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Ausstellung "Hamlet - Tell My Story":Der Allerweltsfreund

Kortner, Fritz - Schauspieler, Oesterreich/ als 'Hamlet' (l.); Kortner

Fritz Kortner (l.) gab den Hamlet in Leopold Jessners Inszenierung von 1926.

(Foto: ullstein bild)

Shakespeares "Hamlet" ist der erfolgreichste Pophit des Theaters, die Traumrolle aller Schauspielheroen. Und jede Generation erfindet sich den Dänenprinzen neu - die jüngere etwa als "Simpsons"- oder "Star Trek"-Version. Eine Ausstellung in München zeigt jetzt die Geschichte des Stücks auf deutschen Bühnen.

Von Christine Dössel

Am Ende darf jeder selbst zum Hamlet werden. Auf einer lose gezimmerten Bretterbühne, die hölzern das Theater der elisabethanischen Zeit zitiert, lädt das Deutsche Theatermuseum in München alle Besucher zum "Hamlet-Spiel": Bitteschön, "Ihr Auftritt"!

Aus fünf Totenköpfen, darunter ein blutroter und ein gruftig-grüner, gilt es einen auszuwählen, zum Beispiel den strassbesetzten, glitzernden, der an den Diamantenschädel von Damian Hirst denken lässt. Schön fest in der ausgestreckten Hand halten, Denkerposition und Grüblerstirn einnehmen, dann geht es auf Knopfdruck los: Auf den transparenten Gazeleinwänden, die wie in einer Hightech-Wäscheleinen-Installation im Halbkreis vor dem Bühnenpodest hängen und in einer Dauerschleife berühmte "Hamlet"-Monologe aus verschiedenen Inszenierungen und Filmen zeigen (Kenneth Brannagh, Mel Gibson, Laurence Olivier), kann man sich per Videobeamertechnik plötzlich selbst sehen, mit dem Totenschädel in der Hand.

Dazu wird, wie beim Karaoke, der passende Text eingeblendet, zum Ablesen und Selbersprechen: Nein, nicht "Sein oder nicht sein", Hamlets weltschmerzberühmter Monolog aus dem 3. Aufzug, 1. Szene, der fälschlicherweise immer mit dem Totenkopf in Verbindung gebracht wird. Sondern die Totengräberszene im fünften Akt, in der Hamlet auf dem Kirchhof, wo gerade das Grab für die tote Ophelia ausgehoben wird, auf Yorricks Schädel stößt, "des Königs Spaßmacher", und in Anbetracht des knochigen Fundstücks über den Gang allen Fleisches sinniert.

Gerade bei Schülern, sagt Ausstellungschefin Claudia Blank, sei dieser interaktive "Hamlet" ein voller Erfolg. Eine Gruppe holländischer Gymnasiasten habe sich auf der stilisierten Globe-Theaterbühne neunzig Minuten lang dem Rezitationsspiel hingegeben, aber es seien auch schon "ältere Damen nicht zu bremsen" gewesen. Womit ein Ziel der Schau schon mal erreicht wäre: "Hier soll jeder seinen Hamlet finden."

Dem Stück angemessen ist das Laienspiel auch, geht es doch im "Hamlet" grundsätzlich auch um die Theaterpraxis selbst, um Verstellung, Maskerade und die Wirkkraft des Schauspiels, durch die Hamlet den Königsmörder Claudius zu überführen gedenkt ("Die Mausefalle"). "Tell My Story. Hamlet und das deutsche Theater" heißt die Liebhaber-Ausstellung, die Claudia Blank, Leiterin des Deutschen Theatermuseums München, und ihr Kollege Winrich Meiszies vom Theatermuseum Düsseldorf gemeinsam anlässlich des 450. Geburtstags von Shakespeare ausgeheckt und erfrischend populär aufgemacht haben: ein Rundgang zum Stück aller Stücke, mit Ausflügen in die reiche Aufführungs- und Darstellungsgeschichte ebenso wie in den Bereich der Varia und Kuriosa rund um "Hamlet".

Denn die Tragödie vom zögerlichen Dänenprinzen, der den Mord an seinem Vater rächen soll und darüber fast wahnsinnig wird, dieses berühmteste, meistgespielte und für viele mit Abstand beste, tiefgründigste Drama der Weltliteratur hat früh schon Eingang gefunden in den Alltag und die Populärkultur. "Etwas ist faul im Staate Dänemark", "Die Zeit ist aus den Fugen", "Der Rest ist Schweigen": "Hamlet" ist zum Zitatenschatz und zur Metapher geworden, die Geschichte des Dänenprinzen zum Mythos, vielfach verfilmt, adaptiert und parodiert.

Shakespeare der Klingone

Walt Disneys "König der Löwen" basiert ebenso auf der "Hamlet"-Story wie "Star Trek VI: Das unentdeckte Land" - mit der resultierenden Frage: War Shakespeare Klingone? Es gibt eine "Hamlet"-Folge der "Simpsons", eine "Hamlet"-Schlussszene in "South Park" und eine entzückende Ausgabe der "Sesamstraße", in der Patrick Stewart, der verdiente "Raumschiff Enterprise"-Captain Picard, mit dem Großbuchstaben "B" in der Hand deklamierend über das Alphabet sinniert: "B or not a B? That is the question . . ."

"Hamlet" - so heißt inzwischen sogar eine Saatmais-Sorte, laut Hersteller zeichnet sie sich durch eine "herausragende Jugendentwicklung in Verbindung mit einer sehr guten Kältetoleranz" aus. In einem Schaufenster ist zu sehen, was der Markt sonst noch an "Hamlet"-Produkten bietet: vom gleichnamigen Parfum über Zigaretten bis hin zu Herrenschuhen. Die Biografie des Kochs Eckart Witzigmann heißt lustigerweise "Hamlet am Herd".

Eine Schlagzeilenwand demonstriert, dass Shakespeares zaudernder Titelheld besonders oft für Sportler herhalten muss, wenn sie mal nicht wie gewohnt draufhauen: "Tennis-Hamlet Tommy Haas", "Luca Toni gibt den Hamlet". Der Ausruf "Deutschland ist Hamlet" freilich ist schon älter. Er stammt von dem Vormärz-Dichter Ferdinand Freiligrath, der den Satz 1844 aus Enttäuschung über die politische Ohnmacht des Bürgertums formulierte: Der Traum von Freiheit, der die Deutschen immer wieder heimsuchte - wie der Geist des toten Vaters den jungen Hamlet -, er konnte noch nicht in einer Revolution durchgesetzt werden.

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