Todesfall im Hambacher Forst "Unser Freund"

Steffen M. war Blogger, aber auch Teil der Aktivisten im Hambacher Forst. Nach dem tragischen Tod des 27-Jährigen halten die Behörden erst einmal inne.

Von Jana Stegemann, Düsseldorf

Seinen letzten Tweet setzt Steffen M. am Mittwochnachmittag um 16.32 Uhr ab. Er schreibt die fünf Worte "Polizei Richtung Mensch und Traverse", dazu postet er ein elfsekündiges Video aus großer Höhe. Zu sehen sind Polizisten auf einer roten Hebebühne, die an einen Aktivisten heranfahren, der im Baum sitzt. M. selbst filmt das Ganze aus einiger Entfernung von einem anderen Baumhaus aus.

Wenige Minuten später bricht der 27-jährige Blogger aus Leverkusen-Oplade im Hambacher Forst durch eine Hängebrücke und stürzt mehr als 15 Meter in die Tiefe. Rettungskräfte und Polizisten versuchen ihn wiederzubeleben - vergeblich. M. stirbt auf dem Weg ins Krankenhaus an seinen schweren Verletzungen.

M. begleitete die Waldbesetzer seit Längerem, wird von vielen Aktivisten als "unser Freund" bezeichnet und betrauert, er kannte sich in den Baumhausdörfern gut aus. Auch in "Beechtown", das die Behörden seit dem frühen Mittwochmorgen räumten. Das Besondere an diesem Teil des Hambacher Forsts: Hier waren die Baumhäuser nicht durch Kletterseile oder Strick-Traversen miteinander verbunden, sondern durch hölzerne Pfade. Diese waren zum einen Verbindungssteige für die Aktivisten, dienten aber auch als Schwingungsdämpfer für die Bäume.

"Die Trauer unter den Aktivisten ist sehr groß"

M. warnte noch vor einigen Tagen auf Twitter: "Wird eine durchgeschnitten bedeutet das Lebensgefahr für die Leute auf den anderen Traversen." Das war aber wohl nicht der Fall: Laut Staatsanwaltschaft Aachen gibt es keinen Anfangsverdacht für eine Straftat. "Es sieht nach einem Unglücksfall aus", sagte Aachens Oberstaatsanwältin Katja Schlenkermann-Pitts über den Absturz.

Mehrere Zeugen hätten übereinstimmend angegeben, dass M. sich zum Zeitpunkt des Sturzes allein und ungesichert auf der Brücke aufgehalten habe. Auch die Auswertung der Aufnahmen seiner GoPro-Kamera habe ergeben, dass sich keine Personen in der Nähe aufhielten, die für den Sturz verantwortlich sein könnten. Die Hängebrücke sei bereits vorab beschädigt gewesen. "Plötzlich - noch bevor der Verstorbene die Seilsicherung einhängen konnte - gab das Trittholz der Hängebrücke unter ihm nach, wodurch er ungesichert zu Boden fiel."

In dem sozialen Netzwerk war der junge Mann mit den rötlichen Haaren seit dem 5. September aktiv, dort nannte er sich "Vergissmeynnicht" und beschrieb sich selbst als "Regisseur / Künstler / Journalist". Die freie Journalistin Bärbel Schnell berichtet seit Anfang des Jahres über die Geschehnisse im Hambacher Forst, sie kannte Steffen M. Am Tag nach dessen Absturz ist Schnell wieder im Wald. "Die Trauer unter den Aktivisten ist sehr groß, Steffen hat die Leute hier sehr intensiv begleitet, er hat viel reingegeben in und für das Thema." Er habe kurz vor der Räumung auch öfter in den Baumhäusern übernachtet, sei in der Gemeinschaft verwurzelt gewesen.

"Steffen war ein erfahrener Kletterer, er wusste, was er tat", sagt Bärbel Schnell, er habe "auch mal kletternd produziert", wollte eine Dokumentation drehen über die Geschehnisse im besetzten Forst. Ihm sei es wichtig gewesen, die Öffentlichkeit teilhaben zu lassen an der Räumung. M. war nicht bei einem konventionellen Medium angestellt, sondern Teil eines Netzwerks, das sich "Presse Netz" nennt und auf Twitter und Youtube über Protest und Polizeieinsätze im Hambacher Forst berichtet.

Aktivisten trauern an der Unfallstelle im Hambacher Forst.

(Foto: Oliver Berg/dpa)

Es gibt auf Twitter ein Video, dort sieht man ihn mit Helm und Kletterausrüstung auf einem Baumhaus stehen. Er wirkt stolz, ein wenig Rebellion schwingt in seiner Stimme mit. Die Aufnahme entstand am Tag vor seinem Absturz. Darin sagt Steffen M.: "Nachdem die Presse in den letzten Tagen im Hambacher Forst oft in ihrer Arbeit eingeschränkt wurde, bin ich nun in 25 Metern Höhe auf Beechtown um die Räumungsarbeiten zu dokumentieren. Hier oben ist kein Absperrband." Dazu schrieb er #pressefreiheit und sagte, dass es ihm wichtig sei, die Räumung "vernünftig zu begleiten und die Menschen darüber zu informieren, was hier passiert". Seine Videos und Fotos waren seltene Eindrücke aus den Wipfeln des Hambacher Forsts, ein anderer Blick auf die Räumung der Baumhäuser.

Bis Mittwoch waren 39 von 51 Baumhäusern geräumt, NRW-Innenminister Herbert Reul (CDU) teilte 90 Minuten nach dem tödlichen Absturz mit, dass die Räumung des Waldes "bis auf Weiteres" gestoppt werde. Wann und wie es weitergeht, werde "in aller Ruhe überlegt", sagte Reul. Das hänge auch davon ab, "wie alle Beteiligten sich verhalten". Gleichzeitig forderte er im Radiosender WDR2 am Donnerstagmorgen die Besetzer auf, ihre Baumhäuser zu verlassen und während des Stopps keine neuen zu bauen: "Wir leben alle mit der Hoffnung, dass diejenigen, die in den Häusern sind, jetzt aus dem Wald rausgehen, aus den Häusern rausgehen, damit nichts passiert."

Die NRW-Grünen-Fraktion zog noch am Abend des Unglücks ihren Antrag zum Hambacher Wald zurück und verzichtete im Konsens mit allen Parteien auf eine Debatte im Landtag. Am Donnerstagmorgen übergaben Aktivisten mehr als eine halbe Million Unterschriften zum Erhalt des Forstes an die Landesregierung. Die Düsseldorfer Arbeitsbühnen-Firma Gerken zog ihre roten Hebebühnen aus dem Wald zurück und nimmt nach eigener Aussage dafür hohe Regresszahlungen in Kauf. "Wir halten den Einsatz in der Form für nicht weiter tragbar", heißt es in einer Erklärung.

Eine Szene mit Steffen M. ist Bärbel Schnell besonders im Gedächtnis geblieben, es war bei der Räumung des Wiesencamps durch die Polizei: "Steffen stand auf einem Lkw, die GoPro auf dem Kopf, eine zweite Kamera in der Hand, und stützte mit der anderen Hand eine Aktivistin, die gerade einen Wasserkanister hochzog. So war Steffen." Verstand er sich als Journalist oder als Aktivist? Bärbel Schnell hatte ihm diese Frage vor einiger Zeit gestellt und erinnert sich noch gut an seine Antwort: "So ein bisschen von beidem", habe er gesagt.

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