Kunstgeschichte:Der Nackte und das Genie

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Kunstgeschichte: Christie's versteigert diese Federzeichnung als neu entdecktes Original des Renaissancemeisters Michelangelo Buonarroti. Vorbild soll ein Fresko Masaccios sein.

Christie's versteigert diese Federzeichnung als neu entdecktes Original des Renaissancemeisters Michelangelo Buonarroti. Vorbild soll ein Fresko Masaccios sein.

(Foto: gemeinfrei/Christie's)

Das Auktionshaus Christie's versteigert eine neu entdeckte Zeichnung aus der Renaissance und sagt, diese sei Michelangelos älteste bekannte Aktstudie. Das wirft Fragen auf.

Von Kia Vahland

Sie war einmal eine Grande Dame, die Respekt und Bewunderung verlangte und erfuhr: die Kennerschaft. Irgendwann im 20. Jahrhundert war das vorbei, die große alte Dame wurde am Spielfeldrand stehen gelassen, weil es auch ohne sie zu gehen scheint: Man kann auch ohne Detailwissen Kunst genießen, betrachten, kaufen; der Betrieb hat sich darauf eingestellt und lebt ganz gut davon.

Nur noch wenige Kunsthistoriker sind bereit, ihr Forscherleben einer einzigen Künstlerin oder einer einzigen Technik zu widmen. Das hat viele Gründe: Wer zu spezialisiert ist, hat kaum Jobs zur Auswahl. Kennerschaft erfordert mehr Geduld, als ein auf Output ausgerichteter Wissenschaftsbetrieb erlaubt. Nicht mehr an jeder Universität werden Stil-, Motiv- und Materialanalyse überhaupt noch ausführlich gelehrt; ausgedient hat vielerorts auch der Postkartentest: "Wie datieren Sie diese Madonnenskulptur?" Hinzu kommt, dass etliche Laien Connaisseure längst nicht mehr für große "Zauberer und Wundertäter" halten (Max J. Friedländer), sondern eher für etwas wunderliche Budenzauberer. Woran jene Spezialisten ihren Anteil haben, die lange meinten, auf allgemeinverständliche Erklärungen verzichten zu können.

Es wimmelt von kaum hinterfragten Neuentdeckungen

Nur: Wenn nur noch vereinzelte Personen jeden Pinselstrich eines Malers, jede Ader im Marmor einer Bildhauerin auswendig kennen, dann stirbt der öffentliche Austausch von Argumenten. In diese Lücke stoßen geschickte Verkäufer. Und erklären dieses oder jenes Werk für besonders großartig, einzigartig und vor allem teuer. Die wenigen, die anderer Meinung sind, steigen ungern in den Ring - vielleicht, weil sie den Ärger scheuen, den das Schlechtreden von hochpreisiger Verkaufsware mit sich bringen kann, oder weil sie glauben, spröde Detailfragen interessierten sowieso niemanden.

Eine solche Entwicklung ist seit Längerem bei besonders bekannten Altmeistern zu beobachten. Es wimmelt von kaum hinterfragten Zuschreibungen an namhafte Künstler wie Leonardo da Vinci, Caravaggio, Michelangelo. Letzterer hat eine besondere posthume Karriere hingelegt. Sein zeichnerisches Werk hat sich nach seinem Tod vervielfacht, immer mehr Blätter wurden ihm im Laufe der Jahre zugewiesen - obwohl bekannt ist, dass der Meister zu Lebzeiten die meisten seiner Studien vernichtet hatte. Damit sind Neuentdeckungen wenig wahrscheinlich. "Über Originale des Genius zu verfügen und damit in einer gleichsam magischen Verbindung mit dem Künstler zu stehen, hat ein starkes Suggestionspotenzial", erklärt der Kunsthistoriker Horst Bredekamp in seinem jüngsten Michelangelo-Buch die trotzige Sehnsucht nach Michelangelo-Blättern.

Nun ist wieder eine Zeichnung auf dem Markt, die früher als Schülerarbeit galt, jetzt aber Michelangelo zuerkannt wird. An diesem Mittwoch wird sie beim Auktionshaus Christie's versteigert. Denkbar ist ein zweistelliger Millionenbetrag, ein Rekordpreis. Das Auktionshaus und auch zahlreiche Medien stellen die Sache so dar, als könne es gar keinen Zweifel geben, dies sei die älteste bekannte Aktstudie Michelangelos.

Nun ist aber die Herkunftsgeschichte des Blatts keineswegs so gut belegt, dass sich weitere Fragen erübrigen. Sie ist nur bis ins 18. Jahrhundert nachweisbar und hat zudem den Makel, dass Generationen an früheren Kunstkennern, die auch etwas davon verstanden, das Blatt nicht groß beachteten.

Umso überzeugender müssen inhaltliche und stilistische Argumente sein. Dafür, dass Michelangelo hier selbst zum Stift gegriffen hat, spricht das Thema: Die mittlere Hauptfigur des Blattes, der frierende Täufling, ist einem Fresko Masaccios in der Florentiner Kirche Santa Maria del Carmine nachempfunden, und tatsächlich erzählt der Kunstschriftsteller Giorgio Vasari 1568, der junge Michelangelo habe hier vor Ort Studien betrieben.

War Michelangelo jung und wusste es einfach noch nicht besser?

Allerdings weicht der gezeichnete Täufling vom Vorbild ab. Er scheint mit dem Hintern etwas in der Luft zu hängen, hat einen unsicheren Stand. Es gibt Zeichnungen, die ebenfalls aus dieser Schaffenszeit Michelangelos sein sollen; diese allerdings zeigen bekleidete Figuren, erlauben also kaum einen anatomischen Vergleich. Auch werden nicht alle von ihnen einhellig anerkannt. So wies Alexander Perrig, der beste und strengste Kenner des zeichnerischen Œuvres des Meisters, bei der in München befindlichen Vergleichsstudie darauf hin, dass deren Zeichner mit übermäßigem Aufwand und unnötiger Dichte schraffiert habe, also unsicher gewesen sei. Dies ließe sich auch bei dem neuen Blatt fragen: Ist das wirklich der für seine Strichsicherheit bekannte Michelangelo? War er jung und wusste es einfach noch nicht besser? Oder ist der Urheber doch ein anderer, unbeholfenerer Künstler? Diese Diskussion wäre zu führen - und für einen potenziellen Käufer wäre es besser, sie wäre schon geführt worden.

"Die Zeichnung würde natürlich, wenn authentisch, eine echte Bereicherung sein", sagt der Michelangelo-Experte Frank Zöllner über das neue Blatt. Christie's und die von dem Auktionshaus konsultierten Kenner formulieren es entschieden eindeutiger, sie bejubeln Michelangelos erste Aktzeichnung, in der sich seine späteren Schöpfungen wie die David-Statue und die Malereien in der Sixtinischen Kapelle schon ankündigen sollen.

Groß und teuer bleibt die Sehnsucht nach dem ungebrochenen, niemals unsicheren Genie.

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