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Bundesliga:Lösung: Nicht ein Experte, sondern mehrere!

Deshalb Anruf bei Tobias Escher, Autor und Taktik-Kenner bei der nerdig-coolen Website "spielverlagerung.de". Bei "Meedia" sahen sie in Escher schon vor Scholls Rauswurf dessen logischen Nachfolger. Ein paar Mal saß er schon als Teil eines Experten-Tischs im Sky-Studio, auch beim Internetkanal "Rocket Beans TV" ist er zu sehen. Escher kann nachvollziehbar erklären, wie sich Bundestrainer Jogi Löw von Dortmunds Coach Thomas Tuchel taktisch inspirieren lässt. Oder das Supercup-Spiel Dortmund gegen Bayern in einem Tweet zusammenfassen: "Wir sprinten an die Mittellinie und decken euch tot" trifft auf "Wir haben unter Pep gelernt, was dagegen zu tun ist, aber 90% vergessen."

Ebenfalls bei Twitter fragte er kürzlich selbstironisch: "Bekomme ich ab jetzt immer hundert Notifications, wenn Scholl was Dummes tut?"

Gegenfrage: Ein guter Experte, was ist das? "Darf nicht zu steif rüberkommen - und braucht Fachkompetenz", sagt Escher. Seiner Meinung nach muss man viel tiefer ins Spiel einsteigen als bisher. Bedeutet: Das Bild in 3D anhalten, erklären, warum Ribéry jetzt dorthin läuft und nicht dahin. Der kaffeesüchtige Ex-Trainer Holger Stanislawski macht das ab und zu im ZDF, der lustige Holländer Erik Meijer bei Sky. Ob die ARD schon bei Escher angerufen hat? Er lacht. Nein, bisher nicht.

Was wäre, wenn es Reibungspunkte gäbe?

Und was würde er tun, wenn er einen Tag Sport-Koordinator der ARD wäre? Lange Pause. Dann sagt Escher: "Ich würde nicht nur einen Experten einstellen. Es wäre doch interessanter, wenn da zwei oder drei Leute stehen, die was zu sagen haben. Wenn es Reibungspunkte gäbe."

Der Gedanke klingt im ersten Moment banal, ist bei längerem Nachdenken aber ausgezeichnet. Denn das Anforderungsprofil - Fachkenntnis, Meinungsstärke, Unterhaltungswert, kritische Distanz - ist ja tatsächlich viel für eine Person. Fußballer sind nun mal keine Journalisten. Experten nicht automatisch Entertainer. Warum also nicht dem Ex-Profi Leute an die Seite stellen? Den Taktik-Nerd, der mit Laufwegen etwas anfangen kann. Den Kurvengänger, dessen Geld das Spektakel auch am Laufen hält. Den Sportjournalisten, der diesen Namen wirklich verdient, weil es ihm bei Fragen wie "Wie fühlt sich diese Niederlage an?" angemessen schaudert. Den Psychologen, der erklärt, was der totzitierte "Druck" eigentlich genau ist. Und so weiter.

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Ein Versuch in diese Richtung könnte am kommenden Sonntag ausgerechnet bei Sky beginnen. Mit Gästen wie Rafael Buschmann (Autor der "Football Leaks") und Philipp Selldorf (SZ) startet dort eine Alternative zum bierseligen "Doppelpass" bei Sport1. Den Ex-Profi gibt Didi Hamann. Noch vor dem eigentlichen Start gibt es allerdings Spott. Bei Twitter ätzt Christoph Biermann, Mitglied der "11Freunde"-Chefredaktion: Mit Jörg Wontorra (dessen Nachname auch der Titel der Sendung ist) übernehme das Ganze eine "Ikone des kritischen Journalismus". Spiegel-Journalist Buschmann hält dagegen: "Was ist die Alternative? Solchen Sendungen fernbleiben und gleichzeitig in Kolumnen über unkritischen TV-Journalismus pesten?".

Statt nostalgisch also vielleicht doch mal hoffnungsvoll enden: Kommenden Sommer kehrt der Fußball und mit ihm die ARD zurück nach Russland zur Fußball-WM. Im Studio diskutieren dann - so ist zu hoffen - ein Doping-Experte, ein Menschenrechtler, ein Taktik-Nerd und ein Profi im Zweit-Job. Jeder hat seine Berechtigung. Jeder hat Zeit für mehr als einen Gedanken. Weil eben gerade keiner zum "Field-Interview" schalten muss, wo irgendwer fragt, ob "man erleichtert war, als man die schwierige Phase am Anfang überstanden hatte".

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