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"Maischberger" zu Lockerungsmaßnahmen:Spaltung sieht anders aus

Talksendung Maischberger

Moderatorin Sandra Maischberger im Kreise ihrer Gäste.

(Foto: WDR/Max Kohr)

"Maischberger - die Woche" schickt Christian Lindner und Karl Lauterbach im Streit um die richtige Corona-Strategie in den Ring - und die bleiben erstaunlich nett zueinander, trotz Meinungsverschiedenheiten.

Den einen geht es zu schnell, den anderen kann es nicht schnell genug gehen - so fasste Markus Söder am Mittwoch das bundesdeutsche Debattenklima angesichts der beschlossenen Lockerungen der Corona-Maßnahmen zusammen. Sandra Maischberger spricht zum eingespielten Söder-O-Ton sogar gleich von einer "gespaltenen" Gesellschaft, und man fragt sich mittlerweile, ob denn wirklich jede Gegensätzlichkeit im öffentlichen Diskurs diese Bezeichnung verdient hat.

Wie dem auch sei, angesichts der vermeintlichen Spaltung hat sich Maischberger zwei Gäste in ihre Sendung eingeladen, die laut ihr "sinnbildlich für diese beiden Pole" stehen: Karl Lauterbach, SPD-Gesundheitsexperte und Professor im Bereich Epidemiologie, sowie Christian Lindner, Vorsitzender der Freien Demokraten. Beiden gemein ist, dass es angesichts ihrer derzeitigen Talkshow-Präsenz nicht überraschen würde, wenn sie in den Studios der Öffentlich-Rechtlichen eigene Feldbetten aufgeschlagen hätten. Möglicherweise sind sie sich dabei in nächtelangen Debatten tatsächlich ein wenig einiger geworden - oder zumindest fairer im Umgang.

Denn an diesem Abend zeigen beide, dass konträre Ansichten nicht zwangsläufig im Meinungs-Boxkampf enden müssen, bei dem am Ende der gewinnt, der lauter geschrien hat. Natürlich bleibt Lauterbach, der vorschnelle Lockerungen bereits in den vergangenen Tagen immer wieder kritisiert hat, bei seiner Haltung: Auf die Frage, ob der Mittwoch mit seinen Lockerungs-Beschlüssen ein schlechter Tag für Deutschland sei, antwortet er zunächst mit: Ja, zumindest "im Großen und Ganzen", später nennt er ihn noch einen "gefährlichen Tag". Das Land brauche jetzt "Glück", die Beschlüsse vom Mittwoch seien weniger ein behutsames Vorantasten, sondern vielmehr "ein Experiment". Die Disziplin unter den Menschen habe nachgelassen, die Lockerungen würden dieses Gefühl einer Schein-Sicherheit noch bestärken.

Für Lindner hingegen war es ein "guter Tag". Die Lockerungen seien richtig und verantwortbar, die Menschen hätten den Umgang mit Hygiene und Abstandsregeln verinnerlicht, weswegen es nun an der Zeit sei, größere Freiheiten zu ermöglichen und künftige Maßnahmen regional zu begrenzen. Außerdem stünden ja nun auch mehr Intensivbetten bereit.

Hier widerspricht Lauterbach: "Die Intensivbetten sind egal." Diese seien zwar zu begrüßen, den älteren Risikogruppen aber würden sie herzlich wenig helfen, sollten sie sich mit dem Virus infizieren: 95 Prozent der Fälle, die aus Pflegeheimen kämen und beatmet werden müssten, stürben im Fall einer Infektion, Intensivbett hin oder her. Auch den Worten von Markus Söder, laut dem das Virus nun "unter Kontrolle" sei, will er nicht folgen: Dies sei erst der Fall, wenn den Bürgern ausreichend gute Masken zur Verfügung stünden, dazu eine ordentliche App zur Kontaktverfolgung und breitere Tests.

Lindner betont nun, dass er zwar "ganz großen Respekt" vor Lauterbachs Abwägung habe - er rate aber dennoch, "nicht nur nach Italien zu schauen" (hier hat er sich eventuell verhört, da niemand von Italien gesprochen hat), sondern auch nach Schweden. Maischberger fragt nun, ob der schwedische Weg, also Eigenverantwortung statt Einschränkungen, ein besserer Weg sei. Es wäre "besserwisserisch", meint Lindner, im Nachhinein zu sagen, welcher Weg der richtige gewesen wäre, die Lockerungen hätten allerdings schon früher kommen können, wenn es nach ihm gegangen wäre. In der jetzigen Phase nähere man sich nun dem schwedischen Weg an. "Und das ist ja falsch", wirft Lauterbach ein, nur um dann ein höfliches "'tschuldigung, ich wollte Sie nicht unterbrechen" anzuhängen.

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Lindner führt nun erneut aus, dass die Menschen den Umgang mit dem Virus gelernt hätten, weswegen, ein "zweiter Gedanke", man in der jetzigen Phase auch die wirtschaftlichen und sozialen Folgeschäden der Einschränkungen mitdenken könne und müsse. Als er einen "dritten Gedanken" ausführen will, unterbricht ihn die Moderatorin: "Wenn sie noch einen dritten sagen, dann verlieren wir den Faden." "Aber dann kann Herr Lauterbach noch besser intervenieren", meint Lindner darauf. Schon in Ordnung, sagt Lauterbach daraufhin mit einem Lachen, Lindner habe mit den ersten zwei Gedanken schon "genug Stoff geliefert" und man meint fast, man hätte in diesem Nuscheln vor dem "genug" noch ein kumpelndes "du hast" herausgehört.

Lauterbach holt nun weit aus: In Schweden seien die Zahlen weit schlimmer als in Deutschland, trotz der dünnen Besiedelung, sie entsprächen "20 000 Toten in Deutschland", das Modell könne daher - auch in der jetzigen Phase - kein Vorbild sein. Er wolle nicht, dass Café-Besuche auf Kosten der Menschen in den Altersheimen gingen, die wegen der Lockerungen eventuell um ihr Leben fürchten müssten. Zugleich böten die jetzt beschlossenen Öffnungskonzepte für die Gastronomie für die Betreiber keine Aussicht auf Gewinn, das müsse man ehrlicherweise auch dazu sagen. Und das Hygiene-Konzept der Bundesliga sei seinen Namen nicht wert. In der Summe seien die Öffnungskonzepte also voreilig und undurchdacht - und bestätigten gleichzeitig all diejenigen, die das Coronavirus für eine nun vollständig überstandene Grippewelle hielten. Es bestünde allerdings Hoffnung, wenn die Menschen vernünftiger und verantwortungsbewusster handelten, "als der ein oder andere politische Beschluss".

Und das war es dann auch mit der "Spaltung" an diesem Abend. Sowohl Lindner als auch Lauterbach sind sich im Folgenden einig, dass eine Abwrackprämie für die Automobilindustrie ein falsches Mittel sei. Lindner wünscht sich stattdessen eine breite Unterstützung des gesamten Mittelstands, Förderung und Investitionen in Innovation, "allein sparen" helfe nichts. Auch in puncto App und flächendeckender Tests fordern beide die gleichen Dinge, und stimmen darin überein, dass der Lockdown - zumindest zunächst - der richtige Weg gewesen sei. Als sich beide dann noch im Chor über den Mangel an Masken echauffieren, ist die Sendezeit auch schon vorbei. Aber es ist ja davon auszugehen, dass sie das Gespräch schon bald in der nächsten Talkshow fortsetzen können.

© SZ.de/mkoh
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