Süddeutsche Zeitung

Mehmet Scholl nach dem deutschen EM-Aus:Mutloser Abstieg ins Experten-Nirwana

Lesezeit: 3 min

Ein Co-Kommentator, der keiner sein will: Mehmet Scholl leistet sich nach dem deutschen Scheitern in der ARD einen seltsam saftlosen Auftritt und versagt bei seiner Analyse. Dabei hätte der Fernseh-Zuschauer doch gerne ein paar klare Worte des sonst so gewitzten TV-Profis gehört.

Sebastian Gierke

Wie wurden die temporären Usedombewohner doch in den vergangenen Wochen angefeindet. Vom "Insel-Irrsinn der Mainzelmännchen" war die Rede, von der "Usedomina Katrin Müller-Hohenstein" und dem "Grillwurst-Kahn" auf der "Geronto-Insel". Auch die Süddeutsche Zeitung hielt sich mit Kritik nicht zurück, schrieb von Usedom als dem "traurigen Knotenpunkt" für die EM-Live-Spiele des ZDF.

Doch die Moderatoren Müller-Hohenstein und Kahn haben sich, ganz im Gegensatz zur deutschen Nationalmannschaft, im Laufe des Turniers gesteigert. Vor allem Kahn schwang sich bei seinen letzten Auftritten gar zu fundierten Analysen auf - und verkniff sich peinliche Ausflüge ins Humoristische.

Das war aber nicht die einzige Erkenntnis, die im Kritiksturm am ZDF unterging. Auch der parallele Abstieg der ARD fand wenig Beachtung - vor allem der Abstieg des dortigen Sidekicks Mehmet Scholl. Seit der sogenannte TV-Experte bei seiner Kritik an Mario Gomez ("Wundgelegen") übers Ziel hinausgeschossen war, hatte er allen Mut für tiefergehende Analysen verloren. Er hätte sich wahrscheinlich lieber die Zunge abgebissen, bevor er noch einmal einen in seiner Provokation luziden Gedanken formuliert hätte.

Seine in der Folge durchweg harmlosen Anmerkungen bewegten sich beinahe auf dem Niveau einer Stammtischrunde - und für die ist in der ARD doch eigentlich Waldis unsäglicher EM-Club zuständig.

Scholl, dem man zu Beginn der EM noch zugetraut hätte, die ewigen Wahrheiten des Fußballs für das TV-Publikum noch einmal neu zu entdecken und aufzubereiten, verschliss sich in immer dürftigeren und banaleren Aussagen. Der Höhepunkt dieses so schrecklich saftlosen Erklärspektakels war dann Scholls Auftritt nach der Niederlage der DFB-Elf gegen Italien an der Seite von Reinhold Beckmann.

Kurz nach Abpfiff war Thomas Müller im Bild zu sehen, ein Handtuch über dem Kopf: Er weinte bittere Tränen. Dann eine Schalte ins Studio, wo Beckmann und Scholl schon warteten. Klar, es ist schwierig solche Gefühle zu beschreiben. Jedes Bemühen ist löblich, aber in solchen Momenten gilt oft: Selbst wenn die besten Moderatoren anfangen, fehlen ihnen mitunter die richtigen Worte.

Der frühere Trickser und Fußballkünstler Scholl weiß das und versuchte es deshalb erst gar nicht erst. Er musste auch gar nicht. Er ist der Experte, der Erklärbär. Jetzt, da gerade die deutsche Fußballwelt aufs Gründlichste demontiert worden war, wollte man Scholl als Montagehelfer - als einen, der dem Zuschauer in einem solchen Moment auch die eigene Wahrnehmung entautomatisiert, der Zusammenhänge aufzeigt. Doch die meiste Zeit starrte Scholl bewegungslos auf einen Fleck irgendwo in einer imaginierten Ferne - die Sätze, die er dann stockend formulierte, verrieten: Dort war nichts zu finden.

"Absolute Gier nach Erfolg"

Er wiederholte die Fragen, die Beckmann ihm stellte: "Woran liegt es, dass wir es nicht schaffen, Titel zu holen?" Und formulierte dann selbst Unklarheiten, auf die man gerne Antworten gehabt hätte. "Liegt es an der Struktur der Mannschaft, an der Zusammensetzung?" In dieser Richtung müsse man "so ein bisschen weiter machen".

Es ist kaum zu glauben: Aber in diesem Moment wuchs beim Zuseher der Wunsch nach Günther Netzer. Die argumentative Armut Scholls verhielt sich in dieser so entscheidenden TV-Situation umgekehrt proportional zu seinem Selbstbewusstsein - mit seiner versuchten Analyse scheiterte der sonst gewitzte 41-Jährige genauso wie das deutsche Team zuvor an den ausgebufften Italienern.

Beckmann versuchte es sogar noch einmal: Die Bedingungen für Erfolg? Scholl: "Brutaler Teamgeist, absolute Gier nach Erfolg und da oben drauf kommt der persönliche Erfolg." Scholl schaute seinen Worten hinterher, als würde er sie selbst nicht ganz glauben. Beckmann unterbrach ihn, wollte zu einem Interview schalten, sagte deshalb: "Behalte den Gedanken noch mal." Doch wer solche Gedanken behält, der hat bald nichts mehr im Kopf außer heißer Luft.

Es ging dann noch um "gesunde Streitkultur", darum, dass "Reibung Reibereien erzeugt" und dass es "die Mischung macht". Krämpfe nach einer Niederlage sollten laut Scholl normal sein. Beckmann fragte: "Hat Dir also die letzte Hingabe bei der deutschen Mannschaft gefehlt?" Jetzt endlich also die Gelegenheit für ein klares Wort? Scholl antwortete: "Das kann man so nicht sagen."

Jeder habe sein Bestes gegeben. Scholl sinnierte weiter vor sich hin, schaute wieder einen Punkt irgendwo im gedachten Nirwana an, ein Nirwana, in das er auch gerade seine Zuschauer hineinredete. Jeder müsse sich hinterfragen, erklärte Scholl irgendwann noch. Er meinte damit offenbar nicht sich selbst. "Aber keiner wird einem diese Fragen beantworten."

Auch Scholl beantwortete an diesem Abend keine Fragen. Die EM ist nicht nur für die DFB-Elf vorbei, auch für die ARD. Vielleicht ist das ganz gut so. Man hätte es kaum für möglich gehalten, das bei dieser EM noch einmal zu sagen: Danke, ZDF.

Bestens informiert mit SZ Plus – 4 Wochen kostenlos zur Probe lesen. Jetzt bestellen unter: www.sz.de/szplus-testen

URL:
www.sz.de/1.1397051
Copyright:
Süddeutsche Zeitung Digitale Medien GmbH / Süddeutsche Zeitung GmbH
Quelle:
SZ.de/segi/jbe/lala
Jegliche Veröffentlichung und nicht-private Nutzung exklusiv über Süddeutsche Zeitung Content. Bitte senden Sie Ihre Nutzungsanfrage an syndication@sueddeutsche.de.