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"Hart aber fair" zu Populismus:Eine "jakobinische Verdammungsorgie" gegen Boris Palmer

Hart aber fair zu Populismus: Boris Palmer bei Frank Plasberg

Boris Palmer bei "Hart aber fair"

(Foto: WDR/Oliver Ziebe)

Frank Plasberg fragt: Wie viel Populismus verträgt die Politik? Zumindest für die Sendung gilt leider: jede Menge.

Und plötzlich ist da dieser Moment scheuer Schönheit - Annäherung vielleicht, womöglich sogar so etwas wie ein beginnender Dialog. Isabel Schayani, Redakteurin beim WDR, erschafft ihn, indem sie zunächst ihre Stimme emotional herunterdimmt. Die Frequenzspitzen flachen ab, alles, was nach Vorwurf klingen könnte, weicht aus dem Ton. Schayani kommentiert für den WDR in den "Tagesthemen", man erlebt hier also auch das Resultat von Sprechtraining und -routine. Aber da ist mehr. Ehrliches Interesse klingt so - zumindest in dem Umfang, in dem ehrliches Interesse in eine Talkshow passt -, und wie um das zu unterstreichen, berichtet die Moderatorin erst mal von Persönlichem.

Sie spricht von ihrer Herkunft (Essen) und den Kumpels, die dort unter Tage gearbeitet haben, und damals - Anfang der Siebziger war das - vielleicht sogar "die Helden meiner Kindheit" waren. Man muss sich diese Truppe dringend als das vorstellen, was erst Jahre später als "Multikulti" durch Sendungen wie "Hart aber fair" getrieben wird: Gastarbeiter also, die zusammen mit vielen Generationen Ruhrpott-Herkunft in Stollen gestiegen sind, um im Dreck zu wühlen. Sie habe an diesen Menschen immer bewundert, sagt Schayani, wie sehr sie sich aufeinander verlassen konnten.

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Dann kommt die Frage, die sich direkt an ihren Mitdiskutanten richtet und in der Plasberg-Sendung zum Thema "In Europa, in Deutschland: Wie viel Populismus verträgt die Politik?" wirkt wie eine zarte, fast mütterliche Umarmung: "Was haben Sie erlebt, dass Sie jetzt gegen diese Leute wettern, denen Sie einmal so vertraut haben?"

Könnte Fernsehen doch öfter so sein. Ach was Fernsehen: die Welt.

Bei dem verbal so Umarmten handelt es sich schließlich um Guido Reil, Mitglied im Bundesvorstand der AfD und Kandidat fürs Europaparlament. Reil war für die AfD vor ein paar Jahren der Hauptgewinn: mehr als ein Vierteljahrhundert lang SPD-Mitglied. Gewerkschafter. Einer, der sich eingemischt hat, dem die Leute zuhörten. Bis 700 weitere Migranten in seinem Viertel (ebenfalls in Essen) untergebracht werden sollten, und plötzlich niemand mehr Reil zuhörte, zumindest in der SPD, als er seine Ängste deswegen äußerte.

Also rechnete er mit den einstigen Genossen ab: Die Parteielite interessiere sich nicht mehr "für die einfachen Mitglieder", sagte er kurz nach seinem Wechsel. Sie ekele sich vor der Basis. Also lieber: eine AfD-Karriere, die viele sicher als klassisch bezeichnen würden. Reil leugnet inzwischen öffentlich den Einfluss des Menschen auf den Klimawandel. Über das Europaparlament, für das er kandidiert, sagte er beim Wahlkampfauftakt im April: "Dieses Parlament hat fertig. Die sind so überflüssig wie ein Pickel am Arsch."

In der Sendung sagt er aber auch: "Es ist ein riesiges Problem, dass das Parlament die Bevölkerung nicht widerspiegelt." Wer sich die Akademikerquoten in den Vertretungen ganz Europas ansieht, muss sagen: Es würde sich bei diesem Punkt vielleicht lohnen, Menschen wie Reil zuzuhören. "Unser Kumpel für Europa" steht auf seinen Wahl-Flyern.

Und dieser kumpelige Reil wird nun also von Schayanis Frage derart auf dem falschen Fuß erwischt, dass er für einen kurzen Moment stockt. Er scheint zu grübeln. Womöglich, man kann in die Menschen ja nicht reinschauen, spürt er wirklich dem nach, was er damals gefühlt hat. Und warum dieses Gefühl kaputtgegangen ist. Seine Augen jedenfalls sehen in diesem Moment so aus, als würde sie sich gleich mit Wasser füllen.

Das ist zwar, man kann es in ein paar Reportagen nachlesen, in denen Reil vorkommt, ein Effekt seiner Brille, die dicken Gläsern zoomen den Blick extrem auf. Aber trotzdem: Da ist eine Art Verbindung zwischen den beiden, und zumindest die WDR-Frau wird diese Verbindung bis zum Ende nicht ganz abreißen lassen.

Menschen, die aneinander interessiert direkt miteinander kommunizieren: Für eine politische Talkshow ist das viel. Und doch auch nichts.

Denn der Moment geht vorbei und vor und nach ihm herrscht das klassische Polittalk-Dilemma: Man redet dem Anschein nach zwar mit-, tatsächlich aber doch eher übereinander. Will also vordergründig etwas wissen, tatsächlich aber doch noch lieber bestätigt bekommen, was man vorher schon wusste.

Das ist in diesem Fall leicht, denn die Runde ist auf diese Logik gecastet, also ist auch Boris Palmer da. Von dem Grünen-Politiker weiß jeder mit einem Zeitungsabo, einem Fernseher oder auch nur einem Twitter-Account, dass er zwar hochintelligent, rhetorisch quasi-begnadet und politisch höchst erfolgreich ist. Aber auch leicht erregbar und das immer öfter auf Feldern, bei denen nicht nur seine Parteikollegen sich fragen, ob er wirklich nichts Besseres zu tun hat. Einmal hat er einen, Zitat: "linken Studenten", der ihn, noch ein Zitat: "attackiert" habe, nachts mit seinem Dienstausweis zur Personenkontrolle stellen wollen. Der Student gab später an, Palmer habe ihn dafür um die Buden eines Jahrmarkts gejagt.