"Elvis" in Cannes:Return to Sender

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"Elvis" in Cannes: Der Hüftschwung sitzt. Das war's dann aber auch. Austin Butler als King of Rock'n'Roll in "Elvis".

Der Hüftschwung sitzt. Das war's dann aber auch. Austin Butler als King of Rock'n'Roll in "Elvis".

(Foto: AP)

"Elvis" in Cannes: Zum Finale des Festivals feiert das Hollywood-Biopic Weltpremiere. Gut, dass der King das nicht mehr erlebt.

Von David Steinitz

Nehmen wir einmal an, der Wikipedia-Eintrag von Elvis Presley hätte eine Nase. Und könnte koksen. Ganz viel. Dann hat man eine ungefähre Vorstellung davon, wie der Film "Elvis" aussieht.

Das aufwendige Hollywood-Biopic feierte kurz vor dem Finale der Filmfestspiele von Cannes seine Weltpremiere außerhalb des Wettbewerbs. Es konkurriert nicht um die Goldene Palme, die am Samstagabend vergeben wird. Die Kollegen vom US-Magazin Variety hatten anscheinend die Stoppuhr im Kino dabei und maßen, nachdem der Abspann lief, stolze zwölf Minuten Applaus im Grand Théâtre Lumière. Wobei man sich ernsthaft die Frage stellen muss, ob die Leute klatschten, weil ihnen der Film so gut gefiel - oder aus Erleichterung, dass er endlich vorbei war.

"Elvis" ist ein Herzensprojekt des australischen Regisseurs Baz Luhrmann. Er hat einst "Romeo & Julia" gemacht, einen der bekanntesten Filme der Neunzigerjahre (und einen jungen Mann namens Leonardo DiCaprio zum Superstar). Es folgten unter anderem "Moulin Rouge" und "Der große Gatsby". Alles Werke, mit denen Luhrmann seinen Status als Hollywoods Knallbonbon zementierte. Ein Bling-Bling-Regisseur, der Filme macht, die bunt und laut wie ein Feuerwerk sind. Luhrmann ist ein Künstler, der nicht seinen Stil der Geschichte anpasst, sondern die Geschichte seinem Stil. Das ist ein Ansatz, der auch mal ziemlich in die Hose gehen kann.

Der Versuch, Tom Hanks in einen dicken Mann zu verwandeln, geht gründlich schief

Dass es bei "Elvis" vorsichtig gesagt verschiedene erzählerische Ansätze gegeben haben muss, verraten die Filmcredits. In Hollywood schreibt mittlerweile fast immer eine Armada an Autoren an großen und teuren Filmen, weil die Produzenten Angst haben, dass der Film ein Flop werden könnte. Und es gibt ein kleines orthografisches Detail, das immer Auskunft darüber gibt, ob es sich um Teams handelt, oder um Ersatzleute, die Drehbücher, mit denen noch keiner recht zufrieden war, umschreiben sollten.

Steht zwischen den Namen ein "&", haben die Autoren gemeinsam am Drehbuch gearbeitet. Steht zwischen den Namen ein "and", haben sie getrennt und vermutlich nacheinander geschrieben. Im Abspann von "Elvis" steht unter dem Reiter Drehbuch "Baz Luhrmann & Sam Bromell and Baz Luhrmann & Craig Pearce and Jeremy Doner; story by Baz Luhrmann and Jeremy Doner". Ein wirklich herrliches "&"-und-"and"-Geflecht, mit dem viele Anwälte und Agenten bestimmt ein Weilchen beschäftigt waren und das für viele Drehbuchfassungen spricht.

"Elvis" in Cannes: Tom Hanks spielt Elvis' Entdecker und Sklaventreiber "Colonel" Tom Parker. Mit vollem Kisseneinsatz unterm Hemd.

Tom Hanks spielt Elvis' Entdecker und Sklaventreiber "Colonel" Tom Parker. Mit vollem Kisseneinsatz unterm Hemd.

(Foto: dpa)

Übriggeblieben ist eine dramaturgische Konstellation, wie man sie schon aus dem Biopic "Amadeus" über Mozart kennt, der ja so eine Art Salzburger Elvis war. So wie "Amadeus" aus der Sicht von dessen Gegenspieler Salieri erzählt wurde, wird "Elvis" aus der Sicht von "Colonel" Tom Parker (Tom Hanks) erzählt. Der Mann war Elvis' Entdecker und Manager, aber auch die Person, die ihn molk wie ein Nutztier. So manche Biografen werfen ihm vor, er habe den King in die Tablettensucht und damit in den Tod getrieben.

Wenn der große Tom Hanks so eine Rolle annimmt, kann eigentlich nichts schiefgehen, möchte man meinen. Aber es steht zu befürchten, dass dieser Film ihn nicht wieder aufs Oscartreppchen bringen wird. Sondern eher als peinlicher Ausrutscher zu den filmhistorischen Akten zu legen ist. Der Versuch, ihn wie den echten Colonel dick aussehen zu lassen, geht voll daneben und sieht durchgehend nach Kissen unterm Hemd aus (was vermutlich daran liegt, dass er ein Kissen unterm Hemd trägt). Von den Unmengen an Knetmasse in seinem Gesicht ganz zu schweigen. Endergebnis: fettes Rumpelstilzchen aus dem Mittleren Westen.

Tabletten. Las Vegas. Noch mehr Tabletten. Noch mehr Las Vegas

Elvis Presley wird gespielt vom amerikanischen Newcomer Austin Butler, der von Quentin Tarantino entdeckt wurde. In "Once Upon A Time In Hollywood" spielte er einen Jungen aus Charles Mansons Mördergang, der am Ende von Brad Pitt und dessen Pitbull zu Hackfleisch verarbeitet wird. Butler macht einen mehr als anständigen King of Rock'n'Roll, die Tolle sitzt, der Hüftschwung erst recht - aber wenn es der Welt an etwas nicht gefehlt hat, dann sind das Elvis-Imitatoren. Und recht viel mehr lässt Luhrmann ihn nicht machen. Er hetzt ihn als sympathischen, aber auch etwas naiven Mama's boy durch die Stationen von Presleys Leben, ohne dass es irgendeine Form der dramaturgischen Gewichtung gäbe. Initialisierung durch Gospel und Blues. Erster Plattendeal bei Sun Records. Der Wechsel zum Majorlabel RCA. Der Ärger wegen seines provokativen Tanzstils im konservativen Amerika. Hochzeit mit Priscilla. Geburt von Lisa Marie. Tabletten. Las Vegas. Noch mehr Tabletten. Noch mehr Las Vegas.

Anstatt sich auf einen bestimmten Teil seines Lebens zu konzentrieren, muss alles wenigstens einmal kurz vorkommen, auch zwei, drei Jahrzehnte amerikanischer Geschichte. Auf den Fernsehbildern im Hintergrund wird immer gerade jemand erschossen, und dann müssen alle zwei Sekunden lang traurig schauen. Martin Luther King, Bobby Kennedy, das Land geht parallel mit seinem größten Rockstar den Bach runter.

Weil Luhrmann das alles im selben MTV-Tempo erzählt, als hätten die seligen Neunzigerjahre nie geendet, schnell und laut und mit mehr Schnitten, als das menschliche Gehirn verarbeiten kann, wird alles zu einer einzigen penetranten Elvissoße. Luhrmanns typischer Soundtrack-Ansatz, die Musik der Handlungszeit mit Musik von heute zu vermischen, lässt den Film endgültig hyperventilieren vor lauter Überdosierung. Und weil der Film zwei Stunden und 39 Minuten dauert, fühlt man sich am Ende ähnlich durchgenudelt wie der erschöpfte, ausgebrannte Elvis auf der Leinwand. Der King lebt? Leider nicht. Um es mit einem seiner großen Songs zu sagen: Return to Sender.

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