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SPD-Kanzlerkandidat:Martin Schulz sagt, er verstehe die Menschen

ARD-Talkshow ´Anne Will" mit Martin Schulz

Martin Schulz, designierter Kanzlerkandidat der SPD, aufgenommen während der ARD-Sendung "Anne Will".

(Foto: dpa)

Wer ist der Mann, der SPD-Kanzler werden will? In TV-Interviews spricht Schulz über schwierige Zeiten in seinem Leben. Er ruft seine Partei dazu auf, die Zukunftsängste vieler Menschen nachzuempfinden.

Maurike Maaßen ist eigentlich die perfekte SPD-Wählerin: Supermarktverkäuferin, Betriebsrätin, Gewerkschafterin. Doch Maurike Maaßen hat nicht das Gefühl, dass die Sozialdemokraten den "kleinen Mann" noch erreichen wollen. In die Kamera der Anne-Will-Redaktion schauend sagt sie: "Herr Schulz, ich hoffe, dass Sie die SPD wieder für mich wählbar machen."

Seit der Nominierung von Martin Schulz als Parteichef und Kanzlerkandidat ist die SPD wie im Rausch. In den Umfragen kletterten die Zustimmungswerte der Partei von 21 auf 24 Prozent, dazu kommen 700 Parteieintritte in den vergangen Tagen. Als Schulz am Sonntagnachmittag vor den Genossen seine erste Rede hielt, war das Willy-Brandt-Haus knackevoll. Er wurde umjubelt und beklatscht. Jetzt muss er sich den Wählern stellen. Viele Deutsche dürften sich immer noch fragen: Wofür steht eigentlich der Mann mit Bart und Brille?

Die ersten Antworten kann Schulz am Sonntag selbst liefern. Zwei Interviews im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sind zur besten Sendezeit angesetzt. Erst wendet er sich im ZDF-Format Was nun, Herr Schulz? an das Fernsehvolk des Vorabendprogramms. In 20 Minuten rauschen die Journalisten gemeinsam mit Schulz durch verschiedenen Themen: Gabriels Rücktritt, Koalitionsfragen, die erste Woche mit Donald Trump - und schließlich Schulz' großes Thema: Gerechtigkeit.

Martin Schulz macht Gefühl zu seinem Programm

Der Politiker weiß um die kurze Sendezeit. In seinen knappen Antworten zeichnet er das Bild einer auseinanderdriftenden Gesellschaft. Spricht von hart arbeitenden Menschen und den Eliten: Steuerflüchtlingen, Chefs von börsennotierten Unternehmen, die ihren Laden in den Ruin treiben, aber gleichzeitig dicke Boni kassieren. Nichts daran ist neu, aber es passt zum Sound der Zeit. Zum "Wir hier unten, ihr da oben", das Rechtspopulisten so erfolgreich bedienen.

Die Moderatoren konfrontieren Schulz damit, dass unter den Wählern der Alternative für Deutschland enttäuschte Sozialdemokraten seien. Ob er die ausgrenzen wolle? Schulz antwortet nicht direkt, sondern sagt: "Wenn hart arbeitende Menschen, die sich an die Regeln der Demokratie halten, das Gefühl haben, sie würden nicht respektiert, weil es nicht gerecht zugeht - dann kann ich deren Gefühl verstehen."

So wie beim Brexit und der Wahl von Trump werden auch bei der Bundestagswahl weniger Fakten als Gefühle eine große Rolle spielen. Vor allem Wut und Hass. Auch Martin Schulz macht Gefühl zu seinem Programm. In Umfragen liegt er in Sachen Sympathie und Glaubwürdigkeit vor Bundeskanzlerin Angela Merkel.

Argumente, die die Menschen nicht erreichen

Er will ein Kandidat sein, der zuhört. Der weiß, welche Sorgen Busfahrer haben, Krankenpfleger, Polizisten. Als er sich später im weißen Sessel der Talkshow Anne Will niedergelassen hat, sagt er: "Vielleicht ist es manchmal auch so, dass ein noch so präzises Argument die Menschen nicht erreicht. Dass sie eher spüren müssen: 'Der Typ versteht wie es uns geht.'"

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