderswo neue Bäume pflanzen", entgegnete Grothus.

Was würde denn passieren, wenn RWE den Hambacher Forst stehen ließe, fragte Illner. "Das würde RWE vier bis fünf Milliarden Euro kosten", antwortete der Vorstandschef und man darf vermuten, dass RWE bei solchen Schätzungen eher auf- als abrundet. Dennoch: Deutschlands oberster Braunkohleschützer und Deutschlands bekannteste Braunkohlegegnerin an einem Tisch hätten von der Moderatorin mehr Beachtung und Befragung verdient gehabt als zwei erprobte Talkshow-Politiker. "Wenn man den Leuten immer nur sagt, wie schlecht alles ist, muss man sich nicht wundern, wenn die Politikverdrossenheit groß ist", hatte Altmaier auf Illners Frage nach den aktuellen Ereignissen im politischen Berlin gesagt ("Wann nimmt Angela Merkel endlich Horst Seehofer vom Netz?").

Also alles gar nicht so schlimm mit der Energiewende? Einfach erst mal einen neuen Kühlschrank bestellen?

Den Fernseher an diesem Donnerstagabend von 22.15 bis 23.15 Uhr ausgeschaltet zu lassen, hätte übrigens auch Strom gespart.

Sie sind unsicher, ob ihr Kühlschrank ausgetauscht werden sollte? Meine Kollegin Esther Widmann hat recherchiert, wann es tatsächlich Zeit für ein neues Gerät ist:

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