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Das Erbe der NS-Zeit:In freundlicher Verbundenheit

Anlieferung von Kunstwerken aus den NS-Sammlungen am Central Collecting Point in München, 1945/1946.

(Foto: Zentralinst. für Kunstgeschichte)

Wie ging Bayern nach dem Krieg mit NS-Raubkunst um? Der Historiker Johannes Gramlich hat das untersucht. Nicht ganz unproblematisch.

Von Jörg Häntzschel

Es begann mit den Kindern und Enkeln, die nach den weggemurmelten Verbrechen von Vätern und Großvätern fragten; ging weiter mit Meilensteinen wie der Wehrmachtsausstellung; und setzt sich bis heute fort, wenn nach Konzernen und Behörden auch Kulturinstitutionen ihre Verwicklung mit dem NS-Regime erforschen lassen. In dieser Tradition steht auch die Studie "Begehrt, beschwiegen, belastend", die der Historiker Johannes Gramlich über die Bayerischen Staatsgemäldesammlungen geschrieben hat.

Mit einem großen Unterschied: Seine Untersuchung behandelt nicht die Zeit vor, sondern nach '45, als den Staatsgemäldesammlungen die Kunstschätze von Nazi-Größen wie Hermann Göring, Baldur von Schirach und Heinrich Hoffmann in die Hände fielen. Rund 900 der von den Amerikanern beschlagnahmten Werke übernahmen die Museen in ihre Sammlungen, darunter waren viele, die jüdischen Sammlern gehört hatten. Ein großer Teil davon hängt bis heute in den Münchner Museen. Viele ließen sie versteigern. Andere jedoch gaben sie den Familien der NS-Granden persönlich zurück. Dass auf diese Weise zahlreiche Werke statt an die Opfer des NS-Kunstraubs an dessen Täter gingen, war den Verantwortlichen keinen Gedanken wert.

Die Amerikaner verpflichteten die Museen auf Prüfung und Rückgabe von Raubkunst

Viele kunstsinnige NS-Figuren hatten in und um München gelebt. Andere brachten ihre Schätze vor Kriegsende nach Süden. Dort bargen die US-Truppen dann, was noch übrig war. Täglich rollten die Army-Laster zum "Collecting Point" im "Führerbau" am Münchner Königsplatz. Bevor die Amerikaner das Lager an die Deutschen übergaben, verpflichteten sie sie, die Herkunft der Werke weiter zu prüfen und zurückzugeben, was gestohlen war. Doch die Museumsdirektoren und Ministerialbeamten trieb anderes um: Wie ließ sich möglichst viel für Bayerns Museen sichern und vor dem Zugriff des Bundes retten (nach jahrelangem Gezerre erhielt er einen Teil der Kunst).

Umso bestürzender ist es, wie generös sich dieselben Direktoren zeigten, als bei ihnen schon bald lauter Wiedergänger des Reichs vorsprachen. Ehemalige NS-Größen und deren Ehefrauen, Kinder und Anwälte - einer schickte seinen Masseur - forderten immer mehr ihrer beschlagnahmten Kunst zurück. Teils wehrten die Museumsleiter das Gebettel ab. Manches gaben sie heraus, weil entlastende Spruchkammerentscheide und Gerichtsurteile sie dazu zwangen. Vieles aber schenkten sie den alten NS-Familien in freundlicher Verbundenheit. Und als das nicht mehr opportun war, boten sie ihnen die Sachen für kleines Geld an - zum Kauf.

Johannes Gramlich macht glaubhaft, dass hinter diesen Deals keine persönlichen Bekanntschaften standen. Doch zumindest weltanschaulich standen sich beide Seiten oft nahe. Schließlich saßen bald nach dem Krieg auf den wichtigsten Posten der Museen wieder Leute wie Ernst Buchner, die teils selbst am NS-Kunstraub mitgewirkt hatten.

Die Staatsgemäldesammlungen hätten unabhängige Wissenschaftler beauftragen sollen

Es war höchste Zeit, dass die Staatsgemäldesammlungen endlich Licht in dieses Kapitel bringen. Doch sie hätten unabhängige Wissenschaftler damit beauftragen sollen, nicht einen jungen, am eigenen Haus angestellten Historiker, der nun über 350 Seiten hinweg mit seiner Befangenheit ringt. Sie hatten auch das Pech, dass ihnen die SZ zuvorkam, die die "höchst irritierenden Vorgänge" - so der Generaldirektor der Sammlungen, Bernhard Maaz, in seinem Vorwort - schon 2016 aufgedeckt hatte. Nur eben, wie er moniert, in "publizistisch verkürzter Weise". Damit ist Gramlichs Aufgabe ziemlich klar benannt: er soll Aufklärer und Verteidiger gleichzeitig sein.

Gramlichs problematische Rolle zeigt sich am deutlichsten darin, dass er den in seiner Studie berücksichtigten Zeitraum an einem vagen Zeitpunkt in der jüngeren Vergangenheit einfach enden lässt, weil er sonst auch über seinen eigenen Vorgesetzten hätte schreiben müssen. Zwar verschweigt er nicht, dass die Gemäldesammlungen bis heute auf Mengen von Raubkunst sitzen. Dennoch behandelt er Raubkunst als rein historisches Problem. Die Provenienzforschung seit 1998 habe "zu 20 restituierten Kunstwerken geführt", vermerkt er lapidar. "Es ist absehbar, dass weitere Rückerstattungen folgen werden." Dass die Pinakotheken wie viele Museen nicht genug Personal für die Provenienzforschung haben; dass sie Raubkunst nicht kenntlich machen; dass sie jahrzehntelang nicht einmal den von jüdischen Opfern beauftragten Provenienzforschern ihre Archive geöffnet haben; dass sie sich in vielen Fällen vehement gegen Restitutionen sträuben: All das bleibt unerwähnt.

Auch bei seiner Schilderung der Ereignisse nach dem Krieg stellt sich Gramlich immer wieder vor seinen Arbeitgeber. Er weist zu Recht darauf hin, dass für viele der aus heutiger Sicht haarsträubenden Entscheidungen die bayerische Ministerialbürokratie verantwortlich war. Er erwähnt die Opferrolle, die sich viele Deutsche damals konstruierten. Sogar die Museen verstanden sich als Geschädigte. Hatte Hitler nicht ihre Moderne-Sammlungen ausgeplündert? "Die Deutschen Museen haben in ähnlicher Weise wie die rassisch und politisch Verfolgten (...) durch das nationalsozialistische Regime Schäden erlitten", schrieb 1948 Hans Konrad Röthel, der spätere Direktor des Lenbachhauses. Die von den Amerikanern beschlagnahmten Werke zu behalten, wurde also als Akt der Wiedergutmachung verstanden.

Fazit: Rückgaben und Verkäufe seien "sinnbildlich für die Nachkriegsgesellschaft"

Doch man wird den Eindruck nicht los, Johannes Gramlich versuche immer wieder, individuelle und institutionelle Schuld der Museumsmitarbeiter in größeren Kontexten aufzulösen. Die Rückgaben und Verkäufe an ehemalige NS-Figuren seien eben "sinnbildlich für die Nachkriegsgesellschaft", schreibt er. Ein ähnliches Ziel scheint er mit der Überfülle von zitierten Aktennotizen, Briefwechseln, Sitzungsprotokollen zu verfolgen. Sie dienen ihm weniger dazu, eigene Urteile zu belegen, als diese zu vermeiden.

Wirklich irritierend ist aber, dass die Opfer des Kunstraubs in seinem Buch kaum präsent sind. Während er den abgehalfterten NS-Schranzen lange Psychogramme widmet, lässt er die allermeisten der jüdischen Vorbesitzer namen- und gesichtslos. Auch wenn sie nicht im Zentrum seiner Studie stehen, hätte nichts dagegengesprochen, ihnen mehr Raum zu geben, schon um klarzustellen, dass sich die Herkunft der Bilder heute nicht mehr ignorieren lässt .

Und dann ist da der Titel: "Belastend", so suggeriert er, seien die gestohlenen, geplünderten, erpressten Werke, mit denen sich die Museen heute auseinandersetzen müssen - so als sollten wir diese noch bedauern dafür, dass sie sich an gestohlener Kunst bereichert haben. Mitgefühl haben einzig die Nachfahren der jüdischen Sammler verdient, die ihr Eigentum bis heute vermissen.

© SZ
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