Süddeutsche Zeitung

Baden-Württemberg: Elefantenrunde im TV:Brüderle - nicht mittendrin, aber voll dabei

Lesezeit: 4 min

Brüderles Wahltaktik-Bekenntnis ist das Leitmotiv der Elefantenrunde der Spitzenkandidaten für die Wahl im Ländle. Mappus' FDP-Justizminister erheitert das Publikum - mit Geschichten aus seiner Vergangenheit als AKW-Gegner.

Michael König

Stefan Mappus schluckt, als das rote Licht angeht. Es ist 20:16 Uhr am Donnerstagabend, die Live-Übertragung im Fernsehen des Südwestrundfunks beginnt. Der Ministerpräsident darf als Erster in die Kamera lächeln, er tut es eine Sekunde zu spät. Es fällt kaum auf, aber Mappus wird an diesem Abend noch mehrmals schlucken. Das liegt womöglich nicht nur an seinem Speichelfluss.

Für Mappus ist es bereits der zweite Live-Auftritt im SWR, eine Woche zuvor hatte er sich im TV-Duell mit dem SPD-Kandidaten Nils Schmid gemessen. Diesmal hat der öffentlich-rechtliche Sender zu einer "Elefantenrunde" gebeten - die Spitzenkandidaten aller Parteien stehen im Halbkreis aufgereiht. Neben Mappus steht sein Justizminister und Koalitionspartner Ulrich Goll von der FDP. Auf die FDP ist an diesem Tag für den baden-württembergischen Ministerpräsidenten kein Verlass.

Goll darf zuerst sprechen, nicht Mappus. Das mag mit der Enthüllung zusammenhängen, die am Morgen in der Süddeutschen Zeitung zu lesen war: Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle soll das Moratorium der Laufzeitverlängerung von Atomkraftwerken als wahltaktisches Manöver dargestellt haben. Das geht aus einem Protokoll des Industrieverbands BDI hervor, das der Verband mittlerweile als fehlerhaft bezeichnet hat - was ein BDI-Präsidiumsmitglied aber wiederum als falsch bezeichnete: "Die Sätze sind so gefallen, sie sind im Protokoll zwar verkürzt, aber richtig wiedergegeben", sagte das Präsidiumsmitglied der Süddeutschen Zeitung.

Die Opposition will es genau wissen, der SWR auch. Goll soll Stellung nehmen zu dem vermeintlichen Fauxpas seines Parteifreundes. Er sagt, die Äußerung Brüderles sei "so womöglich gar nicht gefallen". Als ihn ein Teil des äußerst meinungsfreudigen, offenkundig mit Parteigängern jeder Couleur besetzten Publikums höhnisch auslacht, schiebt Goll beleidigt hinterher: "Einige nehmen es mit der Wahrheit nicht ganz so genau."

Mappus steht daneben und wahrt die Contenance. Am Tag zuvor hatte er mit Unterstützung von Kanzlerin Merkel den Wahlkampfendspurt eingeläutet, vor 5000 jubelnden CDU-Anhängern in Ludwigsburg. Die von vielen Menschen als unglaubwürdig und von der Opposition als verlogen interpretierte Kehrtwende der Union in der Atompolitik war vorerst vergessen.

Dann kam die Nachricht von Brüderle. Und jetzt, in der Elefantenrunde, hat FDP-Landesjustizminister Goll noch etwas zu sagen: Er könne die Ängste der Menschen vor der Atomkraft gut verstehen. "Seit meiner Studienzeit bin ich ein großer Skeptiker der Kernenergie und habe selbst gegen das Kernkraftwerk in Wyhl demonstriert."

Zwei Drittel des Studiopublikums lachen erneut, ein Mann schlägt sich vor Freude mit der flachen Hand auf den Oberschenkel. Andere blicken erstaunt drein. Koalitionspartner Mappus guckt nach vorne und schluckt.

Dass sein Justizminister gut 70 Stunden vor Schließung der Wahllokale seine Vergangenheit als AKW-Gegner wiederentdeckt und ins Schaufenster stellt, kann dem Ministerpräsidenten kaum recht sein. Er lässt sich jedoch nichts anmerken und gibt den seit Tagen erprobten Standpunkt wieder: Die Bilder aus Japan hätten ihn schockiert. Man müsse bereit sein, die eigene Position zu überdenken. Anders als Rot-Grün behalte er aber die Versorgungssicherheit im Blick. "Und vielen Menschen ist es nicht egal, ob sie für ihre Stromrechnung zehn oder 15 Euro mehr ausgeben müssen."

Seinen Konkurrenten fällt das Thema leichter. Zumindest in der Theorie. Nils Schmid von der SPD verweist auf den rot-grünen Atomausstieg aus der Zeit der Regierung Gerhard Schröders. "Was Sie jetzt machen, ist ein durchsichtiges Ablenkungsmanöver", sagt er in Richtung des Ministerpräsidenten. "Herr Brüderle spricht nur das aus, was Herr Mappus denkt!"

"Wir sind ja nicht ganz blöd"

Schon beim TV-Duell zwischen Schmid und Mappus vor einer Woche sah manch ein Beobachter den SPD-Mann als Gewinner. Der Finanzexperte bleibt auch in der Elefantenrunde seinem sachlichen Stil treu und bietet der Konkurrenz kaum Angriffsfläche. In Umfragen liegt er Kopf an Kopf mit dem Grünen-Spitzenkandidaten Winfried Kretschmann, mit dem er sich gut versteht. Jüngst ließen sich beide Hand in Hand mit einem rot-grünen Schal fotografieren.

Angesichts der Atomdebatte galt Kretschmann bislang als leichter Favorit gegenüber Schmid. Doch an diesem Abend patzt der Grüne. Sein Eingangsstatement versemmelt er völlig. Von einem "klaren Ja" spricht er, um sich dann räuspernd zu korrigeren: Ein klares Nein zur Atomkraft, das stehe schon in der Gründungsurkunde seiner Partei. Später nennt er das havarierte Kraftwerk in Japan "Fujiyama" statt Fukushima - und schüttelt darüber selbst verärgert den Kopf.

Ministerpräsident Mappus bleibt auch bei den Themen Bildungspolitik, EnBW oder Stuttgart 21 in seinen Statements fehlerlos. Nach vielen Wochen Wahlkampf sind sie bei allen Beteiligten gut abgehangen. Mappus echauffiert sich jedoch zwei Mal, weil er findet, Moderator Michael Zeiß gebe ihm nicht genügend Redezeit. Einmal kann er Zeiß umstimmen, ein zweites Mal blitzt er ab. Die Regie ist gnädig: Mappus ist nicht zu sehen, nur im Hintergrund zu hören, während er lautstark auf Zeiß einredet.

Die Konkurrenz nimmt es gelassen hin. Zurückhaltend ist vor allem Roland Hamm, der Kandidat der Linken. "Wir sind ja nicht ganz blöd", hatte er eingangs auf die Frage geantwortet, ob seine Partei sofort aus der Atomkraft herauswolle. Das ist dem Gewerkschaftler anschließend offenbar so peinlich, dass er sich in der Folge beinahe bei jeder Frage der Meinung von SPD und Grünen anschließt - und bloß kein Risiko eingeht.

Auch Mappus bleibt sich treu und rechnet zum Schluss noch einmal seine Erfolgsbilanz vor - wirtschaftlich sei das Ländle kaum zu schlagen, die Jugendarbeitslosigkeit etwa sei die niedrigste in ganz Europa. Um 21:46 Uhr ist dann Schluss, und während der Abspann läuft und die Kamera das Studio aus der Vogelperspektive zeigt, hört man einen der Teilnehmer zum Moderator sagen: "Ich bin wirklich begeistert". Dem ironischen Tonfall zufolge könnte es Mappus gewesen sein.

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