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Propaganda-Strategie des IS:Der Dschihad ist ein bildversessener Krieg

Sein Bildersturm ist in Wirklichkeit ein Bilderkult - unter umgekehrten Vorzeichen. Die IS-Propaganda weiß um die Macht des Bildes, vor allem in der westlichen Gesellschaft. Nicht umsonst halten die Kämpfer ihre Zerstörungswut im Video fest. Wenn es ihnen allein um die Auslöschung der Geschichte und die Zerstörung der Götzen ginge, bräuchten sie für ihre Handlungen keinen Videobeweis, der womöglich die einheimische Bevölkerung gegen sie aufbringt.

Der Kunsthistoriker Bruno Latour unterscheidet fünf Typen von Ikonoklasten, nach dieser Typologie ließen sich die IS-Terroristen als Idolzertrümmerer beschreiben. Sie ersetzen die erstarrten Idole ihrer vermeintlichen Gegner durch ihren eigenen nicht versiegenden Bilderstrom. Die Ikone durch den Überfluss an Bildern.

Islamistische Propaganda vermischt sich mit Selfies

Dieser Strom von Bewegtbildern aus der IS-Propagandamaschine ist bereits jetzt ausufernd und beinhaltet neben den Zerstörungen im Museum von Mossul auch so grausame Taten wie die Aufnahmen vom Mord an Geiseln und Deserteuren. Zwar sind Gewalt gegen Bilder und Gewalt gegen Menschen nicht vergleichbar, wohl aber ist es der inszenatorische Gestus dahinter. Der sogenannte Dschihad erweist sich als ein zutiefst bildversessener Krieg.

Er bringt seine eigenen Bilder hervor, man denke nur an 9/11. Der IS gibt vor, gegen die westliche Bildverliebtheit zu kämpfen, arbeitet dabei aber selbst mit möglichst wirkmächtigen Bildern. Die Kämpfer gerieren sich als Bilderstürmer, in Wirklichkeit aber verehren sie das Bild. Das eigene Bild soll das andere ersetzen, der Propaganda-Selfie die Götzen des Westens überdecken - und ist dabei selbst Götze des eigenen Narzissmus.

Im Internet mischt sich islamistische Propaganda mit Selfies von unerfahrenen Kämpfern, die aus dem Ausbildungscamp in der Wüste ihre Freunde zu Hause in Deutschland und Großbritannien grüßen: die Finger zum Victory-Zeichen, das Gesicht grinst in die Kamera. Diese Bilderstürmer sind mindestens so selbst- und bildverliebt wie der Westen, den sie angeblich bekämpfen.

© SZ.de/ghe/khil
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