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Baden-Württemberg: Elefantenrunde im TV:Brüderle - nicht mittendrin, aber voll dabei

Brüderles Wahltaktik-Bekenntnis ist das Leitmotiv der Elefantenrunde der Spitzenkandidaten für die Wahl im Ländle. Mappus' FDP-Justizminister erheitert das Publikum - mit Geschichten aus seiner Vergangenheit als AKW-Gegner.

Michael König

Stefan Mappus schluckt, als das rote Licht angeht. Es ist 20:16 Uhr am Donnerstagabend, die Live-Übertragung im Fernsehen des Südwestrundfunks beginnt. Der Ministerpräsident darf als Erster in die Kamera lächeln, er tut es eine Sekunde zu spät. Es fällt kaum auf, aber Mappus wird an diesem Abend noch mehrmals schlucken. Das liegt womöglich nicht nur an seinem Speichelfluss.

Baden-Wuerttemberg's state premier Mappus (CDU) stands next to Goll, top candidate of FDP before television debate in Stuttgart

Baden-Württembergs Ministerpräsident Stefan Mappus (rechts) und sein Justizminister Ulrich Goll von der FDP bei der Elefantenrunde des SWR: Beide mussten sich wegen der Äußerungen Brüderles zur Atomwende unangenehmen Fragen stellen.

(Foto: REUTERS)

Für Mappus ist es bereits der zweite Live-Auftritt im SWR, eine Woche zuvor hatte er sich im TV-Duell mit dem SPD-Kandidaten Nils Schmid gemessen. Diesmal hat der öffentlich-rechtliche Sender zu einer "Elefantenrunde" gebeten - die Spitzenkandidaten aller Parteien stehen im Halbkreis aufgereiht. Neben Mappus steht sein Justizminister und Koalitionspartner Ulrich Goll von der FDP. Auf die FDP ist an diesem Tag für den baden-württembergischen Ministerpräsidenten kein Verlass.

Goll darf zuerst sprechen, nicht Mappus. Das mag mit der Enthüllung zusammenhängen, die am Morgen in der Süddeutschen Zeitung zu lesen war: Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle soll das Moratorium der Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken als wahltaktisches Manöver dargestellt haben. Das geht aus einem Protokoll des Industrieverbands BDI hervor, das der Verband mittlerweile als fehlerhaft bezeichnet hat - was ein BDI-Präsidiumsmitglied aber wiederum als falsch bezeichnete: "Die Sätze sind so gefallen, sie sind im Protokoll zwar verkürzt, aber richtig wiedergegeben", sagte das Präsidiumsmitglied der Süddeutschen Zeitung.

Die Opposition will es genau wissen, der SWR auch. Goll soll Stellung nehmen zu dem vermeintlichen Fauxpas seines Parteifreundes. Er sagt, die Äußerung Brüderles sei "so womöglich gar nicht gefallen". Als ihn ein Teil des äußerst meinungsfreudigen, offenkundig mit Parteigängern jeder Couleur besetzten Publikums höhnisch auslacht, schiebt Goll beleidigt hinterher: "Einige nehmen es mit der Wahrheit nicht ganz so genau."

Mappus steht daneben und wahrt die Contenance. Am Tag zuvor hatte er mit Unterstützung von Kanzlerin Merkel den Wahlkampfendspurt eingeläutet, vor 5000 jubelnden CDU-Anhängern in Ludwigsburg. Die von vielen Menschen als unglaubwürdig und von der Opposition als verlogen interpretierte Kehrtwende der Union in der Atompolitik war vorerst vergessen.

Dann kam die Nachricht von Brüderle. Und jetzt, in der Elefantenrunde, hat FDP-Landesjustizminister Goll noch etwas zu sagen: Er könne die Ängste der Menschen vor der Atomkraft gut verstehen. "Seit meiner Studienzeit bin ich ein großer Skeptiker der Kernenergie und habe selbst gegen das Kernkraftwerk in Wyhl demonstriert."

Zwei Drittel des Studiopublikums lachen erneut, ein Mann schlägt sich vor Freude mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. Andere blicken erstaunt drein. Koalitionspartner Mappus guckt nach vorne und schluckt.

Dass sein Justizminister gut 70 Stunden vor Schließung der Wahllokale seine Vergangenheit als AKW-Gegner wiederentdeckt und ins Schaufenster stellt, kann dem Ministerpräsidenten kaum recht sein. Er lässt sich jedoch nichts anmerken und gibt den seit Tagen erprobten Standpunkt wieder: Die Bilder aus Japan hätten ihn schockiert. Man müsse bereit sein, die eigene Position zu überdenken. Anders als Rot-Grün behalte er aber die Versorgungssicherheit im Blick. "Und vielen Menschen ist es nicht egal, ob sie für ihre Stromrechnung zehn oder 15 Euro mehr ausgeben müssen."

Seinen Konkurrenten fällt das Thema leichter. Zumindest in der Theorie. Nils Schmid von der SPD verweist auf den rot-grünen Atomausstieg aus der Zeit der Regierung Gerhard Schröders. "Was Sie jetzt machen, ist ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver", sagt er in Richtung des Ministerpräsidenten. "Herr Brüderle spricht nur das aus, was Herr Mappus denkt!"

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