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Sexuelle Unterdrückung in der arabischen Welt:"Vom Westen nicht so weit weg"

Kino Sexuelle Unterdrückung in der arabischen Welt

Wenn Arbeit allein weiblich ist: Szene aus "Die Quelle der Frauen".

(Foto: Tiberius Film)

In "Die Quelle der Frauen" treten Bewohnerinnen eines nordafrikanischen Dorfes in den "Liebes-Streik", weil sie nicht mehr als Einzige schuften wollen. Im Interview spricht Regisseur Radu Mihăileanu über Vergewaltigung in der Ehe, Parallelen zum Westen und die Poesie im Arabischen.

Sein großes Thema war bislang das jüdische Trauma der Verfolgung: Radu Mihăileanu, 1958 als Kind von Schoa-Überlebenden im kommunistischen Rumänien aufgewachsen, floh 1980 vor der Ceaușescu-Diktatur und lebte in Israel, bevor er sich in Frankreich niederließ und ein Filmstudium absolvierte.

In seinen Filmen setzte er sich seit Anfang der Neunzigerjahre häufig mit der Repression gegen Juden auseinander, in seinem letzten Werk von 2011 geht es Mihăileanu hingegen um die Unterdrückung des weiblichen Geschlechts: "Die Quelle der Frauen" ("La source des femmes") handelt von den Bewohnerinnen eines Dorfes in Nordafrika, die sich eines Tages der althergebrachten Regel verweigern, Wasser von einer weit entfernten Quelle ins Dorf tragen zu müssen, während die Männer faul im Teehaus sitzen. Die Frauen treten deswegen in einen "Liebes-Streik" unter der Devise: kein Sex, bis die Männer das Wasserproblem lösen. (Sehen Sie hier den offiziellen Trailer zum Film.)

Der Film mit der großartigen algerischen Charakterdarstellerin Biyouna in einer Nebenrolle erhielt 2011 eine Einladung in den Wettbewerb von Cannes und ist in Deutschland gerade auf DVD erschienen.

SZ.de: Ihr Film handelt von der Unterdrückung der Frauen in der traditionellen arabischen Kultur und ihrer Auflehnung gegen die Männer. Am Ende gewinnen die Frauen immerhin eine Schlacht ihres Befreiungskrieges. Ist das ein realistisches Ergebnis?

Radu Mihăileanu: Wenn ich ehrlich bin: In der Realität gelingt das nur selten. Denn wie der Film zeigt, reagieren die Männer mit Brutalität. Andererseits hat es erfolgreiche "Liebes-Streiks" von Frauen tatsächlich schon gegeben, etwa 2001 in einem kleinen Dorf in der Türkei. Und auch vor den Wahlen 2005 in Liberia, als Ellen Johnson Sirleaf zur ersten weiblichen Präsidentin Afrikas gewählt wurde. Vor diesen Wahlen durften Frauen in Liberia nicht wählen. Durch einen Liebes-Streik erzwangen sie ihr Wahlrecht.

Kino Sexuelle Unterdrückung in der arabischen Welt

Regisseur Radu Mihăileanu bei den Dreharbeiten zu "Die Quelle der Frauen".

(Foto: Julian Torrès/Elzévir Films/ Oï Oï Oï Productions)

Insofern kann Ihr Film den arabischen Frauen Mut machen. Haben Sie besonderes Augenmerk darauf gelegt, dass "Die Quelle der Frauen" in der arabischen Welt zu sehen war?

Der Film lief in Marokko in den Kinos und war dort ein großer Erfolg. Jeder kennt ihn inzwischen. In Tunesien wurde er auch gezeigt, allerdings nur in einem Kino. Zudem war er im Programm einiger arabischer Filmfestivals, aber viele Länder verweigerten eine Vorführung: Algerien, Saudi-Arabien und Jemen lehnten alle ab.

Wie sieht es mit dem Vertrieb von DVDs aus?

Mein Traum ist es, dass die Frauen in diesen Ländern den Film auf Raubkopien untereinander verbreiten. Ich sage das, obwohl ich ansonsten natürlich gegen Piraterie bin.

In Frankreich ist er auch schon im Kino gelaufen. Wie war die Reaktion in westlichen Ländern?

In Frankreich leben viele Araber, insofern fand ich auch hier mein Zielpublikum. Was ich interessant fand, war, dass viele arabische Großmütter mit ihren Enkelinnen kamen und ihnen anhand des Filmes zeigen konnten, was sie selbst in ihren Dörfern noch erlebt hatten. Aber das Thema ist auch vom Westen nicht so weit weg. In Korsika sagten mir Frauen: 'Wissen Sie, dass es bei uns vor fünfzig Jahren noch genauso war? Nur die Frauen mussten das Wasser holen.'

Es war Ihnen wichtig, Ihren Film aus einer weiblichen Perspektive zu erzählen. Wie haben Sie das als Mann angestellt?

Schon als ich sehr jung war, hatte ich einen Riesen-Respekt vor Ingmar Bergman, weil er sich so in die Frauen hineinversetzen konnte. Mir wird das nie so wie ihm gelingen, er war darin der unangefochtene Meister. Doch ich habe mehrere Monate lang in verschiedenen Dörfern in Marokko gewohnt und viele Frauen aus allen Generationen interviewt, was nicht einfach war.

Welche Erkenntnisse haben Sie in diesen Gesprächen gewonnen?

Dass es für diesen Film notwendig war, die Welt aus ihrer Subjektivität heraus zu betrachten. Ermessen zu können, was es zum Beispiel bedeutet, in dieser Kultur die Menstruation zu bekommen. Wie schwierig es ist, zur Arbeit verpflichtet zu sein und sich gleichzeitig um die Kinder zu kümmern. Gezwungen zu sein, noch am Tag der Geburt eines Kindes arbeiten zu müssen.