Lehren aus der Trauer um Charlie Hebdo "Wenn wir schweigen, war das nur der Anfang"

Vater und Sohn: Die Filmemacher Daniel (rechts, 67) und Emmanuel Leconte (33) waren Charlie Hebdo eng verbunden.

(Foto: AFP)

Ein Jahr nach den Anschlägen auf Charlie Hebdo lassen Daniel und Emmanuel Leconte mit ihrem Film "Je suis Charlie" die Toten auferstehen. Sie appellieren an den Mut - auch in Deutschland.

Von Ruth Schneeberger

Ihr Film "Je suis Charlie" ist ein flammendes Plädoyer. Dafür, die Opfer nicht zu vergessen, die für die Meinungsfreiheit gestorben sind. Dafür, sich nicht immer nur auf die Täter zu konzentrieren, sondern sich an die Redaktion von Charlie Hebdo zu erinnern, die fast ausgelöscht wurde. Wir sehen lachende, tanzende, singende Journalisten - die inzwischen tot sind, ermordet. Und wir sehen ihre überlebenden Kollegen, wie sie direkt nach den Anschlägen gegen ihre Fassungslosigkeit ankämpfen.

Die französischen Filmemacher Daniel Leconte ("Carlos der Schakal") und Emmanuel Leconte (spielte den französischen König Franz I. bei den "Tudors") haben für ihre Doku eindrucksvolle Interviews sowohl vor als auch nach den Anschlägen geführt und mit den Bildern der Pariser angereichert, die am 11. Januar 2015 in einem riesigen Trauermarsch ihre Solidarität bekundeten. Der Film läuft seit dem 7. Januar, dem Jahrestag des Anschlags, in den deutschen Kinos.

SZ: Ihr Film ist sehr emotional. Weil Sie ihn direkt nach den Anschlägen gedreht haben und selbst noch unter Schock standen, oder haben Sie eine besondere Beziehung zu "Charlie Hebdo"?

Daniel Leconte: Beides.

Auf welche Weise sind Sie mit der Redaktion verbunden?

Daniel Leconte: Ich habe schon 2007 einen Film über sie gedreht, die Doku "It's Hard Being Loved by Jerks". Damals ging es um den Gerichtsprozess rund um die Veröffentlichung der Mohammed-Karikaturen, die aus der dänischen Zeitung Jyllands-Posten abgedruckt wurden. Das Gericht hat Charlie Hebdo damals recht gegeben, weil sie damit eine wichtige Debatte in Frankreich angestoßen haben. Wir waren alle zusammen mit dem Film in Cannes. Und mit Cabu war ich befreundet (Jean Cabut, ermordeter Cartoonist; Anm. d. Red.). Wir waren eine Woche vor dem Anschlag noch Abendessen. Wir haben für dieselbe Sache gekämpft. Deshalb hatten sie Vertrauen zu mir, und ich konnte diesen neuen Film direkt nach dem Anschlag vom 7. Januar vergangenen Jahres drehen, ein paar Wochen danach.

Emmanuel Leconte: Wir wollten schnell reagieren. Erst gab es diesen Moment der Bestürzung. Aber die Leute vergessen sehr schnell die Opfer und konzentrieren sich auf die Täter. Sie wollen wissen: Wo kommen die her, wo kommt diese neue Form des Terrors her? Das sind auch alles wichtige Fragen, aber in dem Moment doch eher für die Polizei. Für uns als Bürger und auch Freunde war es wichtig, schnell daran zu erinnern, dass diese Menschen nicht bei einem Unfall gestorben sind. Und die Überlebenden haben verstanden, dass sie diesen historischen Moment nutzen müssen.

Die Macher des Satiremagazins haben für ihre Provokationen viel Kritik einstecken müssen.

Emmanuel Leconte: Das müssen sie immer noch. Nach jeder neuen Attacke hieß es: Die wollen doch nur Aufmerksamkeit. Oder Geld. Oder Ärger machen. All diese grässlichen Argumente, um die Opfer selbst zur Verantwortung zu ziehen.

Warum werden Opfer immer wieder zu Tätern gemacht?

Emmanuel Leconte: Aus Angst. Auch heute noch sagen manche, wir Franzosen wären nicht in dieser Situation, wenn Charlie Hebdo die Mohammed-Karikaturen nicht veröffentlicht hätte.

Die wollen das Täterprinzip umdrehen, um ihre Ruhe zu haben?

Emmanuel Leconte: Ja, deshalb wird auch vergewaltigten Frauen vorgeworfen, sie hätten zu kurze Röcke getragen. Oder die Juden wären ermordet worden, weil sie angeblich so viel Geld angehäuft hätten. Manche verweigern sich der Realität, weil es leichter für sie ist, zu denken: Ohne Charlie Hebdo hätten wir diese Probleme nicht. Natürlich hätten wir sie doch. Der beste Beweis: Die am 8. Januar getöteten Juden haben keine Cartoons veröffentlicht. Und die im November Getöteten haben sich keinerlei Blasphemie schuldig gemacht.

Als Sie Ihren ersten Film über "Charlie Hebdo" gedreht haben: Hätten Sie jemals ein solches Massaker für möglich gehalten?

Daniel Leconte: Ja. Leider. Deshalb waren danach auch viele wütend auf uns. Weil wir damit rechnen mussten. Wir wussten, dass so etwas passieren kann, in welche Richtung sich das alles entwickelt. Wir wussten, dass das ein Krieg gegen uns ist. Aber in einer solchen Situation muss man umso stärker seine Werte hochhalten.

Emmanuel Leconte: Was ich überhaupt nicht erwartet habe, auch wenn es nur ein Detail ist, ist die Methode. Ich hätte damit gerechnet, dass einer auf der Straße erschossen wird. Aber nicht diese militärische Handlungsweise, mit Kalaschnikows, an den Polizeiwagen vorbei, und dann dauert es noch zwei Tage, bis sie gefangen werden. Wir wussten aber danach schon, dass es wieder Anschläge geben wird. Dass das nur der Start einer Serie von furchtbaren Attacken sein würde. Aber ich hätte nicht gedacht, wie barbarisch diese Leute sich auf junge Menschen in einer Konzerthalle stürzen und gleich 130 töten würden. Jetzt spekuliert man darüber, dass der nächste Schritt eine koordinierte Attacke in verschiedenen Städten Europas zur gleichen Zeit sein könnte.

Koordiniert erscheinen jetzt auch die Übergriffe zu Silvester in Deutschland. Haben Sie davon gehört?

Emmanuel Leconte: Ja, das war auch ein Terrorakt - wenn auch in einer ganz anderen Dimension. Es war ganz offensichtlich koordiniert.

Daniel Leconte: In Deutschland ist so etwas einfacher als in Frankreich. Wir haben inzwischen verstärkte Sicherheitsvorkehrungen. Aber ich bin mir sicher: Wir werden auch wieder attackiert werden. Wenn wir nicht aufpassen und schweigen, war das alles nur der Anfang.