Süddeutsche Zeitung

Olga Kotelko:"Ich bin die Einzige über 90, die noch springt"

Olga Kotelko ist die beste Leichtathletin der Welt - in ihrer Altersklasse. Die Kanadierin ist 91. Ein Gespräch über Bestzeiten und die ganz großen Ziele im Leben.

Olga Kotelko ist 91 Jahre alt. Sie springt 1,77 Meter weit, den Diskus wirft sie auf 13,92 Meter, die 200 Meter schafft sie in 56,46 Sekunden. Damit ist sie die mit Abstand beste Leichtathletin der Welt - in ihrer Altersklasse, bei den 90- bis 95-Jährigen. Sie hat mehr als 600 Goldmedaillen gewonnen und 23 Weltrekorde gebrochen, im Rennen, Springen, Werfen.Wissenschaftler staunen über ihre Leistungen. Die Kanadierin mit ukrainischen Vorfahren lebt in Vancouver bei der Familie ihrer Tochter. Wenn sie nicht gerade trainiert, pflegt sie dort den Garten.

SZ: Frau Kotelko, wie alt fühlen Sie sich?

Kotelko: Sehr gut, auch nicht anders als mit 50.

SZ: Wie kommt es bloß, dass Sie noch so fit sind?

Kotelko: Physiologen haben meine Muskeln untersucht und keine Anzeichen für eine altersbedingte Schwächung gefunden. Warum das so ist? Keine Ahnung. Ich sage mir immer, es ist nie zu spät, sich rundum gesund zu fühlen.

SZ: Vielleicht sind Sie ja ein Einzelexemplar, ein Zufall der Natur.

Kotelko: Ich denke, gute Gene helfen schon. Obwohl: In meiner Familie gibt es sonst keine großen Sportler.

SZ: Wie sieht ein normaler Tag in Ihrem Leben aus?

Kotelko: Im Moment regnet es hier an der Westküste viel, aber wenn das Wetter einigermaßen gut ist, trainiere ich dreimal wöchentlich auf dem Sportplatz unserer Highschool. Ich laufe 100, 200 und 400 Meter, dann mache ich Hochsprung, Weitsprung und Dreisprung. Ich bin die einzige Über-90-Jährige, die noch springt. Dann trainiere ich fünf verschiedene Wurfdisziplinen und Staffelläufe, außerdem gehe ich zum Aquafit ins Schwimmbad. Und dreimal die Woche, jeweils für anderthalb Stunden, ziehe ich ein Dehnungsprogramm durch, das ich selbst erfunden habe. Ich nenne es O.K., man muss in jeder Stellung 30 Sekunden verharren. Und natürlich Reflexzonenmassage, die kann ich mit den eigenen Händen machen. Das bringt mir Energie, da bin ich wirklich sehr fleißig.

SZ: Haben Sie denn schon immer so viel Sport getrieben?

Kotelko: Nein, das ging erst mit 77 los. Ich habe zwei Töchter, die ich alleine großziehen musste. Aufgewachsen bin ich auf einer Farm in Saskatchewan, als siebtes von elf Kindern. Wir hatten Kühe, Schweine, Hühner, es gab jede Menge zu tun. Eine Zeitlang musste ich alle Kühe alleine melken. Danach war ich Lehrerin, 34 Jahre lang.

SZ: Und wie begann Ihr zweites Leben?

Kotelko: Nach der Pensionierung habe ich erst Softball gespielt, das ist ein bisschen wie Baseball. Und dann entdeckte ich die Leichtathletik.

SZ: Hat Ihnen jemand beim Einstieg geholfen?

Kotelko: Ich war ein paar Jahre in einem Sportclub, da nahm mich eine der Trainerinnen unter ihre Fittiche, ein phantastisches Mädchen aus Ungarn. Sie hat mir so viel beigebracht, dass ich das nun alleine kann. Sie war sehr streng, aber ich mochte das.

SZ: Haben Sie nie gedacht, der viele Sport könnte Ihnen schaden?

Kotelko: Man muss sich entscheiden. Und wenn man gesund bleiben will, muss man sich für das Richtige entscheiden. 70, 80, 90, das ist für Frauen ja kein Alter mehr. Sie können alles machen. Man muss sich nur eine passende Sportart heraussuchen, gut essen, auf sich aufpassen und vor allem Spaß daran haben.

SZ: Was heißt denn gut essen?

Kotelko: Ich esse einfach nicht so viel, und das verteilt auf vier oder fünf Portionen täglich.

SZ: Alkohol?

Kotelko: Ich liebe Scotch.

Der Teufel im Ohr

SZ: Manche in Ihrem Alter begnügen sich damit, einfach im Sessel zu sitzen und fernzusehen.

Kotelko: Jeder Mensch ist da anders. Was ich tue, gibt mir Energie, ich fühle mich großartig und stärker denn je. Ich kann selbst kaum glauben, dass es so ist.

SZ: Wir unterschätzen die Fähigkeiten alter Menschen?

Kotelko: So ist es.

SZ: Sehen Sie sich also als Vorbild?

Kotelko: Ja, natürlich. Denn was ich tue, ist gut für mich, und deshalb ist es bestimmt auch gut für andere.

SZ: Kennen Sie nicht diesen kleinen Teufel, der einem manchmal ins Ohr flüstert: Ach komm, heute lässt du das Training einfach ausfallen?

Kotelko: Den kenne ich nur, wenn es darum geht, mein Bett zu machen. Ich habe alles genau geplant: Ich brauche sieben Minuten bis zum Sportplatz, dann anderthalb Stunden Training.

SZ: Waren Sie schon mal verletzt?

Kotelko: Eigentlich nicht. Ich passe gut auf, wo ich hintrete, damit ich mir nichts breche. Ich habe keine Zeit, krank zu sein.

SZ: Wie viele Konkurrentinnen haben Sie in Ihrer Altersgruppe?

Kotelko: Bei der Senioren-Weltmeisterschaft in Finnland im vergangenen Jahr waren wir zu viert: aus Mexiko, England, Italien, und ich aus Kanada. Niemand aus Deutschland! Ich mache in zwölf Disziplinen mit, das ist ganz schön viel. Leider waren nie alle zusammen: Drei sind 100 Meter gerannt, zwei haben geworfen, und ich bin als Einzige gesprungen. Aber egal, es ist großartig, die Damen zu treffen. Und noch besser, mit ihnen zu rennen und als erste ins Ziel zu kommen.

SZ: In Japan gibt es eine 88-Jährige, die soll schneller sein als Sie. Was, wenn sie alle Ihre Rekorde bricht?

Kotelko: Das macht überhaupt nichts, Rekorde sind dazu da, gebrochen zu werden. Ich würde sie aber gern mal treffen.

SZ: Sie fliegen ständig durch die Welt. Ist das nicht sehr anstrengend?

Kotelko: Soll ich Ihnen was sagen? Ich habe noch nie einen Jetlag gehabt, ich weiß gar nicht, was das ist.

SZ: Es gibt 60-Jährige, die seit jungen Jahren trainieren und noch immer phantastisch in Form sind. Meinen Sie, Sie wären noch schneller, wenn Sie früher angefangen hätten?

Kotelko: Ich weiß nicht. Die heutigen jungen Athleten, die so unter Druck stehen, holen sich meistens Verletzungen, weil ihr Körper überfordert ist.

SZ: Gibt es etwas, das Sie noch erreichen wollen?

Kotelko: Ja: die 100 Meter schneller laufen. Meine Bestzeit liegt jetzt bei 23,95 Sekunden.

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Quelle:
SZ vom 09.12.2010/aro
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