Fußball-TV-Experten Pool der Plaudertaschen

Welche Art von Erkenntnissen kann der Zuschauer erwarten? Mehmet Scholl und Matthias Opdenhövel während der Fußball-EM 2016 im Ersten.

(Foto: WDR/Sachs)

Im Fernsehen sind Ex-Fußballer Zeitfüller rund um die Spiele. Wenn sie reden, sind journalistische Qualitätsansprüche auf einmal ziemlich egal.

Von Ralf Wiegand

Der Magdeburger CDU-Politiker Bernd Heynemann, 63, saß mal sechs Jahre lang für seine Partei im Bundestag; er ist Träger des Bundesverdienstkreuzes, und auf seiner Homepage zeigt er ein Foto von sich mit Kanzlerin Angela Merkel. Deswegen muss man ihn aber nicht kennen, Heynemann ist einer von vielen in der deutschen Politik.

Bernd Heynemann ist allerdings auch Träger der Ehrennadel des Deutschen Fußball-Bundes (DFB) und war mal Schiedsrichter in der Bundesliga, bis ungefähr vor 17 Jahren. Deshalb bekommt er jetzt ein neues Mandat, eines, das viel mehr Publikum verheißt als der Platz im Bundestag. Von kommendem Sonntag an hat der emeritierte Referee einen Sitz im Doppelpass, dem Parlament des deutschen Fußball-Volkes. In der Sport-1-Sendung wird debattiert, was die Gemüter der Fußball-Republik Deutschland erhitzt hat. Heynemann ist dann "fester Schiedsrichter-Experte".

Einer kommt, einer geht: Auch wenn der ARD in Mehmet Scholl gerade ein Fachmann von der Fahne gegangen ist (Seite 4), Mangel herrscht im Pool der Plaudertaschen deshalb sicher nicht. Im Gegenteil, es werden immer mehr. Zur Europameisterschaft 2016 versammelten die verschiedenen Sender gleich ein ganzes Heer Ex-Profis in ihren Studios. Der Altherren-Kader würde in jeder Ü-40-Liga locker Meister werden, hier ein Auszug: im Tor Oliver Kahn und Uli Stein, die Abwehrspieler Sebastian Kehl, Thomas Berthold und Thomas Helmer, im Mittelfeld Simon Rolfes, Thomas Hitzlsperger oder Olaf Thon, vorne die Stürmer Marco Bode und Fredi Bobic, dazu ein paar ehemals erfolgreiche Trainer wie Felix Magath oder Holger Stanislawski. Inzwischen könnte jeder von Bundestrainer Joachim Löw nominierte Nationalspieler von seinem eigenen Experten am Analyse-Tablet betreut werden.

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Die TV-Sender sind für Ex-Fußballer das geworden, was früher die Versicherungsunternehmen, Brauereien oder Sportartikelhersteller waren: ein sicherer Hafen. Wenn der Ruf nach der aktiven Karriere noch einigermaßen intakt war, übernahm man halt irgendeine Agentur oder Repräsentanz. Heute übernimmt man ein Mikro. Fußball ist so teuer geworden, dass die Sender den Rechte-Erwerb durch die Übertragung des schnöden Spiels allein nicht mehr refinanzieren können. Die Sendezeit eines RTL-Länderspiel-Abends (Experte Jens Lehmann) überschreitet locker die Dauer von Wetten, dass . .? - Experten dienen als Zeitfüller.

Das legendäre Duo Netzer/Delling brachte es ja nicht durch überbordendes Fachwissen zum Grimme-Preis, sondern weil sie so unterhaltsam waren. Oliver Kahn und Katrin Müller-Hohenstein haben sich einst im Auftrag des ZDF so lange frierend am Strand von Usedom aneinander abgearbeitet, dass man Doktorarbeiten darüber schreiben könnte. So etwas wird hinterher in den Klatschspalten besprochen, das ist auch Sender-PR.

Inzwischen kommen auch Spieler, die sehr tief in den Registern des Kicker-Jahrbuchs versteckt sind, in Lohn und Brot, wie etwa Hanno Balitsch (ZDF). Auch Schiedsrichter kriegen Jobs ab, Sky ruft inzwischen bei fragwürdigen Elfmetern live bei Peter Gagelmann in Bremen an. Selbst ein Funktionär wie Heribert Bruchhagen überbrückte den Übergang zwischen zwei Vorstandsposten (Frankfurt, Hamburg) mit einer Rolle als Fernsehfachmann. Und beim Bezahlsender Sky saß vergangene Saison sogar ein bundesligaerfahrener Physiotherapeut mit am Tisch. Spieler fit oder nicht? Fragen wir doch mal Oliver Schmidtlein.

Ehemalige Profis als WM-Experten

Vom Feld ans Mikro

Die Zuschauer allerdings sollten sich auch was fragen: Welche Art von Erkenntnissen haben sie zu erwarten von jemandem, der all das, was er jetzt kritisieren soll, vor Kurzem selbst betrieben hat oder noch selbst betreibt? Zumal die meisten Experten ja auch nicht mehr von Sportjournalisten begleitet werden, sondern von Unterhaltern (wie Matthias Opdenhövel oder Oliver Welke) oder gleich wieder selbst von Ex-Spielern wie etwa bei Sport 1, wo Thomas Helmer durch den Doppelpass führt.

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Der Abgang von Mehmet Scholl in der ARD ist offenbar durch eine Meinungsverschiedenheit darüber entstanden, ob ein Beitrag über Doping im Fußball in eine Warm-up-Plauderei vor einem Länderspiel gehört oder nicht. Scholl fand wohl: eher nicht. Vollkommen unabhängig davon, warum Scholl dieser Ansicht gewesen sein mag, tritt durch den Konflikt ein Grundproblem des Expertenwesens zutage: Unter journalistischen Qualitätsansprüchen ist das alles nicht mehr haltbar. Denn es ist eine Farce, wenn etwa die ARD die Doping-Enthüllungen ihres Reporters Hajo Seppelt, Glanzstücke des Sportjournalismus, im Nachtprogramm versteckt, während sie zur Primetime Gefahr läuft, den Gute-Laune-Onkel Scholl mit einem Stück über gedopte russische Fußballer zu vergrätzen. Ähnliches erleben Kommentatoren beim Radsport, Schwimmen, Leichtathletik: Fast entschuldigend sprechen die Journalisten am Mikro das Thema Doping an, oft wird das Gespräch mit den Experten an dieser Stelle zäh.

Zwischen TV-Sportjournalismus und den auf Samstagabend-Show-Länge ausdehnten Sportübertragungen gibt es einen Interessenkonflikt. Die Experten sind Unterhaltungselemente, sollen einen launigen Blick ins Innenleben ihrer Sportart bringen - dürfen aber schon aus Corpsgeist nicht zu viel verraten. Manche von ihnen wollen selbst noch einmal Trainer werden wie etwa der aktuelle Sport-1-Experte Armin Veh. Andere, wie Thomas Hitzlsperger, sind gleichzeitig Experte im Fernsehen und Vorstandsmitglied eines Bundesligisten. Bernd Heynemann, der Doppelpass-Neuzugang, ist in dieser Hinsicht wenigstens sicher: Für Schiedsrichter gibt es eine Altersbegrenzung. Er liegt weit darüber.