bedeckt München 14°

Mehmet Scholl nach dem deutschen EM-Aus:Mutloser Abstieg ins Experten-Nirwana

Ein Co-Kommentator, der keiner sein will: Mehmet Scholl leistet sich nach dem deutschen Scheitern in der ARD einen seltsam saftlosen Auftritt und versagt bei seiner Analyse. Dabei hätte der Fernseh-Zuschauer doch gerne ein paar klare Worte des sonst so gewitzten TV-Profis gehört.

Sebastian Gierke

Wie wurden die temporären Usedombewohner doch in den vergangenen Wochen angefeindet. Vom "Insel-Irrsinn der Mainzelmännchen" war die Rede, von der "Usedomina Katrin Müller-Hohenstein" und dem "Grillwurst-Kahn" auf der "Geronto-Insel". Auch die Süddeutsche Zeitung hielt sich mit Kritik nicht zurück, schrieb von Usedom als dem "traurigen Knotenpunkt" für die EM-Live-Spiele des ZDF.

Pk ARD und ZDF zur EM 2012

TV-Kommentator Mehmet Scholl passierte nach dem deutschen Aus das, was im Fernsehen nie gut ist: Ihm fehlten die Worte. 

(Foto: dpa)

Doch die Moderatoren Müller-Hohenstein und Kahn haben sich, ganz im Gegensatz zur deutschen Nationalmannschaft, im Laufe des Turniers gesteigert. Vor allem Kahn schwang sich bei seinen letzten Auftritten gar zu fundierten Analysen auf - und verkniff sich peinliche Ausflüge ins Humoristische.

Das war aber nicht die einzige Erkenntnis, die im Kritiksturm am ZDF unterging. Auch der parallele Abstieg der ARD fand wenig Beachtung - vor allem der Abstieg des dortigen Sidekicks Mehmet Scholl. Seit der sogenannte TV-Experte bei seiner Kritik an Mario Gomez ("Wundgelegen") übers Ziel hinausgeschossen war, hatte er allen Mut für tiefergehende Analysen verloren. Er hätte sich wahrscheinlich lieber die Zunge abgebissen, bevor er noch einmal einen in seiner Provokation luziden Gedanken formuliert hätte.

Seine in der Folge durchweg harmlosen Anmerkungen bewegten sich beinahe auf dem Niveau einer Stammtischrunde - und für die ist in der ARD doch eigentlich Waldis unsäglicher EM-Club zuständig.

Scholl, dem man zu Beginn der EM noch zugetraut hätte, die ewigen Wahrheiten des Fußballs für das TV-Publikum noch einmal neu zu entdecken und aufzubereiten, verschliss sich in immer dürftigeren und banaleren Aussagen. Der Höhepunkt dieses so schrecklich saftlosen Erklärspektakels war dann Scholls Auftritt nach der Niederlage der DFB-Elf gegen Italien an der Seite von Reinhold Beckmann.

Kurz nach Abpfiff war Thomas Müller im Bild zu sehen, ein Handtuch über dem Kopf: Er weinte bittere Tränen. Dann eine Schalte ins Studio, wo Beckmann und Scholl schon warteten. Klar, es ist schwierig solche Gefühle zu beschreiben. Jedes Bemühen ist löblich, aber in solchen Momenten gilt oft: Selbst wenn die besten Moderatoren anfangen, fehlen ihnen mitunter die richtigen Worte.

Der frühere Trickser und Fußballkünstler Scholl weiß das und versuchte es deshalb erst gar nicht erst. Er musste auch gar nicht. Er ist der Experte, der Erklärbär. Jetzt, da gerade die deutsche Fußballwelt aufs Gründlichste demontiert worden war, wollte man Scholl als Montagehelfer - als einen, der dem Zuschauer in einem solchen Moment auch die eigene Wahrnehmung entautomatisiert, der Zusammenhänge aufzeigt. Doch die meiste Zeit starrte Scholl bewegungslos auf einen Fleck irgendwo in einer imaginierten Ferne - die Sätze, die er dann stockend formulierte, verrieten: Dort war nichts zu finden.

Zur SZ-Startseite

Lesen Sie mehr zum Thema