Süddeutsche Zeitung

Propaganda-Strategie des IS:Krieg der Bilder

Die IS-Kämpfer, die in Mossul, Nimrud und Hatra Kulturschätze zerstören, sind nicht bloß primitive Bilderstürmer. Sie ersetzen die Idole des Westens durch ihre Propaganda - und sind ebenso bildverliebt wie unsere Selfie-Kultur.

Von Karin Janker

Der Anblick schmerzt: In einem Video ist zu sehen, wie IS-Kämpfer im Museum von Mossul wüten, wie sie Statuen von ihren Sockeln stoßen und ihnen die Köpfe abschlagen. Dieses Video, Teil gezielter Propaganda, zeigt nur einen Teil der jüngsten systematischen Verwüstungen, die der Islamische Staat im Irak anrichtet. Auch die historischen Stätten von Nimrud und Hatra wurden von Explosionen erschüttert und mit Planierraupen attackiert. Vermutlich sind auch diese Zeugnisse vorislamischer Hochkulturen den selbst ernannten Dschihadisten zum Opfer gefallen.

Ein verzweifelter, aber hilfloser Aufschrei der westlichen Welt ebenso wie der Intellektuellen in der Region folgte. Der IS trifft seine Gegner mit diesen Aktionen an einer verwundbaren Stelle. Denn wir lieben Bilder. "Wir" - der oft zitierte Westen - bauen ihnen Museen, nutzen aufwendige Technik, um sie zu konservieren, und bezahlen horrende Summen auf dem Kunstmarkt.

Doch nicht nur die Werke vergangener Epochen und namhafter Künstler faszinieren uns. Unser größter Liebesbeweis für Bilder liegt auf der Hand: Wir tragen sie neuerdings ständig bei uns, wischen vor den Augen unserer Freunde Urlaubsfotos übers Handydisplay und trinken auf einer Party exakt bis zu dem Zeitpunkt, an dem kurz diese ausgelassene Stimmung aufblitzt, die wir dann mit gezücktem Handy festhalten, bevor sie in blasse Betrunkenheit umkippt. Freunde, denen ihr Telefon abhanden gekommen ist, beteuern, dass es nicht der materielle Verlust ist, den sie betrauern, sondern der Diebstahl ihrer Erinnerungen, all der Bilder auf ihrem Handy.

Ein ähnlicher Diebstahl hat nun in Mossul, Nimrud und Hatra stattgefunden. Nur waren es keine verwackelten Schnappschüsse, sondern Teile des kulturellen Gedächtnisses der Region und der Menschheit, Ehrfurcht gebietende Zeugnisse antiker Hochkulturen. Unwiederbringlich verloren. Ohne Back-up.

Bei Bildern offenbart sich unser wunder Punkt

Gegen diese Kulturschätze gingen Dschihadisten mit Vorschlaghämmern, Bulldozern und Sprengstoff vor, um sie und die Geschichte, von der sie künden, auszulöschen. Ihr Bildersturm ist Provokation und trifft den Westen äußert wirkungsvoll: auf der Ebene des Bildes. Zwar halten wir uns für erhaben über den Aberglauben, dass ein Bild automatisch Abbild der Wirklichkeit ist, aber umso tiefer ist unser Glaube an den Informationsgehalt von Bildern. Fotos gelten uns als Beweismittel, eine mögliche Manipulation beim World Press Photo-Wettbewerb empört uns aus dem gleichen Grund. Geht es um Bilder, offenbart sich unser wunder Punkt.

Wir sind auf sie angewiesen - nicht nur im Journalismus, sondern auch in Medizin, Archäologie und Naturwissenschaft. Umso härter fühlen wir uns durch einen Angriff auf das Kulturgut Bild getroffen - auch wenn unsere Erschütterung nur ein Nebeneffekt dessen ist, was der IS bezweckt: eine Attacke auf die eigenen Glaubensbrüder und -schwestern.

Reste dieser Liebe zum Bild prägen auch die Sprache, mit der wir über die Zerstörungen im Irak sprechen. Von "Frevel" und "Schändung" ist in vielen Artikeln die Rede. Das klingt nach Verbrechen gegen Gott und gegen menschliche Wesen, nicht nach dem modernen säkularen Denken, das wir uns zuschreiben.

Die IS-Kämpfer im gleichen Zuge als primitive bärtige Bilderstürmer abzutun, trifft den Kern nicht. Der "barbarische Akt" der "Verachtung" gegenüber den Kunstwerken ist mehr als das; die Bilder zu zerstören, ist nur eine Komponente des Kalküls der Islamisten. Die Dschihadisten gehen über die bloße Zerstörung hinaus: Der IS verfolgt seine eigene Bildstrategie und diese unterscheidet sich ihrem Wesen nach kaum von der des Westens.

Der Dschihad ist ein bildversessener Krieg

Sein Bildersturm ist in Wirklichkeit ein Bilderkult - unter umgekehrten Vorzeichen. Die IS-Propaganda weiß um die Macht des Bildes, vor allem in der westlichen Gesellschaft. Nicht umsonst halten die Kämpfer ihre Zerstörungswut im Video fest. Wenn es ihnen allein um die Auslöschung der Geschichte und die Zerstörung der Götzen ginge, bräuchten sie für ihre Handlungen keinen Videobeweis, der womöglich die einheimische Bevölkerung gegen sie aufbringt.

Der Kunsthistoriker Bruno Latour unterscheidet fünf Typen von Ikonoklasten, nach dieser Typologie ließen sich die IS-Terroristen als Idolzertrümmerer beschreiben. Sie ersetzen die erstarrten Idole ihrer vermeintlichen Gegner durch ihren eigenen nicht versiegenden Bilderstrom. Die Ikone durch den Überfluss an Bildern.

Islamistische Propaganda vermischt sich mit Selfies

Dieser Strom von Bewegtbildern aus der IS-Propagandamaschine ist bereits jetzt ausufernd und beinhaltet neben den Zerstörungen im Museum von Mossul auch so grausame Taten wie die Aufnahmen vom Mord an Geiseln und Deserteuren. Zwar sind Gewalt gegen Bilder und Gewalt gegen Menschen nicht vergleichbar, wohl aber ist es der inszenatorische Gestus dahinter. Der sogenannte Dschihad erweist sich als ein zutiefst bildversessener Krieg.

Er bringt seine eigenen Bilder hervor, man denke nur an 9/11. Der IS gibt vor, gegen die westliche Bildverliebtheit zu kämpfen, arbeitet dabei aber selbst mit möglichst wirkmächtigen Bildern. Die Kämpfer gerieren sich als Bilderstürmer, in Wirklichkeit aber verehren sie das Bild. Das eigene Bild soll das andere ersetzen, der Propaganda-Selfie die Götzen des Westens überdecken - und ist dabei selbst Götze des eigenen Narzissmus.

Im Internet mischt sich islamistische Propaganda mit Selfies von unerfahrenen Kämpfern, die aus dem Ausbildungscamp in der Wüste ihre Freunde zu Hause in Deutschland und Großbritannien grüßen: die Finger zum Victory-Zeichen, das Gesicht grinst in die Kamera. Diese Bilderstürmer sind mindestens so selbst- und bildverliebt wie der Westen, den sie angeblich bekämpfen.

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