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Erster Weltkrieg und Propaganda:Mobilmachung der Kartoffel

Die Ausstellung "Krieg & Propaganda 14/18" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe demonstriert anhand zahlreicher zeitgenössischer Artefakte, wie die Hetze zum ersten Sieger im Ersten Weltkrieg wurde. Leider ist die Freude am Kunstgewerbe dann aber größer als die an der Analyse.

Von Willi Winkler

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Ansicht der Ausstellung "Krieg und Propaganda 14/18" im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg

Quelle: Museum für Kunst und Gewerbe Hamburg / Michaela Hille

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Die Ausstellung "Krieg & Propaganda 14/18" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe demonstriert anhand zahlreicher zeitgenössischer Artefakte, wie die Hetze zum ersten Sieger im Ersten Weltkrieg wurde. Leider ist die Freude am Kunstgewerbe dann doch aber größer als die an der Analyse.

Auch Krieg ist eine Kunst. Kaum ging es los am 1. August 1914, wandelte sich der Kaiser- und Soldatenkritiker Ludwig Thoma zum finstersten Militaristen und bettelte um gefl. Verwendung im Felde.

Theodor Heuss, den Redakteur der von Thoma herausgegebenen Kunst- und Literaturzeitschrift März, wies er an, statt "internationaler Gerechtigkeiten" den Krieg ins Blatt zu heben. "Heute interessiert man sich in Deutschland unendlich mehr für die Qualität eines Stahlrohrs als für den ganzen, eitlen kunsthistorischen Mist."

Der Krieg braucht diese Propaganda, und der von 1914 bis 1918 bot die erste Gelegenheit für ein multimediales Flächenbombardement. Die Werbung, das belegt die Ausstellung "Krieg & Propaganda 14/18" im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe, war der erste Sieger in einem Krieg, in dem die Deutschen mit ihrem Kaiser "durch Dick und Dünn / durch Not und Tod" gehen sollten. Werbung gab es seit Evas Angebot mit dem Paradiesapfel, aber jetzt wurde aus allen Rohren gefeuert.

Ansicht der Ausstellung "Krieg und Propaganda 14/18" im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg

Ansicht der Ausstellung "Krieg und Propaganda 14/18" im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg

Quelle: Museum für Kunst und Gewerbe / Michaela Hille

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Das sinnfälligste Beispiel dafür ist eine schlichte Lithografie. Das Plakat zeigt unter der Überschrift "Das Geheimnis von Lüttich" nur ein 42-Millimeter-Geschoss in Originalgröße, verziert mit dem Obersten Feldherrn Wilhelm II. und dem Reichsadler. Das war "unser Bombenerfolg", die rasche Eroberung der befestigten belgischen Stadt Lüttich durch beste deutsche Wertarbeit.

Natürlich gab es auch subtilere Formen der Werbung. Annähernd hundert deutsche Wissenschaftler, Dichter und Künstler wandten sich im Oktober 1914 mit der Drohung "An die Kulturwelt!", "daß wir diesen Kampf zu Ende kämpfen werden als ein Kulturvolk, dem das Vermächtnis eines Goethe, eines Beethoven, eines Kant ebenso heilig ist wie sein Herd und seine Scholle".

Einer der Unterzeichner war der Chemiker Fritz Haber, der ein halbes Jahr später Goethe und Beethoven mit Giftgas durchsetzen wollte.

Ansicht der Ausstellung "Krieg und Propaganda 14/18"

Ansicht der Ausstellung "Krieg und Propaganda 14/18" im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg

Quelle: Museum für Kunst und Gewerbe / Maria Thrun

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Selbstverständlich bestritt die versammelte Intelligenz, dass die Deutschen das neutrale Belgien überfallen, dass sie überhaupt Kriegsverbrechen begangen hatten. Nein, "eine schon lange an den Grenzen lauernde Übermacht" war es, die im August 1914 "von drei Seiten über unser Volk herfiel", das deshalb gar nicht anders konnte, als sich mit allen, also vor allem mit den Mitteln der Kultur zu wehren. Kultur aber hieß, siehe Ludwig Thoma: Schießgewehr. "Ohne den deutschen Militarismus wäre die deutsche Kultur längst vom Erdboden getilgt."

Seit 1914 sind Krieg und Propaganda oft synonym, jedenfalls so untrennbar verbunden, dass das massenhafte Sterben Letztere erst zu Höchstleistungen motiviert. Die Propaganda kreierte ein Volk von Freiwilligen, das seine jungen Männer von ihren Mädchen geleitet in blumengeschmückten Waggons zur Front rollen ließ, sie präsentierte Paul von Hindenburg, den sogenannten "Sieger von Tannenberg", als Reichsgroßvater auf hunderttausend Ziertellern, sie forderte die Mobilmachung der Kartoffel und hörte noch längst nicht auf bei "Deutschen Heldenzigaretten" und Schießspielen für die Kleinen.

Ansicht der Ausstellung "Krieg und Propaganda 14/18" im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg

Quelle: Museum für Kunst und Gewerbe / Maria Thrun

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Nicht nur das Kinderzimmer wurde militarisiert, die Propaganda erreichte auch die Hausfrau, bei der jetzt der Eisenhans Küchenmeister wurde. Dichterworte, besonders wenn sie den Heldentod besangen, wurden nicht anders als "ausgekämmtes Frauenhaar" zum unverzichtbaren Kriegsrohstoff.

Als es die Firma Hohner über eine Niederlassung in der Schweiz wagte, auch eine "Alliance Harp" zu vertreiben, regte sich vaterländischer Widerstand gegen diesen Verrat: "Ein Deutscher von heute darf keine Hohner-Harmonika mehr kaufen."

Plakat des Grafikers Jupp Wiertz: "Frauen und Mädchen! Sammelt Frauenhaar!", 1918, Offsetdruck

Ansicht der Ausstellung "Krieg und Propaganda 14/18" im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg

Quelle: Museum für Kunst und Gewerbe / Maria Thrun

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Die Alliierten reagierten auf die deutsche Kultur mit Gegenbildern. Der Niederländer Louis Raemakers zeichnete Wilhelm II. als Schlächter. Der Kaiser, der in einer französischen Karikatur mit Christi Worten die Kindlein zu sich kommen lässt, wartet mit einem blutigen Beil. Kriegsaufnahmen wurden gefälscht, und das Kino erlebte seinen ersten Triumph bei der "Schlacht auf der weißen Wand".

An dieser Propagandaschlacht waren alle Seiten beteiligt. Im Katalog ist viel vom Narrativ und von Kontextualisierung die Rede, aber die Freude am Kunstgewerbe, das sich in den verrücktesten Beispielen ausstellen lässt, ist dann doch größer als die an der Analyse. So kommt es, dass sich die Ausstellung gelegentlich selber in Propaganda verrennt.

Was genau will der Katalogautor Philip Rosin mit dem Satz sagen, der "Neutralitätsbruch (er meint den Überfall Deutschlands auf das neutrale Belgien) in Verbindung mit von deutschen Truppen begangenen Gräueltaten an belgischen Zivilisten" habe dazu geführt, "dass das Deutsche Reich früh in die propagandistische Defensive geriet, aus der es während des gesamten Krieges nicht mehr herausfand"? Hätte das Deutsche Reich vielleicht den Werbeetat erhöhen und damit in die Offensive gehen sollen?

Nebenbei: Könnte es nicht sein, dass die englische, französische und amerikanische Propaganda die deutschen Gräueltaten völlig zu Recht angeprangert hat?

"Le plan d'Hindenburg" Karikatur Paul von Hindenburgs von Mauriche Neumont in der französischen Satirezeitschrift La Baïonnette, 1917. Hindenburg hatte im Ersten Weltkrieg auf deutscher Seite die Oberste Heeresleitung inne.

Ansicht der Ausstellung "Krieg und Propaganda 14/18" im Museum für Kunst und Gewerbe in Hamburg

Quelle: Museum für Kunst und Gewerbe / Maria Thrun

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Die Propaganda-Defensive, in die das hier so bedauerte Deutsche Reich geriet, hatte zwei Großanlässe. Ein deutsches U-Boot versenkte das unter britischer Flagge fahrende Passagierschiff "Lusitania", dabei starben fast 1200 Menschen. Die Ausstellung bezeichnet das im bewusstlosen Bild-Stil als "menschliche Tragödie".

In den USA kam ein Plakat heraus, auf dem eine Mutter mit ihrem Kind in den Fluten versinkt und die Aufforderung "Enlist" hinterlässt, "Melde dich (zur Armee)".

Deutschland reagierte auf die internationale Empörung mit einer Gedenkmünze, die den Angriff auch noch als großen Schlag gegen den angloamerikanischen Kapitalismus feierte, der über Leichen ging.

Titelblatt der Leipziger Illustrierten Zeitung von 1915. In der Bildunterschrift heißt es: "Eine Heldentat der deutschen Marine: Die Vernichtung der drei englischen Panzerkreuzer "Aboukir", "Hogue" und "Cressy" durch das deutsche Unterseeboot "U 9" unter dem Kommando des deutschen Kapitänleutnants Otto Weddigen am Morgen des 22. September 20 Seemeilen nordwestlich von Hoek van Holland." 1467 Menschen verloren bei der Versenkung ihr Leben, 837 Mann überlebten.

Gottfried Benn, 1930

Quelle: Süddeutsche Zeitung Photo

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Im gleichen Jahr 1915 wurde in Brüssel die britische Krankenschwester Edith Cavell hingerichtet, weil sie englischen Soldaten zur Flucht verholfen hatte.

Der Dichter Gottfried Benn war als Militärarzt Zeuge der Hinrichtung und verfasste Jahre nach dem Krieg einen besonders kaltblütigen Bericht: "Sie hatte als Mann gehandelt und wurde von uns als Mann bestraft. Sie war in den Krieg eingetreten, und der Krieg vernichtete sie."

In ihrer Heimat wurde Miss Cavell zur Märtyrerin. Es entstanden Filme über die Frau, ein Berg wurde nach ihr benannt, beim Trafalgar Square in London bekam sie ein Denkmal, ein weiteres in Paris, das, kein Zufall, von den deutschen Truppen zerstört wurde, die 1940 im nächsten Krieg in Paris einmarschierten.

Zwei Jahre vorher, als er bei den von ihm so begeistert begrüßten Nationalsozialisten schon wieder aus der Gunst gefallen war, verteidigte sich Benn nicht bloß mit seinem Bericht über die Erschießung der Rot-Kreuz-Schwester, sondern rühmte sich seiner "Unerschrockenheit", weil er es gewagt habe, ihn in der demokratisch-pazifistischen Weimarer Zeit zu veröffentlichen.

Der Text beweise doch eindeutig, dass er, "national, militärisch und offiziersmässig" denke. "Er zeigt eindeutig meine positive, von Wehrwillen und militärischer Gesinnung getragene Weltauffassung." Davon weiß die Propaganda-Ausstellung natürlich nichts.

Gottfried Benn 1930 in seiner Arztpraxis in Berlin.

Unruhen bei der Uraufführung des Films "Im Westen nichts Neues", 1930

Quelle: Scherl

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Der amerikanische Antikriegsfilm "Im Westen nichts Neues" (1930) habe dem Studio Universal zwar "seinen ersten Oscar" beschert, erfährt der Besucher, "stieß nach seiner Deutschlandpremiere dort jedoch auf Ablehnung, da die kritische Sicht auf den Krieg als Herabwürdigung der deutschen Soldaten empfunden wurde".

Wie dumm kann man eigentlich sein, um einen solchen Satz zu formulieren und es dann auch noch auf einen ausgelegten Flugzettel über den Filmproduzenten Carl Laemmle zu schreiben? Hat der Autor dieser mustergültig relativierenden Betrachtung nie davon gehört, wie diese "Ablehnung" aussah?

Dass der NSDAP-Gauleiter von Berlin, jener Joseph Goebbels, für den drei Jahre später das Ministerium für Volksaufklärung und Propaganda geschaffen wurde, im Dezember 1930 mit seinen SA-Leuten systematisch die Vorführung des Films störte? Dass er so lange Stinkbomben werfen und im Kino sogar Mäuse aussetzen ließ, bis der Film, der, wie Siegfried Kracauer schrieb, "bei uns einstweilen den Krieg verloren hat", wegen seiner "ungehemmten pazifistischen Tendenz" tatsächlich verboten wurde?

Polizisten vor dem Mozartsaal in Berlin anlässlich der Unruhen dei der Uraufführung des Films "Im Westen nichts Neues" (nach der Romanvorlage von Erich Maria Remarque) im Jahr 1930.

Geschicklichkeitsspiel "Die böse 7"

Quelle: Stiftung Historische Museen Hamburg/Altonaer Museum

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Die Propaganda, die höret nimmer auf. So fügt sich diese Ausstellung in die populäre Geschichtsschreibung mit der für Deutschland so tröstlichen Kriegsunschuldsfrage, "und wo alle schuldig sind", heißt es einmal bei Hannah Arendt, "hat keiner Schuld."

Die Propaganda infiltrierte alle Lebensbereiche, auch die Kinderzimmer. Das 1914 erschienene Geschicklichkeitsspiel "Die böse 7" bemühte bekannte Stereotypen der Feindnationen.

Krieg & Propaganda 14/18. Bis 2. November im Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Katalog 25 Euro.

© SZ vom 23.7.2014/pak/odg

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