Neu in Kino & Streaming:Welche Filme sich lohnen - und welche nicht

Neu in Kino & Streaming: Glenda Jackson (vorne) als Irene und Michael Caine (hinten) als Bernard spielen in "In voller Blüte" ein Ehepaar, das gemeinsam viel erlebt hat.

Glenda Jackson (vorne) als Irene und Michael Caine (hinten) als Bernard spielen in "In voller Blüte" ein Ehepaar, das gemeinsam viel erlebt hat.

(Foto: Leonine)

Ken Loach, Michael Caine und Glenda Jackson verabschieden sich von der Leinwand - das junge Talent Emma Seligman liefert den lustigsten Film des Jahres ab. Die Starts der Woche in Kürze.

Von Sofia Glasl, Fritz Göttler, Josef Grübl, Tobias Kniebe, Martina Knoben, Marlene Knobloch, Philipp Stadelmaier, Anna Steinbauer und Susan Vahabzadeh

Das Kino sind wir

Fritz Göttler: "Man hat Kino geatmet und gelebt damals", sagt die Filmemacherin Monika Treut. Damals, das war in den Achtzigern, als Kino mehr war als passiver Konsum und Schaulustgewinn, als man nach der Vorstellung über die Filme diskutierte, mit den Filmemachern. Die Filme waren kämpferisch auf vielfältige Weise, gegen die Startbahn West, für die Fantasie, für die Schwulen und ihre Bewegung. Ein wichtiger Teil dieses politischen Kampfes war der Filmladen Kassel, gegründet 1981 als Kollektiv - inzwischen betreibt er zwei Spielstellen. Livia Theuer widmet ihm diesen Film. Mitarbeiter kommen zu Wort und Filmemacher, die damals außerhalb der Filmindustrie drehten, Thomas Frickel und Andres Veiel, Gertrud Pinkus, Ulrike Ottinger und Monika Treut, es gibt Ausschnitte aus ihren selten gezeigten Filmen, "Dorian Gray im Spiegel der Boulevardpresse", "Verführung: Die grausame Frau", "Black Box BRD". Am Ende des Films war das damals so, erinnert sich einer: "Licht aus, die Leute springen auf, wo ist die nächste Demonstration!"

Bottoms

Marlene Knobloch: Dieser skandalös auf Amazon Prime versteckte Film ist der lustigste dieses sehr unlustigen Jahres 2023. Emma Seligman erzählt von zwei lesbischen High-School-Freundinnen, beide Jungfrauen, beide Loserinnen, beide hoffnungslos in heterosexuelle, magere Cheerleaderinnen verknallt. Um Eindruck zu schinden, gründen sie einen Fight Club für Frauen. Eine überdrehte, verrückte und intelligente Teeniefilm-Parodie.

Dead Girls Dancing

Sofia Glasl: Bevor der sprichwörtliche Ernst des Lebens beginnt, fahren die Abiturientinnen Ira, Ka und Malin mit dem Auto ziellos nach Italien. Unterwegs gabeln sie eine Tramperin auf, die von Hexen fasziniert ist und Abenteuer verspricht. In einem Geisterdorf träumen die vier vom wilden Leben jenseits der Erwachsenenwelt. Filmemacherin Anna Roller greift in ihrem Debüt klassische Bilder des Coming-of-Age-Films auf, sie trifft die Dynamik der Mädchengruppe in ihrer sprunghaften und ungelenken Unbedarftheit sehr anschaulich. Die heraufbeschworene Geisterwelt jedoch läuft dann leider ins Leere, letztlich lauert hier nichts als die Realität.

Elaha

Anna Steinbauer: Die Deutsch-Kurdin Elaha steht kurz vor ihrer Hochzeit, hat aber ein delikates Problem: Ihr Hymen ist nicht mehr intakt. In ihrer Community geht man als Jungfrau in die Ehe - die einen hinterfragen das nicht, die anderen kennen Tricks, wie man das Häutchen wiederherstellen kann. Für die 22-Jährige bedeutet das Stress. Vor allem deshalb, weil es da noch jemanden gibt, der aus einem ganz anderen Kosmos stammt. Das Spielfilmdebüt von Milena Aboyan, das seine Weltpremiere auf der Berlinale feierte, dreht sich smart und amüsant, aber nicht albern, um die behutsamen Emanzipationsversuche seiner zwischen den Kulturen stehenden Protagonistin, die ihren Weg zwischen sexueller Selbstbestimmung, familiärer Verpflichtung und den Erwartungen ihres Umfelds finden muss.

Napoleon

Tobias Kniebe: Der Brite Ridley Scott, stolze 85 Jahre alt, ist im Weltraum, in der Zukunft und im alten Rom zu Hause, aber am allerliebsten inszeniert er Schlachten. Das kann er wie kein Zweiter, da ist Spektakel garantiert. So haben sich hier zwei Feldherren - des Films und der Geschichte - gefunden. Der Rest funktioniert als Heldenreise eher nicht so gut. Joaquin Phoenix, der geprügelte Hund des Weltkinos, spielt Napoleon als Anti-Charismatiker, die Liebe der Grande Nation zu ihm bleibt ein Rätsel. Und von Kaiserin Joséphine (Vanessa Kirby), die ihn im Bett verlacht, lässt er sich zwar scheiden - kommt aber trotzdem nicht von ihr los.

Smoke Sauna Sisterhood

Martina Knoben: Alles muss raus! In der estnischen Rauchsauna - eine Tradition, die von der Unesco sogar zum immateriellen Kulturerbe erklärt wurde -, öffnen sich nicht nur die Poren, auch Geist und Seele sollen gereinigt werden. Über sieben Jahre hinweg hat Anna Hints für ihre Doku Frauen in die Sauna begleitet, wo sie erstaunlich offen über traumatische Lebensereignisse sprechen. Sie filmt die nackten Körper, diskret, aber ohne Scham, hüllt sie in ein altmeisterlich schönes Licht. Die schamanistisch anmutenden Sprechgesänge der Frauen, die Überhöhung der Saunagänge als feministische Gruppentherapie ist nicht jederfraus Sache. Aufschlussreich und erschreckend aber ist der Einblick in die estnische Gesellschaft, die als modern gilt, im Rauchsaunadunkel aber finsterste Abgründe offenbart.

In voller Blüte

Josef Grübl: Michael Caine, 90 Jahre alt, spielt einen Weltkriegsveteranen mit Rollator, der sich zum Jahrestag der Erstürmung der Normandie nach Frankreich durchschlägt. "The Great Escaper", so der Originaltitel des Films von Oliver Parker, basiert auf wahren Begebenheiten, es ist eine bewegende Geschichte über Schuld, Vergebung und eine lebenslange Liebe. Vor allem aber ist es eine Demonstration großer Schauspielkunst: Caine, für den es wohl der letzte Film sein wird, und die im Juni 2023 verstorbene Glenda Jackson sind ganz fabelhaft in ihren Rollen. Ein würdiger Abschied.

The Old Oak

Susan Vahabzadeh: Sein vielleicht letztes Wort ist ein verzweifelter Appell an den Gemeinschaftssinn: Ken Loach ist 87 Jahre alt - es könnte sehr wohl sein, dass "The Old Oak" nun tatsächlich sein letzter Film ist. Es ist ein trauriger Blick zurück auf eine gespaltene Gesellschaft. TJ (Dave Turner) lebt in einem kleinen Ort im Nordosten Englands - die Gruben sind weg, die Häuser wertlos, hier gibt es nichts mehr außer TJs Pub. Und der wird nun zum Konfliktstoff: In den leer stehenden Häusern werden Flüchtlingsfamilien untergebracht, und bald wird TJ, weil er ein wenig Licht in seinem Leben braucht und er sich mit einem jungen syrischen Mädchen angefreundet hat, dort für alle kochen. Nur wollen das gar nicht alle. Die Bilder an den Wänden des Pubs erzählen von seiner glorreichsten Zeit: von den großen Bergarbeiterstreiks in den Achtzigerjahren. Sie endeten in einer fürchterlichen Niederlage - aber auf dem Weg dorthin hielten alle zusammen.

There is a Stone

Philipp Stadelmaier: Eine Frau (An Ogawa) wandert durch die Natur und begegnet einem Mann. Gemeinsam vertreiben sie sich die Zeit. Lassen Steine übers Wasser springen, tragen Äste herum, spazieren durch den Nachmittag, bis es dämmert. Kinderseelen, versunken in Spiele, aus denen spontane Tätigkeiten entstehen und so etwas wie Freundschaft. Tatsunari Otas reizarmer Film ist genau das, was die Welt gerade dringend braucht.

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