bedeckt München 27°

"Hart aber fair" zur Verrohung unserer Gesellschaft:Bitte eine Gafferwand gegen Hilflosigkeit

Titel: 'Hassen, Pöbeln, Gaffen -  wie verroht ist unsere Gesellschaft?'

Frank Plasberg mit den Gästen seiner Sendung: Thomas de Mazière, Renate Künast, Sandro Poggendorf, Wolfgang Huber und Christian Pfeiffer

(Foto: © WDR/Oliver Ziebe)

Verroht die Gesellschaft zunehmend? Eine gute Frage - leider bleibt "Hart aber fair" nicht nur eine Antwort schuldig, sondern auch Ideen, was sich dagegen tun ließe.

Ein alter Mann liegt leblos auf dem Boden, niemand hilft. Feuerwehrleute werden von Gaffern bespuckt, Polizisten verprügelt. Und im Netz tobt der Hass.

So schlimm ist es also um uns bestellt. Verroht die Gesellschaft zunehmend, bestimmt Gleichgültigkeit unseren Alltag? Diese Frage hat Frank Plasberg am Montagabend bei Hart aber fair seinen Gästen gestellt.

Geladen waren: Innenminister Thomas de Mazière (CDU), Renate Künast von den Grünen, der Theologe Wolfgang Huber, der Kriminologe Christian Pfeiffer und der Journalist Sandro Poggendorf. Für Beispiele aus der Praxis sorgt Feuerwehrmann Jan Rühmling. Der Norddeutsche hatte seinem Ärger über Schaulustige, die die Feuerwehr bei einem Großbrand in Timmendorf bei der Arbeit behinderten, auf Facebook Luft gemacht - und dafür viel Beifall geerntet.

Was folgt, bleibt ein lauer Versuch, das Phänomen der Verrohung zu beschreiben. Zu neuen Erkenntnissen oder gar einer Lösung kommen Plasberg und seine Gäste an diesem Abend nicht. Eine wirkliche Debatte kommt auch deshalb nicht in Gang, weil sich alle in der Gesprächsrunde einig sind, wie schlimm das alles doch sei.

Eine Debatte über Symptome statt Ursachen

Also begnügt man sich zunächst damit, aus dem Nähkästchen zu plaudern. Kriminologe Pfeiffer erzählt, wie er die Polizei holte, weil eine Frau ihre Tochter geschlagen habe - das sei schließlich verboten. Theologe Huber bekräftigt, dass er sich durchaus gelegentlich einmische, auch wenn ihm gerade kein Beispiel einfalle. Künast will ebenfalls noch eine Episode loswerden: Als sie eine schreiende Mutter anging, hatte das Mädchen am Ende gar vor Künast Angst. Die Moral dieser Geschichte wollen wir lieber nicht zu Ende denken.

Immerhin bringt Künast etwas Bewegung in den Abend - teils durch Zwischenrufe, teils durch maßregelnde Anmerkungen ("Wir sagen nicht Ehrenmord, Herr Pfeiffer!"). Die Grünen-Politikerin sieht in dem Video, das einen 82-Jährigen zusammengebrochen am Boden in einer Bankfiliale in Essen zeigt und das kürzlich große Empörung auslöste, eine Aufforderung, eine gesellschaftliche Debatte sowohl an Schulen als auch am Stammtisch zu führen: "Wie wollen wir, dass andere mit uns umgehen?"

Auf Plasbergs Erwiderung, dass sie eine solche Debatte gerade führten, entgegnet Künast unbeirrt: "Da braucht es mehr als eine Sendung, die nicht gerade alle 80 Millionen Bundesbürger ansehen." Dies hätte der Impuls für eine lösungsorientierte Debatte sein können, die sich mit Ursachen befasst, statt mit Symptomen. Hilfreich wäre womöglich gewesen, wenn auf einem der Stühle ein Sozialpsychologe sitzen würde. Der könnte zumindest fundiert erklären, warum Menschen über einen am Boden liegenden alten Mann hinübersteigen, statt zu helfen.