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Olga Kotelko:Der Teufel im Ohr

SZ: Manche in Ihrem Alter begnügen sich damit, einfach im Sessel zu sitzen und fernzusehen.

Olga Kotelko

Leichtathletik mit 91

Kotelko: Jeder Mensch ist da anders. Was ich tue, gibt mir Energie, ich fühle mich großartig und stärker denn je. Ich kann selbst kaum glauben, dass es so ist.

SZ: Wir unterschätzen die Fähigkeiten alter Menschen?

Kotelko: So ist es.

SZ: Sehen Sie sich also als Vorbild?

Kotelko: Ja, natürlich. Denn was ich tue, ist gut für mich, und deshalb ist es bestimmt auch gut für andere.

SZ: Kennen Sie nicht diesen kleinen Teufel, der einem manchmal ins Ohr flüstert: Ach komm, heute lässt du das Training einfach ausfallen?

Kotelko: Den kenne ich nur, wenn es darum geht, mein Bett zu machen. Ich habe alles genau geplant: Ich brauche sieben Minuten bis zum Sportplatz, dann anderthalb Stunden Training.

SZ: Waren Sie schon mal verletzt?

Kotelko: Eigentlich nicht. Ich passe gut auf, wo ich hintrete, damit ich mir nichts breche. Ich habe keine Zeit, krank zu sein.

SZ: Wie viele Konkurrentinnen haben Sie in Ihrer Altersgruppe?

Kotelko: Bei der Senioren-Weltmeisterschaft in Finnland im vergangenen Jahr waren wir zu viert: aus Mexiko, England, Italien, und ich aus Kanada. Niemand aus Deutschland! Ich mache in zwölf Disziplinen mit, das ist ganz schön viel. Leider waren nie alle zusammen: Drei sind 100 Meter gerannt, zwei haben geworfen, und ich bin als Einzige gesprungen. Aber egal, es ist großartig, die Damen zu treffen. Und noch besser, mit ihnen zu rennen und als erste ins Ziel zu kommen.

SZ: In Japan gibt es eine 88-Jährige, die soll schneller sein als Sie. Was, wenn sie alle Ihre Rekorde bricht?

Kotelko: Das macht überhaupt nichts, Rekorde sind dazu da, gebrochen zu werden. Ich würde sie aber gern mal treffen.

SZ: Sie fliegen ständig durch die Welt. Ist das nicht sehr anstrengend?

Kotelko: Soll ich Ihnen was sagen? Ich habe noch nie einen Jetlag gehabt, ich weiß gar nicht, was das ist.

SZ: Es gibt 60-Jährige, die seit jungen Jahren trainieren und noch immer phantastisch in Form sind. Meinen Sie, Sie wären noch schneller, wenn Sie früher angefangen hätten?

Kotelko: Ich weiß nicht. Die heutigen jungen Athleten, die so unter Druck stehen, holen sich meistens Verletzungen, weil ihr Körper überfordert ist.

SZ: Gibt es etwas, das Sie noch erreichen wollen?

Kotelko: Ja: die 100 Meter schneller laufen. Meine Bestzeit liegt jetzt bei 23,95 Sekunden.