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Folterprogramm der CIA:"Erlernte Hilflosigkeit" als Ziel der modernen Folter

Mitchell und Jessen hatten zwar in ihren Armeekarrieren nie einen einzigen Feind verhört und besaßen weder Wissen noch Erfahrung in den entsprechenden Techniken. Doch sie hatten Jahre damit zugebracht, hypothetische Grausamkeitsszenarien zu erfinden, hatten tagein, tagaus sadistische Folterknechte aus Schurkenstaaten gespielt. Niemand, so die Überlegung, würde den auf der ganzen Welt aufgegriffenen und in die "black sites" genannten Geheimgefängnisse geflogenen Terrorverdächtigen besser gewachsen sein, niemand würde sie ähnlich gut zum Sprechen bringen.

Und mehr als das "reverse engineering" der SERE-Methoden, also deren Umpolung von einem Defensiv- zu einem Offensivprogramm war auch gar nicht nötig, wie Mitchell Anfang Juli 2002 im CIA-Hauptquartier erläuterte. Sein Repertoire der Grausamkeiten, darunter außer den erwähnten auch "(10) Gebrauch von Windeln, (11) Gebrauch von Insekten und (12) Scheinbegräbnisse", stieß dort auf großen Anklang.

Folter, das klingt nach Daumenschrauben und Streckbank, nach Mittelalter. Mitchell und Jessen hingegen folterten mit Wasser, Licht und Country-Musik, sie hinterließen keine physischen Spuren (sieht man von den Gefangenen ab, die später unter ihrer Hand starben). Sie standen nicht für blutige Marter, sondern für "erlernte Hilflosigkeit", so die euphemistische Formulierung.

Gefangene ohne Widerstand

Der Begriff stammt von dem Psychologen Martin Seligman, der bei der Forschung zu den Ursachen von Depression in den Sechzigern ein Experiment an Hunden durchführte. Sobald diese lernten, dass Springen ihnen nicht half, Elektroschocks zu entkommen, erduldeten sie bewegungslos die Schmerzen. Das war der Zustand, in dem laut Mitchell und Jessen die Gefangenen jeden Widerstand aufgeben und ihre Geheimnisse preisgeben würden.

Tatsächlich konnten die privaten Folterer, deren Firma zeitweise bis zu 60 Angestellte hatte, bald Erfolge melden: Wenn der Beamte "seine Augenbraue hob" ging der Gefangene "ohne weitere Instruktionen langsam zum Wassertisch und setzte sich. Wenn der Beamte zweimal mit den Fingern schnipste, legte sich Subaida flach hin." Doch was der hilflose, zu hündischem Gehorsam erzogene Abu Subaida an Geheimnissen wusste, das hatte er lange vorher preisgegeben: In Gesprächen, die auf Respekt und Vertrauen basierten.

Das 300 Millionen Dollar teure Folterprogramm, so stellt der Bericht fest, hat keinerlei nennenswerte Erkenntnisse erbracht. Hilflos agierte nicht nur Abu Subaida, sondern auch die CIA selbst. Trotz wiederholter Proteste von CIA-Veteranen und in klarer Verletzung der Regeln ließ man zu, dass Mitchell und Jessen alle Rollen des Verhörprozesses in Personalunion spielten.

81 Millionen Dollar für Folter

Sie hatten das Programm entwickelt, sie folterten und verhörten, fungierten in denselben Foltersitzungen als beobachtende Psychologen und schickten anschließend ihre Berichte nach Langley. Was diese wert waren, lässt sich schon daran ermessen, dass beide nach Berichten 1800 Dollar pro Tag für ihre Dienste erhielten. Zwischen 2002 und 2009, als Obama das Programm einstellte, zahlte die Regierung 81 Millionen Dollar an ihre Firma.

Trotz ihrer Grausamkeiten wurden Mitchell und Jessen nie für ihre Taten belangt. Trotz der klaren Verletzung ärztlicher Ethik besitzt Mitchell bis heute seine Zulassung. Er dürfe nichts sagen zu seiner Arbeit für die CIA, meinte er kürzlich in einem Interview mit dem Onlinemagazin Vice. Nur eines merkte er süffisant an: "Es erscheint mir völlig unverständlich, dass es schlimm sein soll, Khaled Sheik Mohammed ins Gesicht zu schlagen, doch eine Hellfire-Rakete mitten in das Picknick einer Familie zu schicken, alle Kinder zu töten, die Oma zu töten, die Enkel zu töten, das ist okay."

© SZ vom 12.12.2014/danl

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